Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.
Titelfoto Gesche-M. Cordes

Rundbrief 2006, 17. Jahrgang

Inhalt

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Editorial

Die sprunghafte Zunahme der registrierten neonazistischen Gewalttaten um 30 % auf annähernd 10.000 im vergangenen Jahr bestätigt in erschreckender Weise die Notwendigkeit antifaschistischer Aktions- und Informationsarbeit. Da reichen keine Gedenkreden wie die von Ernst Cramer im Deutschen Bundestag am 27.1.2006 mit dem Tenor „In vielen Menschen hatte der Teufel gesiegt“. Solche Thesen verharmlosen vielmehr die nationalsozialistischen Gewalttaten und blenden den gesellschaftlich-historischen Hintergrund aus. Mit ihren bescheidenen Mitteln möchte die Bredel-Gesellschaft diesen Tendenzen entgegenwirken. Dieser Rundbrief spiegelt einen Teil unserer Aktivitäten in dieser Richtung wider. 

Auf der Basis von umfangreichen Recherchen, die Margot Löhr in den vergangenen Jahren im In- und Ausland durchgeführt hat, konnten im Oktober in Fuhlsbüttel 39 Stolpersteine zum Gedenken an das Schicksal jüdischer NS-Opfer verlegt werden. Bei der Vorbereitung und Durchführung der Verlegung hat die Bredel-Gesellschaft eng mit dem Alstertal-Gymnasium und der St.Lukas-Gemeinde zusammengearbeitet. Beiträge von Margot Löhr und Holger Tilicki widmen sich diesem Thema, u.a. berichtet Hans Sternberg über seine Beziehung zu Hamburg und das Schicksal seiner Tanten Fanny Harrison und Paula Marcuse, die beide deportiert und ermordet wurden. 

Spannend ist der Beitrag über die sensationellen Fundstücke aus dem privaten und literarischen Nachlass von Wilhelm Lamszus, die im Juli 2005 bei Renovierungsarbeiten in seinem ehemaligen Wohnhaus entdeckt wurden. Auch über einen anderen engen Freund von Willi Bredel, den dänischen Arbeiterdichter Martin Andersen Nexö, gibt es an Hand des Tagebuches von Maj Bredel Neues zu berichten. Spannend sind auch die biographischen Notizen zu Hans Vieregg, Pastor Rudolf Timm und Franz Jung. 

Während die Redaktionsarbeit ihren Lauf nimmt, herrscht im Büro der Bredel-Gesellschaft das organisierte Chaos: Bredels über 5.000 Bände umfassende Privatbibliothek muss umgelagert werden, weil die Forschungsstelle für Zeitgeschichte den Unterbringungsvertrag zum 31.12.2005 gekündigt hatte. Der Hintergrund ist die geplante Zusammenlegung öffentlicher Forschungseinrichtungen auf engem Raum im ehemaligen Finanzamt Schlump. Die Kostenersparnis kann Hamburg zur Finanzierung von Tamms militaristischem Marinemuseum sicherlich gut gebrauchen. Da alle in Frage kommenden Hamburger Bibliotheken und auch das Willi-Bredel-Archiv der Akademie der Künste in Berlin die Unterbringung des umfangreichen Bestandes abgelehnt haben, wird nun ein Teil von Bredels Büchern in den Räumen der Bredel-Gesellschaft aufgestellt. Die übrigen Bücher und ein Teil unseres eigenen Bestandes müssen leider ausgelagert werden. 

Hans Matthaei
Hamburg im März 2006 

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Stolpersteine in Fuhlsbüttel

Es war ein für Ende Oktober außergewöhnlich sonniger und warmer Nachmittag, an dem sich beeindruckend viele Fuhlsbüttler vor dem Haus Brombeerweg 47 einfanden, um der Enthüllung der ersten Stolpersteine für die aus unserem Stadtteil deportierten jüdischen Mitbürger beizuwohnen. Seit über einem Jahr ist für diese Stolpersteine gesammelt worden und der 27. Oktober 2005 war der bisherige Abschluss der Aktion. Auch die aufwändige Organisation und Koordination der Gedenkfeier zwischen der Kirchengemeinde St. Lukas, dem Gymnasium Alstertal, der Willi-Bredel-Gesellschaft und der Hamburger jüdischen Gemeinde war nicht einfach zu bewältigen. 

Nach einigen einführenden Worten der Veranstalter brachte uns Margot Löhr in einem kleinen Vortrag die 5 Menschen nahe, die hier gelebt hatten und 1941 Opfer des Nationalsozialismus wurden. Unter den Anwesenden waren auch Hans Sternberg, der 80jährige Neffe der beiden Schwestern Paula Marcuse und Fanny Harrison sowie die Enkel und Urenkel von Paula Marcuse, die extra für diesen Tag aus London angereist waren. Die Nichte des Opfers Edgar Hirsch mit ihrem Sohn aus Berlin waren ebenfalls unsere Gäste. 

Nachdem Schüler des Gymnasiums Alstertal die Namen der durch die Stolpersteine geehrten Personen vortrugen, sang Kantor Arieh Gelber von der Jüdischen Gemeinde Hamburg das Kaddisch, das jüdische Gebet der Trauernden. 

Die große Gruppe Menschen zog dann weiter zum Kurzen Kamp 6, wo der Künstler Gunter Demnig vor der Vaterstädtischen Stiftung weitere Stolpersteine verlegt hatte. Das ehemalige Mendelsohn-Israel-Stift diente während des Faschismus als sogenanntes „Judenhaus“, in dem jüdische Menschen zwangsweise zusammenlebben mussten. Von hier aus wurden in mehreren Transporten 35 Bewohner nach Minsk, Riga, Auschwitz und Theresienstadt deportiert. Vierunddreißig von diesen wurden dort brutal ermordet und ihnen wurde an diesem denkwürdigen Tag einen Stolperstein zugeeignet. Auch hier gab es eine zeremonielle Enthüllung der Stolpersteine.

Den Veranstaltern war es wichtig, dass auch in Fuhlsbüttel ein unübersehbares Zeichen zum Gedenken an die Opfer der Shoah gesetzt wurde. Zumindest, wenn man aufmerksam durch unsere Straßen geht, sollte man die Stolpersteine bemerken, die hier für diese Menschen, die direkt mit uns zusammen gewohnt haben als Nachbarn, Kollegen, Mitschüler, vielleicht sogar Freunde, verlegt wurden. 

Um 18 Uhr waren wir alle Gäste im Gemeindesaal der St. Lukas-Kirche, wo während einer zweieinhalbstündigen Gedenkfeier das Schicksal unserer ermordeten jüdischen Mitbürger mit historischen Fotos und Lesungen dargestellt wurde. Ein würdiger Rahmen wurde durch die Musik der jungen Geigerin Saskia Becker-Foß und der Flötistin Galina Jarkova geschaffen. 

Den Höhepunkt der Gedenkfeier bildete der Vortrag von Hans Sternberg über die Geschichte seiner Familie und insbesondere das Schicksal seiner Fuhlsbüttler Tanten Paula und Fanny. Berührt hat die Anwesenden sein Dank an die Menschen in Fuhlsbüttel, die dieses späte Gedenken 64 Jahre nach den Deportationen ermöglicht haben. Sein besonderer Dank galt Margot Löhr und ihrem couragierten Verfolgen des Ziels, den jüdischen Opfern der Naziherrschaft auch in Fuhlsbüttel ein Denkmal zu setzen. 

Zum Abschluss sang „Klezmerlech“, der jüdische Chor Hamburg, mehrere traditionelle Stücke und öffnete damit nach all dem Schrecken und der Trauer, der wir uns an diesem Tage stellen mussten, die Perspektive zu einer gemeinsamen Zukunft. 

Diese beiden neuen Orte des Gedenkens, die wir an diesem Tag einweihen konnten, unterscheiden sich von den bereits in unserem Stadtteil existierenden, der Gedenkstätte Konzentrationslager Fuhlsbüttel, der von der WBG erhaltenen ehemaligen Zwangsarbeiterbaracke und der Gedenkwand in der St. Lukas-Kirche dadurch, dass man diese notwendigen Gedenkstätten genauso verdrängen kann, wie die damaligen Orte des Schreckens. Die Stolpersteine konfrontieren uns aber direkt mitten auf unseren Straßen mit der Vergangenheit. 

Holger Tilicki

Fuhlsbüttler jüdische Frauen und Männer, die Opfer des Nationalsozialismus wurden und durch Verfolgung und Deportation den Tod erlitten:

Mendelson-Israel-Stift, Kurzer Kamp 6 

Brombeerweg 47 

Namen und Daten der Opfer sind entnommen: Hamburger jüdische Opfer des  Nationalsozialismus – Gedenkbuch, Bearbeitet von Jürgen Sielemann unter Mitarbeit von Paul Flamme, Staatsarchiv Hamburg, 1995 

Fuhlsbüttlerin, die als Opfer der Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus den Tod erlitt: 

Namen und Daten der Überlebenden sind entnommen: Miroslav Kárný, Michal Frankl, kol.: Theresienstädter Gedenkbuch. Die Opfer der Judentransporte aus Deutschland 1942–1945, Institut Terezínské iniciativy – Academia, Praha 2000 

Zusammengestellt von Margot Löhr

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Das Gedenken wachhalten

Es lässt für die Zukunft hoffen, dass das Gedenken an die Opfer der Shoah von vielen Menschen in Fuhlsbüttel wahrgenommen und unterstützt wurde und gemeinsam mit Angehörigen der Opfer und mit Kantor Arieh Gelber von der jüdischen Gemeinde Hamburg möglich war. 

Herzlicher persönlicher Dank der Angehörigen wurde uns zuteil, auch in Briefen aus England, Kanada und den USA, der hiermit an alle Spender und Beteiligten weitergegeben werden soll. 

Die Familie Marcuse und Frau Gottier unterstützten uns freundlicherweise mit ihren Familienfotos. Die ergreifende Rede von Hans Sternberg brachte uns dem Schicksal der Familie näher, wie auch sein eindrucksvolles Buch „Die Familie Sternberg“, das nun die Bibliothek der Willi-Bredel-Gesellschaft und die des Gymnasiums Alstertal bereichert. Hans Sternberg hat sich dankenswerterweise bereit erklärt, dies mit dem nachfolgenden Artikel in diesem Rundbrief fortzuführen. 

Fotos von der Einweihung und der Verlegung der Stolpersteine mit dem Künstler Gunter Demnig können in der Willi-Bredel-Gesellschaft, im Gymnasium Alstertal sowie im Gemeindehaus St. Lukas betrachtet werden. 

Damit das Gedenken weiterhin wachgehalten wird, findet ein jährliches Treffen bei den Stolpersteinen statt, bei dem auch die Steine gereinigt werden sollen. Eine Schulkasse hat bereits zugesagt. 

Wir treffen uns am 25. April 2006, dem Jom ha Shoah (Nationaler Gedenktag in Israel für die Opfer der Shoah), um 16 Uhr im Brombeerweg 47 und anschließend Kurzer Kamp 6.

Paten für die Stolpersteine können sich in eine Liste eintragen. 

Für das Innehalten und Erinnern – gegen das Wegschauen und Vergessen. 

Margot Löhr

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Dreimal Hamburg

In den 80 Jahren, das mein Leben inzwischen währt, hat die schöne Stadt Hamburg dreimal eine wichtige Rolle gespielt. In meiner Jugendzeit lag Hamburg noch relativ weit von meiner Heimatstadt Berlin entfernt. Die Stadt war uns Kindern nur bekannt, weil meine Tante Fanny vor meiner Geburt den Hamburger Kaufmann Max Harrison geheiratet hat und, wie das damals selbstverständlich war, zu ihm zog und bald darauf dann auch meine Cousine Lotte geboren wurde. Da der größte Teil der Familie in der Hauptstadt Berlin wohnhaft war, kamen die Harrisons häufig zu Besuch. Das war in meiner Erinnerung immer sehr schön und lustig, denn Onkel Max sprach mit dem Hamburger Dialekt, was uns Kinder sehr amüsierte. 

Erst 8 Jahre alt, konnte ich die schlimmen Veränderungen erst später erkennen, die mit dem Nationalismus über die deutschen Bürger jüdischen Glaubens hereinbrachen. Auch mein Vater, der unter dem Kaiser seiner Wehrpflicht nachgekommen war und als Soldat vier Jahre im ersten Weltkrieg dem Vaterland gedient hatte, schenkte den ersten Verfolgungen und Demütigungen keine rechte Beachtung. Um uns herum verließen viele Freunde und Bekannte das braune Deutschland, darunter auch meine Großmutter mit ihren zwei Söhnen und deren Familien. Es bedurfte der die ganze Welt aufschreckenden Pogromnacht vom 9. November 1938, um auch ihn zu überzeugen: sein Kaufhaus wurde verwüstet und geplündert, und die nur wenige Meter entfernt gelegene Synagoge brannte nach deren Schändung bis auf die Grundmauern ab. 

Im Jahre 1939

Inzwischen lehnten die meisten Länder die weitere Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen ab und es war unser Glück, dass mit Hilfe der bereits ausgewanderten Großmutter meine Eltern, meine Schwester und ich ein Einreisevisum in das ferne und unbekannte südamerikanische Kolumbien bekamen. Zurück blieben meine beiden verwitweten Tanten, deren Kinder vorzeitig nach England gerettet werden konnten und die in Hamburg wohnten. Über unsere Ausreise schrieb ich als 14-jähriger aus meiner Erinnerung (im Buch „Die Familie Sternberg“) wie folgt: 

Endlich war alles für die endgültige Ausreise aus der Heimat geregelt. Von Hamburg soll es mit dem Dampfer „MS. St. Louis“ der Hamburg-Amerika-Linie zunächst nach Southampton gehen. Die Wahl traf sich gut, denn in Hamburg wohnen die beiden verwitweten Schwestern meines Vaters, die uns nach einem kurzen letzten Treffen an den Hafen begleiten, soweit es erlaubt ist. Die beiden älteren Damen hatten bereits ihre Kinder in die Emigration geschickt und blieben nun ganz allein zurück. Wieder gab es einen Abschied ohne Aussicht auf ein Wiedersehen. Es gab Küsse und Tränen, gute Wünsche und viel Schmerz. 

Die Zeit drängte. Die Passagiere mussten die Kontrollen passieren, um an Bord zu gelangen. Das ging unerwartet reibungslos. Die Pässe erhalten den Stempel: „Hamburg, Hafen, ausgereist am 29. März 1939“. Man brachte uns mit den Koffern zu den beiden Kabinen. Plötzlich hörten wir Kinder unseren Vater in der Nachbarkabine einen Angstschrei ausstoßen. Er hatte seinen Mantel abgelegt und in der Tasche das Portemonnaie entdeckt, dass er mit einigen Hundert Mark beim Abschied seinen Schwestern hinterlassen wollte. In der Aufregung war die Übergabe vergessen worden. Was wäre wohl geschehen, wenn die Kontrollen intensiver gewesen wären? Was sollte man jetzt mit den verbotenen Geldbeträgen anfangen? Sie wurden sofort unter der Matratze versteckt. Erst wenn das Schiff ablegen würde, wäre die Gefahr gebannt. 

Es war später Nachmittag und es sollten noch Stunden bis zum Auslaufen des Schiffes vergehen. Ungemütliche Stunden aus vielerlei Hinsicht. Wir Kinder wollten unbedingt das Ablegen und den Beginn der Reise erleben. Für uns war es trotz allem ein großes Abenteuer, nicht zuletzt wegen der ersten Fahrt auf einem großen Schiff. Trotz vorgerückter Stunde knieten meine Schwester und ich auf dem Bett und betrachteten aus dem Bullauge das Hafenbecken. Lange Zeit sahen wir auf das Wasser und die gegenüberliegende Seite des Hafens. Gespenstisch lagen dort ein paar Schiffe, hell erleuchtet, und Kräne fuhren hin und her, schleppten Lasten aus oder in die Bäuche der Dampfer. Wir wurden nicht müde, dieses uns unbekannte Schauspiel zu beobachten. Dann, es mag fast Mitternacht gewesen sein, begann sich langsam das Bild zu ändern. Unser Schiff bewegte sich, die anderen Schiffe und die Kräne blieben zurück. Adieu Heimat ![ 1 ]

In den Jahren 1952 bis 1954 

Im Jahr 1945 war der furchtbare Krieg mit mehr als 50 Millionen Toten beendet. Deutschland war vernichtet, zerstört und von den vier Siegermächten besetzt. Sehr langsam normalisierte sich das Leben, in den drei Zonen der westlichen Mächte wurde die Bundesrepublik gegründet. Der erste Präsident, Theodor Heuss, forderte die von den Nazis ausgebürgerten Emigranten auf, in ihre alte Heimat zurückzukehren und beim Wiederaufbau des in Trümmern liegenden Landes zu helfen. Als dies mein Vater hörte, entschied er sich, zum großen Kummer meiner Mutter, dem Ruf des Präsidenten zu folgen. Er wollte einen zögerlichen Besuch in das Land der Täter, denen auch meine beiden alten Tanten zum Opfer gefallen waren, wagen. Wegen seines hohen Alters begleitete ich ihn. Wir schwankten zwischen Genugtuung und Trauer, waren erschüttert über das Ausmaß der Verwüstung und kehrten nach wenigen Wochen in das Land zurück, das uns in der größten Not rettendes Asyl gewährt hatte. 

Mein Leben hätte voraussichtlich einen anderen Verlauf genommen, wenn ich nicht bei dem ersten Besuch im Sommer 1950 einer jungen Frau begegnet wäre und mich unsterblich in sie verliebt hätte. Glücklicherweise waren mit Hitlers Untergang auch die diskriminierenden Rassengesetze aus dem Jahr 1935 außer Kraft gesetzt worden, und ich war sofort bereit zu einer erneuten Reise in das sich im Wiederaufbau befindliche Land und um zu meiner Liebe zurückzukehren. Mit einem Probevertrag und einem Gehalt von 250,– der neuen Deutschen Mark fand ich eine erste einfache Arbeit in Hamburg bei dem Warenhausunternehmen Hertie. Während ich von meinem Arbeitsplatz am Jungfernstieg eine der schönsten Ausblicke auf die Binnenalster genießen konnte, war meine Unterkunft als Untermieter am Woermannsweg in Hamburg-Fuhlsbüttel sehr bescheiden. Jedes zweite Wochenende, (das damals noch sehr kurz war, denn an den Sonnabenden wurde voll gearbeitet) fuhr ich mit der Bahn aus den sicher verständlichen Gründen nach Berlin. Für jede dieser Reisen brauchte man einen Interzonenpaß, der mir im Rathaus ausgestellt wurde. 

Das Geschäft meines Arbeitgebers florierte in allen seinen Filialen, die Lebensmittelkarten waren abgeschafft und man genoss das große Angebot. Neue Kleidung und Wäsche wurden benötigt, schließlich brauchte man für die neue oder wiederhergestellte Wohnung Möbel und Einrichtungsgegenstände aller Art. Die Menschen hatte eine Aufbruchstimmung erfasst. Als endlich meine Freundin und spätere Ehefrau trotz Schwierigkeiten dann doch die erforderliche Zuzugsgenehmigung bekommen hatte und wir eine winzige Wohnung in der Moojerstrasse im Stadtteil Wandsbek bezogen, fühlten wir uns trotz des sehr schmalen Geldbeutels sehr glücklich. Zurückblickend gehören diese drei Jahre zu den schönsten und unbeschwertesten meines Lebens. 

Wenn ich auch mit Bedauern Hamburg Anfang 1955 verlassen musste, und im Laufe der Zeit mehrmals in Frankfurt, in Berlin und Köln viele Jahre meines Arbeitslebens verbrachte, so war das der Preis für den stetigen Aufstieg auf der Karriereleiter. Für mehr als ein halbes Jahrhundert lag Hamburg leider nicht mehr auf meinem Weg, blieb aber als wunderbare und schöne Stadt stets in angenehmer Erinnerung. 

Das Jahr 2005

Es gehört zum Schicksal der Opfer des Naziregimes, soweit sie überlebten und nicht in den Vernichtungslagern ermordet wurden, dass Familienmitglieder voneinander getrennt, weit über die ganze Erde verstreut, eine neue Heimat gefunden haben. So erreichte mich auch über England die unerwartete Nachricht, dass die Willi-Bredel-Gesellschaft, zusammen mit der St. Lukas-Gemeinde und dem Gymnasium Alstertal, nach mehr als 60 Jahren den ehemals jüdischen Mitbürgern von Hamburg-Fuhlsbüttel ein Denkmal setzen wollte. Für Männer, Frauen und Kinder, die nur aufgrund ihres jüdischen Glaubens aus ihren Wohnungen verjagt, nach Polen verschleppt und dort auf grausame Weise getötet wurden und deren Grab niemand kennt, sollte an ihrem letzten Wohnsitz in der sicher auch von ihnen geliebten Stadt ein „Stolperstein“ gesetzt werden. Dieser ist mit dem Namen, den Geburtsdaten, dem Tag ihrer Deportation und Angaben zu dem Ort, wohin sie verbracht wurden, versehen und soll an diese unschuldigen Menschen und deren Heimsuchung erinnern. Auch für meine beiden Tanten, Fanny Harrison und Paula Marcuse, die sich 66 Jahre zuvor in Hamburg von uns verabschiedet hatten, wurde je ein Stolperstein enthüllt und eingeweiht, und ich bin gern der Aufforderung gefolgt, diesem Ereignis beizuwohnen. 

Aus diesem Anlass bin ich nach Hamburg heimgekehrt, in die Stadt, mit der mich so viele unterschiedliche Gefühle verbinden. Viel hat sich in dem vergangenen halben Jahrhundert verändert! Aber der Hauptbahnhof steht noch an der gleichen Stelle, auch das so beeindruckende Rathaus. Das Wasser der Binnenalster reicht noch immer an den, wenn auch stark veränderten Jungfernstieg, meinen ersten Arbeitsplatz gibt es allerdings dort nicht mehr.

Es war aber nicht die Aussicht auf einen nostalgischen Spaziergang durch das heutige Hamburg, sondern die ergreifende und außergewöhnliche Gedenkfeier zur Erinnerung an die Fuhlsbüttler Opfer des Nazismus, die mich zum dritten Mal nach Hamburg führte. Die Mahnung, unter Mitwirkung der Willi-Bredel-Gesellschaft das ungeheuerliche Geschehen der Vergangenheit nicht zu vergessen, hat mich tief ergriffen und sicher auch in der ganzen Stadt seine Wirkung nicht verfehlt. Von meiner Seite habe ich die Nachricht über diese bedeutungsvolle Geste an meine weit verstreute Familie weitergegeben, nach San Francisco, nach Florida, New York, Vancouver, London, Leeds, Bogotá und Berlin. Nicht versäumen möchte ich zu erwähnen, dass dieses Zeichen der späten Wiedergutmachung, soweit das möglich ist, überall große Anerkennung gefunden hat. 

Für mich, als einer der letzten Zeitzeugen, wird Hamburg für den Rest meiner Tage immer unvergessen bleiben. 

Hans Sternberg

[ 1 ] Hans Sternberg, Die Familie Sternberg, Posen Spandau Bogota Berlin, Schriftenreihe der Jugendgeschichtswerkstatt Spandau, Band 3, 2002, Seite 106 

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„Das Heil ist nicht Hitler, sondern gebührt allein Christus“

Ein Stolperstein für Karl Zietlow

Am Rande der Veranstaltung für die Fuhlsbüttler Stolpersteine sprach mich unser Mitglied Karl-Heinz Zietlow an und zeigte mir ein Foto vom Stolperstein seines Vaters Karl Zietlow (1901–1945). Karl-Heinz, Autor des von der WBG und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme herausgegebenen Buches „Unrecht nicht vergessen 1933–1945 – Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in Hamburg-Langenhorn“ lebt heute in Langenhorn, aber zur Zeit der Verhaftung seines Vaters wohnte die Familie am Lehmweg in Hamburg-Eppendorf. Dort wurde im August 2004 der Stolperstein für seinen Vater von Gunter Demnig gesetzt. 

Karl Zietlow wurde am 24.1.1901 in Schievelbein (Pommern) geboren und meldete sich – wohl auf Drängen seines Vaters, eines Reichsbahnbeamten – 1916 zu Kriegszeiten als Unteroffiziersschüler. Nach Ende des Krieges wurde ein Teil der Schüler der Hamburger Sicherheitspolizei überstellt, und so arbeitete er ab 1919 als Polizist in Hamburg. Karl Zietlow hatte schon in seinem Elternhaus in Pommern durch Verwandte die Bibelforscher kennen gelernt, richtete sein Leben nach dieser Lehre aus und ließ sich Anfang der zwanziger Jahre als Zeuge Jehovas taufen. In dieser Zeit lernte er seine Frau Elise kennen, die allerdings nicht zu dieser religiösen Gruppe gehörte. 

Das erste Mal kam der Wachtmeister der Ordnungspolizei Karl Zietlow während der Arbeiteraufstände in Hamburg 1923 in Konflikt mit seinem Dienstherrn: Er lehnte es ab, mit der Waffe gegen die Arbeiter vorzugehen und wurde aus dem Polizeidienst entlassen. Für die junge Familie – Sohn Karl-Heinz wurde 1922 geboren – brachen daraufhin harte Zeiten der Arbeitslosigkeit und der Gelegenheitsjobs während der Wirtschaftskrise an, bis er endlich 1929 als Chauffeur des Betriebskrankenwagens bei Blohm & Voss wieder eine feste Anstellung bekam.

Sein konsequentes Verweigern des „Deutschen Grußes“ als uniformierter Angehöriger der Betriebsfeuerwehr hatte im Februar 1934 die Entlassung bei Blohm & Voss zur Folge : „Er sagte, das Heil ist nicht Hitler, sondern das ,Heil‘ gebühre allein Christus, deshalb könne er Hitler nicht mit „Heil“ grüßen.“[ 1 ] In der Folgezeit mussten die Zietlows mit den nunmehr drei Kindern aus einer schönen und geräumigen Wohnung in eine kleine Wohnung am Lehmweg 7 umziehen. Trotz der Armut und der Folgen seiner Verweigerung für sich und seine Familie engagierte sich Karl Zietlow für die Bibelforscher, bei denen er vor dem Verbot im April 1933 keine Funktion inne hatte.

Die Besuche der Gestapo bei den Zietlows beschreibt sein Sohn wie folgt: „In unserer zweieinhalb Zimmer-Wohnung schlief ich im Wohnzimmer. Die Gestapo kam meistens abends.(…) Wenn es nun abends klingelte, ist Vater an die Haustür gegangen und anschließend mit den Gestapobeamten ins Wohnzimmer. Da habe ich gelauscht und dabei habe ich bemerkt, dass es zum Teil ehemalige Kumpels von der Polizei waren, weil Beamte Vater duzten und direkt „Karl“ zu ihm sagten. Es sind Worte gefallen wie „Karl, lass das nach, denk doch an deine Familie…“ [ 2 ]

Am 1.2.1935 wurde er verhaftet und vom Hanseatischen Sondergericht zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. Nach kurzer Zeit wieder in Freiheit, suchte er Kontakt zu bekannten Zeugen Jehovas und versuchte den illegalen „Wachtturm“ zu verbreiten. Er wurde zum Gruppendiener für die Zellen Hoheluft, Eppendorf, Winterhude, Nord-Barmbek und Groß Borstel. Die Gestapo führte sporadisch bei ihm Haussuchungen durch und fand kein belastendes Material. Am 15. September 1937 verhaftete ihn die Gestapo jedoch erneut und lieferte ihn ins Polizeigefängnis Fuhlsbüttel ein. 

Karl Zietlow wurde in der Folge zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, die er in der Strafvollzugsanstalt Wolfenbüttel verbrachte. Er erlebte diesen Aufenthalt nicht als Strafe, sondern als Prüfung vor seinem Gott Jehova und dessen Sohn Jesus Christus.

Da er die Unterschrift auf der „Verpflichtungserklärung“, sich in Zukunft nicht mehr gegen den NS-Staat zu betätigen, verweigerte, wurde er am 15. September 1940 mit der Häftlingsnummer 2969 und dem lila Winkel ins KZ Neuengamme überstellt.

Aus dieser Zeit gibt es nur noch wenige Spuren von Karl Zietlow. Vermutlich hat er im „Elbe-Kommando“ gearbeitet und dann im „Beton-Kommando“. Der tschechische politische Häftling Frantisek Vala erinnert sich: „Aus der Tongrube (dort arbeitete in Neuengamme die Strafkompanie – Anm. von Detlef Garbe) kam ich mit Hilfe des Kameraden Zietlow heraus in das Kommando, in dem die Betonplatten gefertigt wurden. Dort arbeitete ich drei Monate zusammen mit dem Kameraden Zietlow.“[ 3 ]

Erst im Sommer 1945 musste Elise Zietlow von der Britischen Militärregierung in Hamburg erfahren, dass ihr Mann einer der ca. 7.000 Neuengamme-Häftlinge war, die am 3. Mai beim Angriff britischer Jagdbomber gegen Schiffe in der Neustädter Bucht auf dem Dampfer „Thielbek“ umgekommen waren. Im Zuge der Evakuierung des Konzentrationslagers im April 1945 waren diese Häftlinge in der Neustädter Bucht auf Schiffe getrieben worden.

Erst Ende der 1950er Jahre konnte Karl-Heinz Zietlow die sterblichen Überreste seines Vaters ausfindig machen: „Wir wussten ja durch die Briefe aus dem KZ seine Häftlingsnummer. Diese Nummer wurde bei der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme als ,unbekannt‘ geführt. Dann haben wir in der Nummernliste nachgesehen. Da fanden wir folgenden Vermerk: „Nr. 2969 – unbekannt – KZ Neuengamme. Am 1.11.50 anlässlich der Exhumierung Massengrab Wiesengelände an der Strandstraße Haffkrug wurden 6 Leichen vorgefunden, dabei diese Stoffnummer.“[ 4 ] Er wurde auf dem Ehrenfriedhof für KZ-Opfer bei Haffkrug beigesetzt.

Karl Zietlow kam in die Mühlen der Nazijustiz, weil er sich nicht an die menschenfeindliche Ideologie der Nationalsozialisten anpassen wollte. Seine Verehrung für Jesus Christus und seine Arbeit als Bibelforscher stellten alle anderen „weltlichen“ Dinge, wie Familie und Staat in die zweite Reihe und ließen ihn 5 Jahre KZ Neuengamme überstehen. 

Sein Schicksal sollte uns wachsam machen gegenüber jeglicher staatlicher Bestrebung, das Leben von Menschen bis ins Letzte bestimmen zu wollen. Für dieses klare „Nein“ gegen eine allumfassende Fremdbestimmung durch die „Volksgemeinschaft“ und das selbstbestimmte Einstehen für die selbstgewählten Ideale steht für mich dieser Stolperstein.

Holger Tilicki

[ 1 ] Detlef Garbe, „Gott mehr gehorchen als den Menschen“, in: Verachtet – Verfolgt – Vernichtet, Hamburg 1986, Seite 201.
[ 2 ] Ebenda, S. 201.
[ 3 ] Ebenda, S. 206.
[ 4 ] Ebenda, S. 207.

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Wilhelm Lamszus

Das Versteck auf dem Dachboden

Ein sensationeller Fund hat im Juli 2005 die Historiker-Herzen  höher schlagen lassen: Konrad Feser hat bei Renovierungsarbeiten – unter Bauschutt versteckt – ein in Packpapier eingeschlagenes Paket entdeckt, das auf verschlungenen Pfaden den Weg in die Willi-Bredel-Gesellschaft gefunden hat. In dem geheimnisvollen Paket fanden sich neben Büchern, Zeitschriften und Artikeln  ein zerbrochener Schirmgriff sowie mehrere bisher unbekannte maschinengeschriebene Manuskripte.

Nun der Reihe nach: Die Familie Feser wohnt seit Jahren in der Wellingsbütteler Landstraße Nr. 36. Über den Bauherrn des Hauses war ihnen bislang nichts bekannt. Im Jahr 2003 veröffentlichte Klaus Timm den ersten Band seiner „Geschichten aus Klein Borstel“. In diesem Buch berichtete Timm auch über den Lehrer und Schriftsteller Wilhelm Lamszus. Durch diese Information angeregt, erschien im Rundbrief der WBG im März 2005 ein längerer Artikel mit dem Titel „Wilhelm Lamszus – Bredels Lehrer, Förderer und Freund“. Im Rahmen eines Stadtteilrundgangs der Willi-Bredel-Gesellschaft stellte Klaus Timm am 24. April 2005 beim Haus in der Wellingsbütteler Landstraße 36 ausführlich Leben und Werk von Lamszus vor. Über Nachbarn erfuhr schließlich auch die Familie Feser von dem „prominenten“ Vorbesitzer ihres Hauses und übergab das Paket am 24. Juli 2005 an Mitglieder der Bredel-Gesellschaft. Ulla Suhling und René Senenko haben anschließend ein Übergabe-Protokoll und ein ausführliches Bestandsverzeichnis über den Lamszus-Fund angefertigt.

Der Inhalt dieses „Schatzes“ lässt vermuten, dass Lamszus mit dem Machtantritt der Nazis  politische Verfolgung und möglicherweise Hausdurchsuchungen befürchtete. Für ihn wichtige Bücher, Zeitschriften und eine Materialsammlung zu den Themen Gaskrieg und Luftschutz sowie eigene Manuskripte versteckte er offensichtlich so gut, dass sie erst jetzt wiedergefunden wurden. Bei den Büchern handelt es sich um 4 Werke mit antimilitaristischem Inhalt von  Johannes R. Becher, Henri Barbusse und Ernst Friedrich (bei 3 Büchern ist das Vorsatzblatt herausgetrennt – vermutlich um den Besitzeintrag bzw. das Ex-Libri zu entfernen). Ferner gehören zu dem Bestand: eine Broschüre von 1931 über den Film „Im Westen nichts Neues“, herausgegeben von der Verlagsgesellschaft des ADGB, und die AIZ vom 25.12.1932 mit der Heartfield-Karikatur „Kleiner SA-Mann, was nun?“. Die Materialsammlung besteht aus 15 Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln aus dem Zeitraum 1926–1932, die sich überwiegend mit den Themen militärischer Einsatz von Giftgas und Luftschutzmaßnahmen beschäftigen. Außerdem gehören zum Bestand zwei Anti-Kriegs-Flugblätter des „Weltfriedensbundes der Mütter und Erzieherinnen, Deutsche Sektion“ von 1930 bzw. 1931 und ein Werbezettel für das Buch „Die blutige Internationale der Rüstungsindustrie“ von Otto Lehmann-Rußbüldt.

Bei den maschinengeschriebenen Manuskripten handelt es sich um zwei Exemplare eines fragmentarischen Theaterstücks mit dem Titel „Seht, wie der Zug der Millionen“ ohne Verfasserangabe (16 Seiten), die mit rotem Farbstift auf das Jahr 1924 datiert sind. Ein weiteres Manuskript liegt in zwei Fassungen vor: ein undatierter Antikriegsroman ohne Titel und Verfasserangabe (136 bzw. 143 Seiten) mit einigen handschriftlichen Bleistiftkorrekturen. Ferner enthielt das Paket eine Komödie in 3 Aufzügen mit dem Titel „Psychologie“ (62 Blätter). Hier ist der Verfassername auf der Titelseite mit einer Schere herausgeschnitten worden.

Dr. Andreas Pehnke, profunder Kenner von Lamszus’ Werk und Autor des Buches „Antikrieg – Die literarische Stimme des Hamburger Schulreformers gegen Massenvernichtungswaffen“ mit zahlreichen Texten von W. Lamszus, schreibt die gefundenen Manuskripte auch aus literaturwissenschaftlicher Sicht zweifelsfrei Wilhelm Lamszus zu. Pehnke hält die drei jetzt entdeckten Werke für so bedeutsam, dass er sich zur Zeit um eine Veröffentlichung bemüht. Auch eine Veranstaltung der Bredel-Gesellschaft mit Andreas Pehnke zu Leben und Werk von Wilhelm Lamszus ist in Planung. Vielleicht kann bis dahin auch das Rätsel des zerbrochenen Regenschirmgriffs gelöst werden…

Der folgende Textauszug aus dem Antikriegsroman, ohne Titel und Datum, ist vermutlich von W. Lamszus. Der Roman schildert einen Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion durch den Völkerbund mit deutscher Beteiligung. So wie er die Schrecken des 1. Weltkrieges in seinem Roman „Das Menschenschlachthaus“ schon 1912 prophezeit hat, sieht er in diesem Roman den – in der Realität allerdings von Nazi-Deutschland ausgehenden – Überfall auf die UdSSR 1941 voraus.

1. Kapitel: Der Vorabend

An dem Abend, der der Schreckensnacht vorausging, saß der Polizeipräsident in seinem Amtszimmer und versuchte, über die Situation ins klare zu kommen. Es sollte mit den Gewerkschaftsführern und den Vertretern des Wehrkommandos eine gemeinsame Sitzung stattfinden, um Beschlüsse über Maßnahmen zu fassen, die bei Ausbruch des Krieges zu ergreifen seien.

Dass gegen den Bolschewistenstaat, diesen ewigen Störenfried (der Welt), endlich etwas unternommen werden musste, darüber waren sich die maßgebenden Politiker des Völkerbundes seit langem einig. Sie hatten ihre Maßnahmen entsprechend getroffen. Dass bei einer Neuaufteilung des sechsten Teils der Erdoberfläche, der von den (roten) Handelsmonopolpolitikern der Weltwirtschaft entzogen wurde, nicht nur ungeheure Rohstoffquellen erschlossen würden, sondern vor allen Dingen auch die neuen Absatzgebiete den darniederliegenden Weltmarkt beleben würden – diese theoretischen Fragen waren längst von den Männern der Wirtschaft und Finanz gelöst worden und standen auch nicht mehr zur Debatte. Im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussionen stand die Befriedung Europas…

Hans Matthaei

Anmerkung: Die Worte in Klammern sind nachträglich vermutlich von Lamszus handschriftlich eingefügt worden 

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Wie Pastor Rudolf Timm zu einem „Gerechten seines Volkes“ wurde

In der 1998 herausgegebenen Chronik der Maria-Magdalenen-Gemeinde in Klein Borstel ist über deren vom 9.9.1938 bis zum Mai 1939 amtierenden Pastor folgendes zu lesen: „Rudolf Timm kam als Hilfsprediger zu uns, war aber von Bischof Tügel[ 1 ] bereits zum Pastor ernannt worden. (…) Seine Arbeitskraft wurde wesentlich durch den Kirchbau in Anspruch genommen. Die Grundsteinlegung fand am 6.2.1938 statt. Sein menschliches Wirken wird beispielhaft durch sein Eintreten für die jüdische Familie Valentin, Stübeheide 162, überzeugte und praktizierende Glaubenschristen. Ursula Valentin wurde am 2.4.1939 von Pastor Timm konfirmiert. Er hielt zu der Familie bis zu deren rechtzeitiger Auswanderung, auch dann noch, als das Nazi-Kampfblatt ,Der Stürmer‘ an zwei Stellen in Klein Borstel den Text aushängt ,Der evangelische Pastor von Klein Borstel unterhält freundschaftliche Beziehungen zu dem Juden Valentin.‘ Ursula Windsor, geb. Valentin, zählt Pastor Timm in einem Brief vom 16.7.1998 zu den Gerechten ihres Volkes und in diesem Sinn wollen wir das Andenken des Pastors Rudolf Timm ehren.“[ 2 ]

Unser Mitglied Klaus Timm, der in den letzten Jahren in seiner Reihe „Geschichten aus Klein Borstel“ über spezielle Fragen und Details zur Stadtteilgeschichte und über die weitverzweigte Familie Timm geforscht und veröffentlicht hat, recherchierte 2004 auch über die Kirchengemeinde in Klein Borstel. Über das Schicksal der Familie Valentin ist er aufgrund eigener Nachforschungen ebenfalls eingehend informiert[ 3 ] und hatte einiges an Material über den am 1.5.1933 als Theologiestudent in Tübingen in die NSDAP eingetretenen und späteren SA-Scharführer Rudolf Timm vorliegen, dass das Bild eines überzeugten Nazis und Antisemiten belegt. 

So schreibt der gebürtige Klein Borsteler Rudolf Timm 1937 an seine Landeskirche: „Nach wie vor gehöre ich sowohl der SA, wie auch der NSDAP an, meines Standes wegen oft bestaunt, manchmal angegriffen, aber auch geachtet, (…)“[ 4 ] Die von Klaus Timm zusammengetragenen Dokumente zeichnen das Bild eines Pastors, der voll auf der Linie des Hamburger Nazi-Bischofs Tügel lag. Tügel meldet dem evangelischen Feldbischof der Wehrmacht Dohrmann: „Sein Charakter ist einwandfrei. Seine Predigtleistung steht über dem Durchschnitt.“ Diese Beurteilung wurde vom Feldbischof abgefordert, da der kriegsfreiwillige Soldat Timm Kriegspfarrer werden wollte. 

Die Trauerreden und Traueranzeigen nach seinem Tod 1942, der als Freiwilliger in der Sowjetunion die Kriegsziele Hitlers so tatkräftig wie möglich unterstützen wollte, sprechen von einem „Gefallenen nach Gottes unerforschlichem Ratschluß. In aller soldatischer Ehre“, von „…Gott, der hier so wunderbar Leben angefangen hatte und es auf den Feldern Russlands reifen machte, …“ (Gedächtnispredigt von Pastor Zacharias-Langhans, Fuhlsbüttel).[ 5 ]

Wie kommt es, dass so einem Mann 60 Jahre später in der Gemeindechronik eine solch positive Beurteilung zu teil wird, fragte sich Klaus Timm und richtete am 1.7.2004 eine Anfrage an die Kirchengemeinde, ihm bitte den oben zitierten Brief von Frau Windsor geb. Valentin zugänglich zu machen, damit seine Quellenlage an dieser Stelle keine Lücke hat. 

Mit dieser Anfrage begann nun eine Zeit des verbissenen Kampfes um die Wahrheit, denn hier hatte er die Verantwortlichen in der Gemeinde bei einer offensichtlichen Geschichtsverfälschung ertappt. Klaus Timm: „Deshalb wurde ich fast sieben Monate lang mit Hinhaltetaktik, Verzögerungen, Finten, Verdrehungen und Ausflüchten hingehalten und genasführt, vermutlich in der Hoffnung, dass ich meine Nachforschungen entnervt einstellen werde.“[ 6 ] Zum Ärger der Gemeindevertreter blieb Klaus Timm aber an der Sache dran, holte sich professionelle Hilfe bei einem Archivar und machte sich auf einen 

Rechtsstreit gefasst. Der stolz als Beweis für Pastor Timms Ehrenhaftigkeit in der Chronik angeführte Brief der Frau Windsor war anfangs im Kirchenarchiv von Maria-Magdalenen nicht auffindbar, dann nur eine Anfrage, bald das Privateigentum eines Gemeindemitglieds und daher nicht öffentlich zugänglich, schließlich soll er vom damaligen Pastor Dr. Bobrowski „entsorgt“ worden sein.[ 7 ]

Dieses ganze monatelange Hin- und Her diente nur der Vertuschung der Tatsache, dass der Autor der Gemeindechronik Dr. Wolfgang Behrens „Persilschein-Literatur“, wie sie in der Nachkriegszeit gerne produziert wurde, um Menschen zu decken, die aktive Nazis waren, verfasst hat, damit die Kirchengemeinde heute „sauber“ in ungebrochener christlicher Tradition dastehen kann. Dieses Verhalten steht in Gegensatz zu dem in der evangelischen Kirche vorhandenen Willen, sich auch kritisch mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, wie z.B. 2002 in der Ausstellung „Kirche, Christen, Juden in Nordelbien“ geschehen . 

Der tatsächliche Sachverhalt, wie er von Klaus Timm herausgefunden wurde, ist wie folgt: Vor Pastor Timm und vor dem Bau des Kirchengebäudes gab es in Klein Borstel Pastor Lüder, der 1934 von Nazi-Bischof Tügel wegen seiner kritischen Haltung als Gefängnispfarrer in Fuhlsbüttel entlassen wurde und in Klein Borstel die Anfänge des kirchlichen Lebens schuf, sowie die Pastoren Dr. Eckhard Günther und Rudolf Bernhard Bahnsen.[ 8 ]

Besonders Pastor Dr. Günther „…(wurde) von der Gemeinde warm aufgenommen und (machte)… viele Außenstehende nachdenklich … der Gottesdienst wurde so rege, dass der Kirchsaal nicht mehr genügend Raum für die Gemeinde bot. (Deshalb) wurde er im Nov. 36 nach Allermöhe versetzt.“[ 9 ] Klaus Timm urteilt: „In Wahrheit: Günther war politisch unbequem. Er war mit Valentin befreundet und die Versetzung war eine Strafmaßnahme von Landesbischof Tügel auf Veranlassung von NSDAP und SA (Stürmer).“ Tatsächlich stand im Stürmer, der im Schaukasten vor dem NSDAP-Parteilokal „Kanadische Buch“ in der Wellingsbütteler Landstrasse aushing, folgendes unter „Kleine Nachrichten – Was das Volk nicht verstehen kann“: „Der evangelische Pastor in Klein Borstel(nunmehr in Allermöhe bei Hamburg) unterhält freundschaftliche Beziehungen zu dem Juden Valentin.“ Die Zeitungsseite aus der letzten Februarwoche 1937 belegt eindeutig den Bezug auf Pastor Günther und hat mit dem ab September 1938 amtierenden Pastor Timm nichts zu  tun![ 10 ]

Die Kopie dieser Seite aus dem Nazi-Kampfblatt „Der Stürmer“ bekam Klaus Timm von Eva Mandelkow zugeschickt, einer Tochter von „dem Juden“ Dr. Fritz Valentin und Schwester von Ursula Windsor, der angeblichen Briefschreiberin zugunsten von Nazi-Pastor Timm. Frau Mandelkow klärte die Situation gegenüber Klaus Timm: „Pastor Dr. Eckhard Günther war der Freund meiner Eltern.“[ 11 ]

Das unseriöse Verhalten der Gemeindevertreter von Maria-Magdalenen geht zu Lasten eines ehrlichen Geschichtsbildes und rückt einen tatsächlich aufrechten evangelischen Geistlichen, seinen Vorgänger Pastor Dr. Günther, in den Hintergrund. Pastor Timm kannte sämtliche Klein Borsteler Naziopfer aus seiner Kindheit und Jugend, denn er wuchs in ihrer Mitte auf. Später als Nazi und Pastor tat er absolut nichts zu deren Gunsten.

Auch bleibt die Frage offen, welche Rolle Pastor Heinrich Zacharias-Langhans und der DC-dominierte[ 12 ] Kirchenvorstand von St. Lukas in Fuhlsbüttel bei der Strafversetzung von Dr. Günther und der Einsetzung von Rudolf Timm als Pastor für seine Klein Borsteler Filialgemeinde spielte.

Holger Tilicki

[ 1 ] WBG-Rundbrief 2000, S. 34 ff.
[ 2 ] Jubiläumsblatt 60. Kirchweihfest 1998, Chronik unserer Gemeinde, Seite 5 – 21, Autor Dr. Wolfgang Behrens, zitiert in: Klaus Timm, 75 Jahre kirchliches Leben in Klein Borstel, Pastor Rudolf Timm und die Maria-Magdalenen-Gemeinde, Hamburg 2005, Seite 156.
[ 3 ] Klaus Timm, … an Stelle von einem Denk-Mal in Klein Borstel – für die Nazi-Opfer, Verfolgung und Widerstand, Hamburg 2004, Titelbild und Seite 107 ff.
[ 4 ] Timm, 75 Jahre kirchliches Leben, Seite 66.
[ 5 ] Ebenda, S. 131.
[ 6 ] Ebenda, S. 156.
[ 7 ] Ebenda, S. 170, Brief von Jürgen Hoffmann, Kirchenvorstand der Gemeinde Maria-Magdalenen (31.10.04).
[ 8 ] Jahrbuch des Alstervereins 2005, Klaus Timm, 75 Jahre „Gottesdiestlicher Raum Klein Borstel, Hamburg 2005, Seite 97.
[ 9 ] Ingo Willsch, Landgemeinde Klein Borstel, 1963, zitiert in: Timm, 75 Jahre kirchliches Leben, Seite 109.
[ 10 ] Ebenda, S. 204, Kopie der entsprechenden Seite aus „Der Stürmer“, übersandt von Eva Mandelkow.
[ 11 ] Ebenda, S. 194.
[ 12 ] DC = Deutsche Christen, nationalsozialistische „Glaubensbewegung“ in der evangelischen Kirche.

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1923: „Deutscher Oktober“ in Schleswig-Holstein?

Im Herbst 1923 erlebte die Weimarer Republik ihre bislang schwerste Krise: Eine galoppierende Inflation, Streiks und Hungerunruhen erschütterten das Reich. In dieser Situation konnte die KPD ihren Einfluss in der Arbeiterklasse schnell ausbauen. Das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI) hielt die Situation reif für einen „deutschen Oktober“ und entwickelte zusammen mit der Zentrale der KPD Aufstandspläne. Durch den schnellen Einmarsch der Reichswehr in Sachsen, hier hatte die KPD ebenso wie Thüringen mit der SPD eine Koalitionsregierung gebildet, und die Weigerung der SPD-Landesminister dagegen den Generalstreik auszurufen, sah sich die KPD-Führung gezwungen, den bereits für den 23.10. festgelegten Aufstandsbeginn abzusagen. 

Aus bisher nicht endgültig geklärten Gründen wurde diese Entscheidung dem KPD-Bezirk Wasserkante, zu dem auch Hamburg und Schleswig-Holstein gehörten, nicht rechtzeitig übermittelt. So begannen gemäß der Aufstandsplanung Mitglieder der KPD-Ortsgruppe Ahrensburg am Abend des 22.10. die Bahnlinie Hamburg-Lübeck zu unterbrechen und die Landstraße Ahrensburg-Hamburg durch eine Baumfällaktion zu sperren. In der Nähe der Straßensperre kam es zu einem Feuergefecht zwischen den Aufständischen und der Bürgerwehr, die von der Bismarck-Jugend, Landjägern und der Hamburger Polizei unterstützt wurde.[ 1 ] In Bargteheide gelang es sogar die Polizeiwache, den Bahnhof, das Postamt und das Gemeindebüro zu besetzen. Der Ortsvorsteher wurde im Bett überrascht und ebenso wie der Polizeiwachtmeister festgenommen. Erst als am folgenden Tag Reichswehr auf Lastwagen aus Lübeck eintraf, kapitulierten die Aufständischen.[ 2 ]

In der ebenfalls zum Kreis Stormarn gehörenden Arbeitergemeinde Schiffbeck, heute Billstedt, gelang es den Revolutionären für zwei Tage die Macht zu erobern. Zuerst wurden die Wachen in Schiffbeck und im benachbarten Billbrook gestürmt und die Polizisten festgenommen. Die Aufständischen besetzten auch das Postamt und die Druckerei, setzten die bürgerliche Verwaltung ab und bildeten einen provisorischen Vollzugsausschuss. Er richtete eine Gemeindeküche ein, in der hungernde Arbeitslose warmes Essen erhielten und die Mitglieder der Kampfgruppen verpflegt wurden. Die Aufständischen bauten Verteidigungslinien und sicherten die Berliner Chaussee nach Bergedorf. Der erste Angriff eines Polizeiverbandes konnte trotz des Einsatzes eines Panzerwagens nach längerem Feuergefecht abgewehrt werden. 

Von diesen im Gegensatz zu den Ereignissen in Hamburg (Hamburger Aufstand) kaum bekannten Vorgängen im Kreis Stormarn gibt es keinerlei Fotographien. Ein Aufstandsteilnehmer in Schiffbeck, der damals 21 Jahre alte Theatermaler und spätere Bühnenbildner Otto Gröllmann (1902–2000) hat einige Episoden der Schiffbecker Ereignisse in Form von Bleistift- und Tuschezeichnungen sowie Linolschnitten ungefähr 30 Jahre nach den Ereignissen festgehalten. Die kleinen Kunstwerke stellen unpathetisch typische Situationen aus der Perspektive eines Aufstandsteilnehmers dar. „Otje“, wie ihn seine Freunde nannten, war ein Jugendfreund Willi Bredels aus der Freien Proletarischen Jugend (FPJ).[ 3 ]

Revolutionäre Aktionen gab es ebenfalls in Bargteheide, Wandsbek, Altona, Bramfeld, Rahlstedt, Wellingsbüttel, Hummelsbüttel und Lägerdorf (Kreis Steinburg).[ 4 ] In Kiel streikten über 5000 Werftarbeiter. Einige Polizeipatrouillen wurden dort überfallen. Auch in Lübeck und Neumünster gelang es der KPD größere Streiks zu organisieren. 

Der Leiter des KPD-Bezirkes Wasserkante, Hugo Urbahns, der am Abend des 23. Oktober aus Sachsen nach Hamburg zurückkehrte, versuchte umgehend mit Hilfe von Kurieren die Aufstandsaktionen in Hamburg und Schleswig-Holstein abbrechen zu lassen. Dies gelang aber erst vollständig am 25.10.1923. So fand nicht nur in einigen Stadtteilen Hamburgs, sondern auch in mehreren Orten Schleswig-Holsteins zwei Tage lang ein „deutscher Oktober“ statt. 

Hans-Kai Möller

[ 1 ] Heinz Habedank: Zur Geschichte des Hamburger Aufstandes 1923, Berlin 1958, S.108/109.
[ 2 ] Wilhelm Postl: Bargteheide im Amt Tremsbüttel, Die Geschichte des Dorfes, Eine Dokumentation, 4.Auflage Juli 1998, S. 132. Hans-Jürgen Perrey: Stormarns preußische Jahre, Die Geschichte des Kreises von 1867 bis 1946/47, Neumünster 1993, S. 210.
[ 3 ] Zur Biographie Gröllmanns: Holger Tilicki: Otje hol di stiff, Ein Nachruf auf Otto Gröllmann, in: Rundbrief der Willi-Bredel-Gesellschaft 2001, S.43–49.
[ 4 ] Hans-Kai Möller: Revolution im Alstertal? Die Oktoberereignisse im Oberalstergebiet, in: Rundbrief der Willi-Bredel-Gesellschaft 2004, S. 22–26.

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Aus dem Leben von Hans Vieregg

Das Abenteuer mit den Urnen

Abschließender 2. Teil. Fortsetzung aus Rundbrief 2003[ 1 ]

Hans Vieregg, Sohn des Hamburger KPD-Bürgerschaftsabgeordneten Alfred Levy, Zeitungsakquisiteur und Kommunist, von den Nazis als „Halbjude“ diskriminiert, lebt seit 1935 unter dem Namen seiner Mutter, Vieregg, halblegal in Berlin und wird im Mai 1945 in seinem Versteck von einen sowjetischen Soldaten aufgefunden und befreit. Nach dem Krieg erfährt er, dass sein Onkel im KZ Buchenwald ermordet und seine Großmutter in Theresienstadt umgekommen ist. „Auch meinen Vater habe ich nie wieder gesehen“, berichtet uns Hans in Hamburg. Alfred Levy, Kampfgefährte Ernst Thälmanns, von einem sowjetischen Sondergericht zum Tode verurteilt, wurde am 28. Mai 1938 in Butowo bei Moskau erschossen.[ 2 ]„Bis 1951 galt mein Vater noch als vermisst. Obwohl das noch lange vor Chruschtschows Enthüllungen war, ahnten … ja wussten wir, dass Vater den ‚Säuberungen’ zum Opfer gefallen war. Das sich als Freund der Sowjetunion selbst eingestehen zu müssen, war ein tiefer Schock“, erzählt Hans. „Da haben wir Vater für tot erklären lassen. Erst 1993, nach dem die sowjetischen Archive geöffnet worden sind und die Todeslisten im ‚Neuen Deutschland’ standen, habe ich erfahren, wie er umgekommen ist.“ Wir spüren in seinen Worten eine Bestimmtheit, wie sie nur aus bitterer Erfahrung rühren kann. Er will es mitteilen, auch wenn wir nicht danach fragen.

1945. Hans Vieregg steckt voller Pläne und Ideen. Und vor allem, er ist Optimist. „Ich war ein Sonntagskind!“ sagt er später über sich. „Man lebt nicht, wenn man nicht weiß, wofür man lebt.“[ 3 ] Und so stürzt er sich in die Arbeit. Er wird im Mai Pressereferent der KPD in Berlin-Reinickendorf, engagiert sich für den amtlichen „Zentralausschuss für die Opfer des Faschismus“ (OdF) und arbeitet rege mit den sowjetischen Behörden zusammen. Das wird ihm zum Verhängnis. Der Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland ist vier Monate jung, da wird Hans Vieregg, der im französischen Sektor Berlins (in Berlin-Frohnau) wohnt, von den französischen Besatzern festgenommen. Wegen „Zusammenarbeit mit einer fremden Macht“, so der Grund. Den genauen Anlass erfährt er nicht. Am Heiligabend aus dem Gefängnis Tegel wieder entlassen, verbringt er ein Jahr in Freiheit, bevor ihn die französische Militärpolizei aus demselben Grund noch einmal verhaftet.[ 4 ]„13 Monate strengste Isolierung und Einzelhaft!“, klagt er wenige Wochen vor seiner Entlassung im März 1948. „Ich kann nicht glauben, dass unsere französischen Kameraden aus der internationalen Widerstandsbewegung sich mit meiner Inhaftierung einverstanden erklären! Durch nichts laß ich mich von meinem Entschluß abbringen, zu denen zu gehören, die unbedingt gebraucht werden. Die Menge solcher ist nicht unerschöpflich. In dem selben Maße, wie unsere Aufgaben wachsen, steigt auch der Bedarf. […] Das hat nichts mit Ehrgeiz zu tun, es wäre eine Pflicht unserer Sache gegenüber.“[ 5 ]

Hans Viereggs Leben ist seit der Entlassung aus französischer Haft reich an Herausforderungen. Ab 1948 übernimmt er zahlreiche Leitungsfunktionen, zunächst in der Gewerkschaft FDGB, später als Arbeitsdirektor an zahlreichen Brennpunkten der im Aufbau begriffenen DDR-Industrie. Obwohl er 1972 in Rente gehen könnte, bleibt er noch viele Jahre voll berufstätig. 1975 heiratet er Helga Kraußer, seine große Liebe. Nach der politischen Wende zieht er mit seiner Frau in deren Heimatstadt Suhl. Dort, in Thüringen, gibt der quirlige Alte den Anstoß zu einem großangelegten Schülerprojekt zur Aufarbeitung von Verfolgung, Widerstand und Zwangsarbeit in der NS-Zeit in Suhl, an dem sich schließlich drei Schulen und zwei Gymnasien beteiligen. Im Jahr 2000 trägt die Stadt Suhl Vieregg in ihr Ehrenbuch ein und an seinem 90. Geburtstag erfährt er – PDS-Mitglied, Ehrenvorsitzender der Suhler VVN-BdA und Kommunist – eine öffentliche Anerkennung, wie sie hierzulande für solche wie ihn die Ausnahme sind. Am 4. Januar 2005 stirbt Hans Vieregg im Alter von 93 Jahren. 

„Beim ersten Treffen hast du uns aus deinem Leben erzählt, was dir wichtig schien“, konstatieren wir bei unserem zweiten Interview mit Hans Vieregg. „Kannst du nicht eine der Geschichten etwas ausführlicher …? Wie war das beispielsweise mit der Urnenüberführung nach Hamburg?“ – „Ach, die Sache mit den Urnen.“ – Die Begebenheit, die wir hier folgen lassen, schildert uns Hans also drei Jahre vor seinem Tod, als er sich auf Besuch bei seiner Schwester in Hamburg aufhielt. Wir bereichern sie hier um einige in Hans’ Nachlass und in der Literatur gefundene Angaben. Sie ereignete sich 1946 vor seiner zweiten Verhaftung und ist eine der wirklich abenteuerlichen Geschichten um die Entstehung der heute als „Ehrenhain Hamburger Widerstandskämpfer“ bekannten Urnenanlage auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf. 

Urnenschmuggel mit amtlichem Segen

Nach Kriegsende beginnen Angehörige ermordeter Antifaschisten nach dem Verbleib ihrer Toten zu forschen. Das im September 1945 gegründete und von Franz Heitgres geführte „Komitee ehemaliger politischer Gefangener“ in Hamburg nimmt sich dieser Aufgabe an. 

Hans Vieregg lernt den Hamburger KPD-Senator Heitgres beim Vereinigungsparteitag von KPD und SPD in der sowjetischen Besatzungszone am 21. und 22. April 1946 im Berliner Admiralspalast kennen.[ 6 ]Hans hat westdeutsche Gastdelegierte zu betreuen, und Heitgres ist einer von ihnen. Im Frühjahr 1946 erhält Hans vom amtlichen „Zentralausschuss für die Opfer des Faschismus“ den Auftrag, von Berlin aus nach den sterblichen Überresten hingerichteter Antifaschisten zu suchen. Hans schreibt Friedhöfe und Krematorien von Gefängnissen und ehemaligen KZs im Raum Berlin und Brandenburg an und wird fündig. Die ersten freigegebenen Urnen bewahrt er in seiner Wohnung auf. 

Im Mai 1946 teilt ihm Franz Heitgres vom Hamburger Komitee mit, die Fahndungsabteilung der Kriminalpolizei habe bereits wissen lassen, dass die Urne des enthaupteten Franz Jacob sich im Krematorium des Zuchthauses Brandenburg (Havel) befinde. „Wir bitten Dich, wenn Du nach Hamburg kommst und es Dir irgend möglich ist, die Urne des Genossen Franz Jacob und des Genossen Hugo Böstlein [Bernhard Bästlein] mitzubringen“, schließt der Brief von Heitgres.[ 7 ] Dreiundzwanzig Urnen kommen schließlich zusammen, die nach Hamburg überführt werden sollen. Hans Vieregg fährt zusammen mit der 26jährigen Barbara Dollwetzel[ 8 ], die sich im Auftrag des Hamburger Komitees an der Ermittlung und Heimführung der Urnen beteiligt, in die Stadt Brandenburg, wo sie mit dem Bürgermeister Fritz Lange Einzelheiten der Überführung besprechen. Fritz Lange kann die Urnen nicht vor der zweiten Junihälfte freigeben, weil das 1. Parlament der FDJ zu Pfingsten eine Ehrung an den Urnengräbern plant.[ 9 ]

Unterdessen wendet sich Vieregg an den Magistrat von Groß-Berlin, um Benzin für sein Vorhaben zugeteilt zu bekommen. Erfolglos. Erst die sowjetische Militäradministration sichert ihm den Kraftstoff. Der „Hauptausschuss OdF“, eine Magistratsbehörde, stellt einen LKW zur Verfügung. Etwa Mitte Juni 1946 ist es soweit. Barbara Reimann (geb. Dollwetzel) erinnert sich noch lebhaft – ein halbes Jahrhundert später – an den Auftakt zu dem ungewöhnlichen Unternehmen. „Die Übergabe erfolgte in der Karl-Marx-Straße in Westberlin, wo die Brandenburger die Urnen in einem für die damalige Zeit ganz schicken Cabriolet mit Ledersitzen vorfuhren. Wir waren erst einmal entsetzt. Wir saßen im LKW und mussten die Urnen dort verstauen – und wir hatten gar keine Kartons oder Kisten.“[ 10 ] Unklar bleibt den beiden außerdem, wie sie die Überführung über die nur schwer passierbare grüne Zonengrenze bewerkstelligen sollen. Ein Chauffeur kutschiert Hans Vieregg und Barbara Dollwetzel in den Harz. Keine angenehme Fahrt, weil die metallenen Aschengefäße auf der Ladefläche, wo die beiden sitzen, haltlos umherrollen. Sie erreichen schließlich den kleinen Ostharzer Ort Elend. Hans Vieregg weiß, dass seine Kameraden den Übergang von Elend nach Braunlage als den geeignetsten für die schwierige Mission ausgemacht haben. Sie müssen nur pünktlich sein, denn der Übergang soll gerade für zwei Stunden täglich passierbar sein. In Elend angekommen, wird ihr Wagen von einem sowjetischen Grenzposten angehalten. Er verlangt, dass die vermeintlichen Konserven geöffnet werden. Nach einigem Hin und Her versteht der herbei geeilte sowjetische Offizier das Anliegen der zwei und regelt den Fall ganz unbürokratisch. „Der Offizier erklärte das dann auch dem Soldaten. Darauf stand der stramm, salutierte und ließ uns mit den Urnen in die englische Besatzungszone“, erinnert sich später Barbara Reimann.[ 11 ] Sie laden gemeinsam die kostbaren Fracht in einen Militärwagen um und fahren in Begleitung des Offiziers die restlichen drei Kilometer so nah wie möglich an die Grenze heran. Barbara und Hans staunen nicht schlecht, als der sowjetische Leutnant selbst den verbotenen Grenzübertritt absichert und ihnen zum Abschied noch ein Pajok aus Gurken, Zwiebeln und Speck reicht.

Nunmehr auf westlichem Besatzungsgebiet heißt es nach einer neuen Fahrgelegenheit Ausschau halten. Im nächsten Dorf handelt Hans nach langem Suchen einem Bauern zwei Jutesäcke und einen Blockwagen ab. Die Säcke mit den Urnen auf dem Handwagen verstaut, setzen sie mühselig ihren Transport fort. In Göttingen, von wo sie mit der Bahn weiterreisen wollen, fallen sie auf. Barbara Reimann später: „Ich war 1,68 m groß, der Rucksack von Hans zog mich hinten fast bis zum Erdboden runter! Die Leute im Zug haben uns gefragt, habt Ihr da Steine im Rucksack, weil das so schwer ist? Wir haben ausweichend geantwortet: Ach, nichts Besonderes. Denn dafür hätten die Leute kein Verständnis gehabt, die hätten uns aus dem Zug rausgeschmissen.“[ 12 ]

In Hannover übernachten sie bei einem VVN-Kameraden und kommen am nächsten Tag mit ihrer schweren Fracht am Hamburger Hauptbahnhof an. Dort holt sie der Kamerad Julius Kowalewski mit dem Auto ab und fährt sie nach Winterhude in die Maria-Louisen-Straße 132, wo das Komitee seinen Sitz hat. Hans Vieregg reist unmittelbar nach der Ablieferung der Urnen mit einer für den SED-Politiker Franz Dahlem bestimmten Sendung wieder ab, um über Lübeck noch am gleichen Abend Schwerin zu erreichen. Doch bereits an der Zonengrenze wird er aufgehalten. Zwei Tage lang arretieren ihn sowjetische Soldaten, bis er durch einem Anruf bei seiner Parteigruppe den Kurierauftrag für Dahlem glaubhaft machen kann und dann deutschen Polizeikräften übergeben wird. 

Das Komitee (Vorläufer der VVN Hamburg) bereitet für den 4. September 1946 eine feierliche Aufbahrung der Urnen ermordeter Hamburger Widerstandskämpfer vor dem Komiteegebäude und im Hamburger Rathaus vor. Das Defilee der Urnen vom Sitz des Komitees durch die Stadt zum Rathaus, an dem sich tausende Hamburger beteiligen, wird zur ersten öffentlichen Demonstration nach dem Krieg. Drei Tage später sollen die Aschenkrüge auf den Friedhof Ohlsdorf überführt und gegenüber dem Verwaltungsgebäude des Friedhofs beigesetzt werden. 

Doch seit der geschilderten Schleusung über den Harz haben sich in der Stadt Brandenburg die gesuchten Urnen von weiteren hingerichteten Hamburgern angefunden: von Bertus Hoffmann (siehe Foto), Gustav Neubauer und Wilhelm Boller. „Du wirst verstehen, dass uns daran liegt, sie [die Urnen] vor dem 8. September hier zu haben“, mahnen Gertrud Plock[ 13 ]

 Barbara Dollwetzel vom Hamburger Komitee im August 1946 den Kameraden Vieregg.[ 14 ] Die Zeit ist knapp. Zwei Wochen vor der geplanten Ehrung in Hamburg erhält Hans Nachricht aus Brandenburg, dass die Urnen der Hamburger zur Abholung bereit stehen. Auch andere westdeutsche Verfolgtenverbände drängen zur Eile. Die Düsseldorfer „Vereinigung ehemaliger politischer Konzentrationäre“ wartet seit Monaten auf die Urnen von mehr als 20 im Zuchthaus Brandenburg hingerichteten Kameraden aus Bochum, Duisburg, Essen und Hannover. Mit Hilfe des „Hauptausschusses OdF“ gelingt es Hans schließlich, am 5. September in Brandenburg 22 Urnen für Düsseldorf und drei für Hamburg in Empfang zu nehmen. Auf welchen Wegen Hans die 25 Aschenkrüge nach Hamburg zu schleusen versteht, wissen wir noch nicht. Aber die Urnen der drei Hamburger kommen gerade noch rechtzeitig, um bei der Ohlsdorfer Ehrung mit beigesetzt zu werden. Viele tausend Hamburger nehmen daran teil, unter ihnen Hans Vieregg. 

Nach der Feierstunde will ein Offizier des britischen Secret Service von Franz Heitgres erfahren, wie denn die Urnen aus der sowjetischen Zone nach Hamburg gelangt seien. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der britische Geheimdienst das nicht selbst herausgefunden hat“, erwidert Heitgres trocken. 

Nachbemerkung: Die am 8. September 1946 beigesetzten 27 Urnen liegen heute nicht mehr im Eingangsbereich des Friedhofs. Im Zuge des kalten Krieges wurden sie im April 1962 gegen den Willen der Angehörigen an einen weniger repräsentativen Platz umgebettet. Seit damals trägt die Gedenkstätte den Namen „Ehrenhain Hamburger Widerstandskämpfer“. Sie ist „ein versteckter kleiner Friedhof auf dem großen“[ 15 ] und erinnert heute an insgesamt 56 mutige Frauen und Männer, die im Kampf gegen Hitler ihr Leben ließen. Alljährlich am 2. Sonntag eines jeden Septembers gedenkt die VVN-BdA Hamburg dort dieser Toten. Wer mehr über die Geschichte des Ehrenhains und die Schicksale der dort Bestatteten erfahren möchte, dem sei vor allem Ursel Hochmuths neues Buch „Niemand und nichts ist vergessen“ empfohlen.[ 16 ]

René Senenko

[ 1 ] Die beiden Teile des biografischen Beitrags über Hans Vieregg basieren – wenn nicht anders vermerkt – auf meinen Gesprächen am 3.10. und 29.11.2001 mit ihm in Hamburg und auf einem Tonbandbericht Viereggs vom 28.6.2004.
[ 2 ] Ernst Thälmann und Kampfgefährten; hgg. vom Kuratorium „Gedenkstätte Ernst Thälmann“, Hamburg 2000, S. 34 sowie: Die Toten von Butowo – Moskauer Forscher ermitteln Namen Deutscher, die 1937 und 1938 vom NKWD erschossen wurden, in: Neues Deutschland (Berlin), Nr. 119, 17.6.1993, S. 7f. In der dort veröffentlichten Liste wird unter Position 71 Alfred Levy genannt.
[ 3 ] Longard, Arnold: Zur Erinnerung an Hans Vieregg. in: Suhler Andere Zeitung, Nr. 2, Februar 2005, S.
[ 4 ] Vgl. auch „Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 bis 1945. Ein biographisches Lexikon“, hgg. von der Geschichtswerkstatt der Berliner Vereinigung ehem. Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des Naziregimes und Hinterbliebener (BV VdN), Band 8 (Buchstabe T–Z), Berlin 2004, S. 101f (Kurzbiografie zu Hans Vieregg).
[ 5 ] Brief Hans Viereggs aus dem Gefängnis Tegel an die Kameraden der VVN Hamburg vom 23. Januar 1948. Franz Heitgres erwidert diesen Brief wenig später: „Es ist uns nach wie vor unerklärlich, wie ein Kamerad, der jahrelang Verfolgungen des Naziregimes erlitten hat, nun schon 14 Monate inhaftiert ist, ohne dass bisher ein Prozess durchgeführt wurde.“ (undatiert). Die Kenntnis beider Schreiben (aus Akten der VVN-BdA Hamburg) verdanke ich Ursel Hochmuth. – Die zweite Haftzeit Viereggs währte vom 28.12.1946 bis zum 24.3.1948.
[ 6 ] Im gleichen Monat – April 1946 – wird Franz Heitgres zum Vorsitzenden des Zonensekretariats des „Komitees ehemaliger politischer Gefangener“ in der britischen Besatzungszone gewählt. Heitgres hat das KZ Neuengamme überlebt,ist Mitglied der KPD und führt als Hamburger Senator das „Amt für Wiedergutmachung und Flüchtlingshilfe“.
[ 7 ] Brief von Senator Franz Heitgres an Hans Vieregg vom 3.5.1946 (1 Bl.). Aus der Korrespondenz Hans Vieregg, Mai–Nov. 1946. Originale bei den Vieregg-Erben, Suhl.
[ 8 ] Barbara Dollwetzel, verh. Reimann, Überlebende des KZ Ravensbrück. Zur Urnenüberführung vergleiche Barbara Reimanns Schilderung in: Franziska Bruder/ Heike Kleffner (Hg.): Die Erinnerung darf nicht sterben. Barbara Reimann – Eine Biografie aus acht Jahrzehnten Deutschland; Hamburg 2000, S. 163–166. Einen ersten Bericht gab B. Reimann bereits 1989, vgl. Gerda Zorn: Rote Großmütter – Gestern und heute; Köln 1989, S. 43ff. Auch Ursel Hochmuth (a.a.O., S. 157f) geht kurz darauf ein und erwähnt erstmals in diesem Zusammenhang den Namen Vieregg.
[ 9 ] Das 1. Parlament der Freien Deutschen Jugend, der zentrale Delegiertenkongress des Jugendverbandes aller vier Besatzungszonen, fand vom 8. bis 10. Juni 1946 in Brandenburg (Havel) statt.
[ 10 ] Vgl. Bruder a.a.O., S. 165, siehe Fußnote 8.
[ 11 ] Vgl. Bruder a.a.O., S. 165f, siehe Fußnote 8.
[ 12 ] Telefonat des Verf. mit Barbara Reimann am 5.2.2006 (Gesprächsprotokoll beim Verf.). Während H. Vieregg von 2 Jutesäcken sprach, erinnert sich B. Reimann an einen Rucksack und einen Sack.
[ 13 ] Gertrud Plock, d.i. Gertrud Meyer; später bekannt geworden als Autorin von Veröffentlichungen über den antifaschistischen Widerstand.
[ 14 ] Brief des Komitees an Hans Vieregg vom 8.8.1946 (1 Bl.). Aus der Korrespondenz Hans Vieregg, Mai–Nov. 1946. Originale bei den Vieregg-Erben, Suhl.
[ 15 ] Günther Schwarberg: Der lebendige Friedhof; in: Ossietzky, Nr. 23, 12.11.2005 (Rezension zu „Niemand und nichts wird vergessen“).
[ 16 ] fünfzehnUrsel Hochmuth: Niemand und nichts wird vergessen. Biogramme und Briefe Hamburger Widerstandskämpfer 1933 bis 1945. Eine Ehrenhain-Dokumentation in Text und Bild; VSA-Verlag Hamburg 2005 (254 Seiten, illustriert).

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Aus Maj Bredels Tagebuch

Erinnerungen an Martin, den Roten (Andersen Nexö)

In einem Artikel „Martin, der Rote, und Willi Bredel, Eine kaum bekannte Freundschaft“ setzte ich mich im Rundbrief 2005 mit der 2004 erschienenen Andersen-Nexö-Biographie des Schweizer Skandinavisten Aldo Keel kritisch auseinander. Im Rahmen dieses Beitrages versuchte ich die seit Mitte der dreißiger Jahre bestehende Freundschaft zwischen dem „Roten Dänen“ und Willi Bredel darzustellen. Die Beziehung zwischen Bredel und seinem väterlichen Freund wurde durch Bredels Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Maj Olson noch enger. Zwischen dem Dänen, der von Oktober 1943 bis November 1944 im schwedischen Exil lebte, und der Schwedin gab es viele politische, literarische und landsmannschaftliche Berührungspunkte. Die enge Freundschaft zwischen den beiden deutsch-skandinavischen Ehepaaren – Nexös Ehefrau Johanna war Deutsche – belegt das Tagebuch von Maj Bredel aus der Zeit Mai/Juni 1954. Diese handschriftlichen, bisher unveröffentlichten Aufzeichnungen stellte uns dankenswerterweise ihre Tochter Anna-Maj Kraus im Sommer 2005 zur Verfügung.

Am 15.6.1954, 14 Tage nach Nexös Tod, schrieb Maj Bredel in ihr Tagebuch:

„Lieber guter Morten! 18 Jahre war ich alt, als ich Dich zum ersten Mal sah und hörte. Es war im „Auditorium“ in Stockholm. Damals war ich noch nicht in der Bewegung der Kommunisten, sondern noch im Sozialdemokratischen Jugendverband. Damals, ich weiß es noch wie heute, hast Du gesprochen über die sozialdemokratische Bewegung Dänemarks. Es gab mir viel zum Nachdenken. Meine Kindheit war erfüllt mit Männern wie Stauning… und vor allem Hjalmar Branting.“[ 1 ]

Diese Veranstaltung muss folglich 1932 stattgefunden haben. Maj Olson begegnete Martin Andersen Nexö, der zu diesem Zeitpunkt lange mit der Sozialdemokratie gebrochen hatte, also zwei Jahre früher als ihr späterer Ehemann Willi Bredel. Ob die junge Schwedin und der berühmte Schriftsteller in den folgenden Jahren, als sich beide im Rahmen der „Roten Hilfe“ für deutsche Emigranten in Dänemark bzw. Schweden engagierten, Kontakt zueinander hatten, ist nicht belegt. Bekannt war die rote Maj Andersen Nexö und seiner deutschen Frau Johanna aber sicherlich durch ihre Sendungen für das schwedische Programm von Radio Moskau, das sie als Redakteurin und Sprecherin seit 1941 maßgeblich mitgestaltete.[ 2 ] Vermutlich sind sich die Redakteurin und der „Rote Wikinger“ während seines Exils in der Sowjetunion von November 1944 bis Juni 1945 auch persönlich begegnet. Seit Andersen Nexös erstem Deutschlandbesuch nach dem 2. Weltkrieg in der sowjetischen Besatzungszone, 1947, gab es intensive Kontakte zwischen Willi und Maj Bredel und den Nexös.[ 3 ]

In meinem Artikel im vorigen Rundbrief über Andersen Nexö erwähnte ich einen Brief vom 21.4.1954, in dem er Willi Bredel bat, ihn in Dresden zu besuchen und schrieb: „Ob es noch zu diesem Besuch kam, war bisher nicht zu ermitteln.“[ 4 ] Nun gibt Maj Bredels Tagebuch die Antwort:

„Am Freitag rief Fritz Schälicke[ 5 ] vom Dietz-Verlag an. Martin ist krank – sagte er – und wünscht euch zu sprechen. Nun sind wir am Sonnabend und Sonntag bei ihm gewesen. Wie ist er doch schwach geworden, unsere starke unbeugsame skandinavische Eiche. Er verlor manchmal das Bewußtsein. So schien es mir wenigstens. Aber es kann sein, daß er nur sehr weit (weg) war mit seinen Gedanken. Denn seine Augen waren ungewöhnlich weit aufgerissen und es lag in seinen hellen warmen Augen die ganze Weisheit dieser Welt. Manchmal lächelte er und plötzlich sprach er auch. Er sprach sehr langsam und in seinen Worten war eine so große Wärme , so viel Menschlichkeit, daß wir, die wir um ihn saßen, ganz still blieben, um nur dieser Stimme lauschen zu dürfen….Er sprach über das, was sein Leben war: über seine sozialistischen Gedanken, über die großen Taten unserer Menschen, ihre Aufopferungskraft. Und er sprach über die Schwächen der Umbruchszeit. Sprach darüber wie Menschen, die zur Macht gelangt sind, sich manchmal verändern. Früher ganz brauchbare Menschen – jetzt aufgeplusterte Frösche und nichts dahinter. Die Frösche sind gefährlich für unsere Bewegung, so sagte er. Sie schrecken uns die Menschen weg. Und doch: das Wichtigste, die große leuchtende Zukunft – das ist das Wichtigste. Sie steht vor uns, diese Zukunft. Sie ist immer da in unseren Gedanken. Sie ist es, die uns immer beschäftigt. Unsere Kinder, ihre Kinder – kommende Generationen mit ihren Kämpfen, ihren Siegen!….Die menschlichen Unzulänglichkeiten dagegen- wie kleinlich. Nein! Das große Ziel vor Augen haben, das ist unsere Pflicht und dann können wir auch nicht irren. Ja, so sprach der große Dichter Martin Andersen Nexö und seine Augen glänzten dabei wie das blaue leuchtende Wasser, das Dänemark umspült. Und dann schlief er ein wenig und wir saßen um sein Lager und bewachten seinen Schlaf….Und Martin lächelte wieder . „Kom til mej, Maj“ [Komm zu mir, Maj, der Verf.] sagte er zu mir, „denn ich muß dir was sagen. Dat är slutt med Morten, den Röde“ – (Es ist Schluß mit Morten, dem Roten)….Ganz still lagen seine Hände auf der Bettdecke. Sie waren sehr weiß und sehr schön. Wie das Baumwerk gezeichnet. Einige Stunden später nannte er in einem Gespräch mit Ruth Berlau, seiner dänischen Landsmännin, diese Hände Maulwurfshände.[ 6 ] Ja es waren schöne Hände, die da ruhten. Wie arbeitsam, wie fleißig waren sie gewesen. Gewesen? Ja, ich glaube, daß diese Hände für immer ruhen werden. Lieber guter Vater Martin. Laß deine Hände ruhen. Sie sind so müde diese Hände, denn sie trugen so viele Sorgen, die Sorgen von Pelle und Ditte, die Sorgen aller deiner Genossen. Aber wir werden immer ehrfurchtsvoll an deine Hände denken, an die Maulwurfshände von Morten, dem Roten.“[ 7 ]

Maj Bredels Vermutung sollte sich leider bald bestätigen. Am 2.6.1954 notierte sie in ihrem Tagebuch: „Gestern Abend starb Martin, einer der größten aller Söhne Dänemarks. Morten, der Rote, ist tot. Seine Maulwurfshände liegen ganz still. Nie waren sie früher still. Nur der Tod konnte diesen Händen Ruhe bringen. Wir trauern um Martin. Unsere große Familie trauert. Millionen Kinder der sozialistischen Familie von der Elbe bis Vietnam. Das offizielle Dänemark trauert nicht. Aber das wahre Dänemark trauert um Martin. Uns, seine nächsten Freunde und Genossen, hat sein Tod sehr erschüttert. Viele Jahre sprachen wir davon, daß Martin alt ist. Wir bewunderten seine Energie, seinen Lebensmut. Wir schüttelten immer erstaunt den Kopf, als wir seine Grüße erhielten: aus Kopenhagen, aus Moskau, aus verschiedenen Städten. Eine richtige kräftige Eiche sagten wir. Und doch wußten wir, daß es nicht so war. Er war schon lange nicht mehr körperlich stark. Sein starker Geist, seine unendlich große Freude am Leben hielten ihn so aufrecht, so grade…. Alles was wir sagen können ist danke! Danke Martin! Du warst ein wahrer Mensch.“[ 8 ]

Auf einer Gedenkveransaltung im Großen Haus des Dresdener Stadttheaters sprach u.a. auch Willi Bredel. Der Leichnam Andersen Nexös wurde feierlich mit einem Schiff von Warnemünde nach Dänemark überführt. Bredel begleitete den väterlichen Freund auf seiner letzten Reise.[ 9 ]

Am 7.6.1954 vermerkte Maj Bredel in ihrem Tagebuch: „Willi ist nun wieder zu Hause. Er brachte die ganzen Zeitungen der letzten Woche mit. Die bürgerlichen Zeitungen schreiben derart schändliche Dinge, daß man es nicht wiederholen kann. So gefährlich war also Martin für die herrschende Klasse seines Landes.…Ja, sie haben ihn gefürchtet und sie fürchten ihn noch im Tode. Ihn, das heißt seinen Körper fürchten sie nicht mehr. Aber seine geschriebenen Worte. Seine Feder hinterließ die Wahrheit…“[ 10 ]

Hans-Kai Möller

[ 1 ] Willi-Bredel-Gesellschaft, Archiv, Tagebuch von Maj Bredel, geb. Ohlson, 15.6.1954. Fehler in der Rechtschreibung, im Satzbau und in der Interpunktion wurden auf der Basis der alten deutschen Rechtschreibung stillschweigend weitgehend korrigiert.
Thorvald Stauning (1873–1942) Der sozialdemokratische Politiker war 1924–1926 und 1929–1942 dänischer Ministerpräsident. Der ehemalige Zigarrendreher gilt als Begründer des „sozialen Wohlfahrtsstaates“. Stauning betrieb nach der Okkupation durch Deutschland eine prinzipienlose Zusammenarbeit mit der faschistischen Besatzungsmacht.
Karl Hjalmar Branting (1860–1925) war Begründer und Führer der schwedischen Sozialdemokratie. Er war während des Zeitraumes 1917–1924 mehrmals Minister und Ministerpräsident in verschiedenen Regierungen. Branting setzte tiefgreifende soziale Reformen durch und gilt als Vater des „schwedischen Wohlfahrtsstaates“. Im Jahre 1921 erhielt er den Friedensnobelpreis.
[ 2 ] Lau, Wolfgang: Abschied von der Roten Maj, in: WBG-Rundbrief 2002, 13.Jg., S. 27/28.
[ 3 ] Telefonische Auskünfte von Anna-Maj Kraus am 10.9.2004 und 7.1.2006.
[ 4 ] Möller, Hans-Kai: Martin, der Rote, und Willi Bredel, Eine kaum bekannte Freundschaft, WBG-Rundbrief 2005, 16.Jg., S.10.
[ 5 ] Fritz Schälicke, Leiter des Dietz-Verlages und Verleger Nexös, war während seiner Emigration in Dänemark von Nexös Hilfskomitee unterstützt worden. 
[ 6 ] Ruth Berlau (1904–1974), Schauspielerin und bekannte Journalistin in Dänemark. Sie lernte Bertolt Brecht im Exil kennen und vermittelte ihm wichtige Verbindungen zu dänischen Theatern . Seit 1935 war sie seine Mitarbeiterin und Geliebte.
[ 7 ] WBG-Archiv, Tagebuch von Maj Bredel, 25.5.1954. Die Unterstreichungen sind aus dem Original übernommen.
[ 8 ] Tagebuch, 2.6.1954.
[ 9 ] Tagebuch, 3.6.1954.
[ 10 ] Tagebuch, 7.6.1954.

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Nach 60 Jahren wieder an der alten Leidensstätte

Der Niederländer Jan de Groot besuchte die Zwangsarbeiterbaracken im Wilhelm-Raabe-Weg

Es war eine freudige und zudem unerwartete Überraschung, als Hans-Kai Möller zu Beginn des Jahres 2005 eine e-Mail aus den Niederlanden bekam. Absender war Ad van Gaal, der sich als Schwiegersohn von Johan (Jan) de Groot vorstellte. Er kündigte an, dass sein Schwiegervater den Wunsch hätte, Hamburg und die ehemaligen Zwangsarbeiterbaracken im Wilhelm-Raabe-Weg mit ihrer Dauerausstellung zu besuchen, in denen er als junger Mann zwei Jahre leben musste. Sofort antwortete Kai im Namen der AG Zwangsarbeit, dass wir uns über einen Besuch sehr freuen würden und uns gerne um Hotel und Besuchsprogramm kümmern würden. Der Besuch wurde für Anfang April vereinbart. 

Der Name Jan de Groot war uns von den Dokumenten zur Baracke und zur Firma Röntgenmüller bekannt, es existierte sogar ein Betriebsausweis de Groots in unseren Unterlagen. Aber Jan de Groot war seit 1945 nicht mehr in Hamburg. Als mehrere ehemalige Zwangsarbeiter in den sechziger Jahren auf Einladung der Firma Röntgenmüller Hamburg besuchten, hatte Jan de Groot aus beruflichen Gründen nicht mitkommen können (er betrieb ein Zigarrengeschäft in Eindhoven), im Jahr 2000 als fünf ehemalige niederländische Zwangsarbeiter auf Initiative der Bredel-Gesellschaft die Baracken besuchten,musste Jan de Groot aus gesundheitlichen Gründen zu Hause bleiben. Um so gespannter waren wir auf seinen Besuch in Hamburg und auf das, was er zu erzählen hatte. Am 2. April konnten wir Jan de Groot, seine Frau, seine Tochter und den Schwiegersohn begrüßen. Jan de Groot ist ein rüstiger Mensch mit viel Humor, dem man sein fortgeschrittenes Alter nicht ansieht. Glücklicherweise sind seine Deutschkenntnisse und die seiner Familie so gut, dass sich die Kommunikation nicht als schwierig erwies. Der erste Tag war für ein eher touristisches Programm zur Besichtigung Hamburgs reserviert. Der 3. April begann als Arbeitstag für Jan de Groot. Holger Schultze und Heiko Humburg führten ein gut zweistündiges Interview mit ihm. 

Als Zwangsarbeiter in Hamburg…

Jan de Groots Weg nach Hamburg begann im Mai 1943 mit einer Verwechslung: Deutsche Soldaten holten den 21-jährigen Maschinenkontrolleur um drei Uhr nachts aus dem Bett und brachten ihn zum Polizeirevier in Eindhoven. Von dort wurde er noch am selben Abend zur Zwangsarbeit nach Hamburg geschickt, wo er am nächsten Morgen ankam. Aber er war der Verkehrte. Statt Johan F.C. hatte eigentlich sein Bruder Johan F.E.C. auf der Liste der faschistischen Besatzer gestanden. Erst in Hamburg kam Jan de Groot dazu, die Verwechslung aufzuklären. Statt wieder nach Hause geschickt zu werden, sollte er nun in Hamburg bleiben und sein Bruder ihm umgehend nach Deutschland folgen. Ihm selbst wurde mitgeteilt, dass er bei Röntgenmüller in der Röntgenstraße arbeiten muss. Seine erste Station wurde wie für Theo Massuger das Lager Höhnstieg/Alsterkrugchaussee. Dort lebten neben den Niederländern auch Dänen, Franzosen und „Ostarbeiterinnen“. Alle arbeiteten für die Firma Röntgenmüller. Das Lager bestand aus zwei Baracken, die mit Zaun und Stacheldraht gesichert waren. Eine Baracke – die der Holländer – wurde im Juli 1943 durch Brandbomben zerstört, nur zwei Monate nachdem de Groot angekommen war. Die Bombenangriffe im Juli 1943 erlebte Jan de Groot im Lager mit. Er hockte im Splitterschutzgraben, der aber keinen wirksamen Schutz vor den Bomben bot. „Da saßen wir alle und mussten zusehen, wie alles verbrannte. Alle meine Sachen – bis auf meine Holzschuhe – bin ich losgeworden“, erinnert sich de Groot. Nach der Zerstörung des Lagers kam er mit den anderen Niederländern noch am selben Tag in das Lager im Wilhelm-Raabe-Weg. Die Lebensbedingungen im Lager waren um einiges schlechter als im ersten. „Das zweite Lager war voller Flöhe und Wanzen und anderem Ungeziefer.“ Jan de Groot erinnert sich, dass es zwischen den Zwangsarbeitern der verschiedenen Nationalitäten im Lager kaum Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme gab, da die sprachliche Hürde hoch war und viele zudem nicht bei Röntgenmüller arbeiteten. Sie teilten aber alle den Lageralltag unter dem Lagerführer Fritz Kowahl, den auch Jan de Groot als hart und ungerecht erlebte.

Hunger und Luftangriffe

Eines der größten Probleme für die Zwangsarbeiter war der ständige Hunger. Frühstück wurde im Lager nur alle vier Tage ausgegeben. Die Portion, die für die drei folgenden Tage reichen sollte, war so klein, dass die jungen Männer meist schon nach zwei Tagen morgens ohne Frühstück an die körperlich harte Arbeit gehen mussten. Da ihnen auch der Besuch der Betriebskantine bei Röntgenmüller versagt war, gab es für die Zwangsarbeiter erst wieder nach Feierabend gegen fünf, halb sechs etwas zu essen: „… meist Steckrüben und Kohlsuppe drei, vier Mal die Woche. Wir sind jeden Tag hungrig geblieben“, so Jan de Groot. Die ständigen Luftangriffe auf Hamburg verschärften die ohnehin prekäre Versorgungslage der Zwangsarbeiter noch zusätzlich. Oft kam es vor, dass die Küche im Lager Langenhorner Chaussee, die gewöhnlich das Essen für das Lager im Wilhelm-Raabe-Weg lieferte, infolge der Angriffe mehrere Tage lang ausfiehl und die Zwangsarbeiter völlig ohne Essen blieben. Den Luftangriffen waren sie zudem fast vollkommen schutzlos ausgeliefert. „Wir waren meist draußen, aber die Gräben (auf dem Lagergelände existierten zwei Splitterschutzgräben, Anm. H. H.) fassten nur zwei Personen. Meist haben wir uns unter einen Baum gelegt und unseren Strohsack gegen Splitter über den Kopf gelegt. Es war für uns nicht möglich in einen Bunker zu gehen“, erinnert sich Jan de Groot mit Schrecken.

Die Arbeit bei Röntgenmüller war aus Sicht de Groots nicht allzu schwierig. Hinzu kam, dass er als Facharbeiter etwas besser gestellt war als die anderen, die den Lohn für Ungelernte bekamen. Der Lohn wurde jede Woche ausgezahlt. Allerdings wurden von der Lohnsumme hohe Beträge abgezogen: „Miete“ für das Lager, Beiträge für das „Winterhilfswerk“ und Steuern. „Aber es war schon möglich, etwas für sich zurückzubehalten. Aber man konnte ja eigentlich nichts kaufen“, resümiert de Groot. 

Befreiung

Anfang April 1945 beschlossen der Reichsstatthalter Karl Kaufmann und die Gauwirtschaftkammer, alle ausländischen Arbeitskräfte aus Hamburg herauszuschaffen.[ 1 ] De Groot und den anderen Niederländern wurde vom Lagerleiter Fritz Kowahl mitgeteilt, dass sie Hamburg verlassen müssten. Bewaffnete Männer ohne Uniform holten sie ab und geleiteten sie zum Hafen, wo schon viele Ausländer versammelt waren. Etwa 900 Zwangsarbeiter wurden mit einer Fähre nach Geesthacht gebracht, dort ohne Nahrung ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen. Für Jan de Groot war klar: Er würde versuchen wieder nach Hamburg zurückzugehen. Herr Jens, ein deutscher Kollege bei Röntgenmüller, hatte ihm angeboten, dass er notfalls bei ihm unterkommen könne. Jan de Groot gehörte zu der Gruppe von ca. 20 niederländischen Zwangsarbeitern aus dem Wilhelm-Raabe-Weg, die noch vor Kriegsende wieder nach Hamburg zurückkehrten, wo sie Anfang Mai 1945 die Befreiung erlebten.

Jan de Groot war zwei Jahre lang von Familie und Freunden getrennt. Das große Heimweh, der Hunger und die Todesangst – all das kann Jan de Groot nicht vergessen. Der Besuch in der Dauerausstellung der Baracke – Abschluss und Höhepunkt der Reise nach Hamburg – berührten ihn tief. Nach der Besichtigung brachen unsere Gäste aus den Niederlanden wieder in Richtung Heimat auf. Jedoch nicht ohne Lob und Dank für die Arbeit zur Erinnerung an das Schicksal der Zwangsarbeiter des Lagers Wilhelm-Raabe-Weg. Wenige Tage später traf eine e-Mail von Jan de Groots Schwiegersohn Ad van Gaal ein, in der es heißt: „Die zwei Tage in Hamburg sind sehr schön gewesen. Es hat viel Spaß gemacht, aber es war für Jan de Groot vor allem auch sehr eindrucksvoll.“ Für die Zwangsarbeitergruppe kann ich sagen, dass uns dieser Besuch ebenfalls sehr beeindruckt hat. 

Heiko Humburg

Nachtrag: Ohne Frage war der Besuch der Familie de Groot der Höhepunkt des Jahres 2005 für die Dauerausstellung in der ehemaligen Zwangsarbeiterbaracke. Aber auch über die ganze „Saison“ gesehen können wir zufrieden sein. Insgesamt kamen zu den Öffnungszeiten am ersten Sonntag der Monate April bis Oktober 2005 140 Besucherinnen und Besucher. Dies ist gegenüber dem Jahr 2004 (120) eine Steigerung und zeugt davon, dass sich die Existenz unserer Ausstellung in Hamburg langsam herumspricht.

[ 1 ] StAH 371-15, 2, Protokoll der Beiratssitzung der GWK am 13. April 1945. Begonnen werden sollte demnach mit polnischen, italienischen und rumänischen Zwangsarbeitern und den KZ-Häftlingen. Bis zum Abzug sollten alle Ausländer in den freigewordenen Lagern zusammengezogen und unter strenge Bewachung gestellt werden. Diese Maßnahmen sollten die Verteidigungsfähigkeit der Stadt verbessern und gleichzeitig die Verbrechen an den Häftlingen und Zwangsarbeitern vertuschen.

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Sanary-sur-Mer – Hauptstadt der deutschen Literatur von 1933 bis 1941

Zwischen Marseille und Toulon, im Herzen der Provence, liegt Sanary-sur-Mer. Ein typischer Urlaubsort, in eine Bucht der Côte d‘Azur geschmiegt, mit sonnenbestrahlten Fassaden, schattigen Plätzen, bunten Märkten und palmenbestandenem Boulevards. 

Weniger romantisch jedoch seine Vergangenheit. In den Jahren nach der Machtübertragung an Hitler fanden hier viele Deutsche und später Österreicher eine erste Zuflucht, nachdem sie emigriert waren. Eine ganze Reihe von Künstlern hielt sich zeitweilig, oftmals aber auch viele Jahre in Sanary-sur-Mer auf, darunter Prominente wie Feuchtwanger, die Manns, Brecht, Kisch, Werfel sowie Arnold und Stefan Zweig. „Hauptstadt der deutschen Literatur“ nannte der Kritiker Ludwig Marcuse, der dort selbst von 1933 bis 1939 wohnte, den Freienort. Die Feuchtwangers gehörten zu den prominentesten und dauerhaftesten Bewohnern. Die Bände 2 und 3 der Wartesaaltrilogie, „Die Geschwister Oppermann“ und „Exil“, sind in Sanary entstanden. Willi Bredel, der sich ab Mitte 1938 für rund ein Jahr in Frankreich aufhielt, reiste im Frühjahr 1939 zunächst nach Sanary-sur-Mer, um dort Lion Feuchtwanger zu treffen. Weiter ging es in Richtung Nizza. Dort besuchte er Heinrich Mann, der damals am Ende der Promenade des Anglais wohnte. 

Mit dem Kriegsbeginn 1939 änderte sich für alle deutschen Emigranten in Frankreich die Situation schlagartig. Sie waren nunmehr feindliche Ausländer, die interniert wurden. Konnten sie nach der Internierung nach Sanary zurückkehren, so waren sie durch Ausweisung an Nazi-Deutschland bedroht. Viele Emigranten wurden in das Internierungslager in Les Milles (ca. 8 km südwestlich von Aix-en-Provence, an der D 9) gebracht, so z. B. Lion Feuchtwanger und Alfred Kantorowicz. Bredel ist diesem Schicksal entgangen, er hatte Frankreich im Sommer 1939 in Richtung Sowjetunion verlassen. Von den insgesamt 500 Emigranten, die sich in Sanary aufhielten, verließen jedoch die meisten rechtzeitig Frankreich. Als einer der letzten gelang Alfred Kantorowicz 1941 die Ausreise in die USA.

1987 wurde eine Erinnerungstafel mit den Namen von 36 Künstlern angebracht, die in Sanary lebten oder sich dort zeitweilig aufhielten. Leider wurde Willi Bredel nicht erwähnt. Seit 2000 existiert ein Rundgang mit insgesamt 21 Erinnerungstafeln an Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden. An zwei Stellen wird an die Feuchtwangers erinnert, eine Station ist Alfred Kantorowicz gewidmet. Eine Station für Willi Bredel ist nicht vorhanden. Ein Begleitheft, erhältlich bei der Tourismuszentrale, informiert Besucher auch in deutscher Sprache.

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Franz Jung: Er schrieb proletarische Literatur im Zuchthaus Fuhlsbüttel

Franz Jung, der Chronist der Zeit von Revolution und Aufständen in Deutschland von 1918 bis 1923, dessen Bücher die Rote Fahne 1922 ihren Lesern neben Zola, Heine und Büchner ausdrücklich empfahl, hat eine Reihe dieser Romane und Erzählungen während seiner Haftzeit in HH-Fuhlsbüttel von Ende 1920 bis Anfang 1921 verfasst. Er schrieb in rascher Folge „Joe Frank illustriert die Welt“, „Die Rote Woche“, „Arbeitsfriede“, „Die Proletarier“ sowie die beiden Theaterstücke „Die Kanaker“ und „Wie lange noch“, die beide u. a. in Piscators Proletarischem Theater aufgeführt wurden[ 1 ]. Die Bücher erschienen z. T. illustriert von George Grosz im Malik-Verlag, der Roman „Arbeitsfriede“ vorab in der Hamburger Volkszeitung in Fortsetzungen. Abgeschnitten von der sozialen Bewegung der damaligen Zeit waren für Jung diese Erzählungen und Kurzromane eine Möglichkeit, sich zu Wort zu melden.

Jung selbst hat diese Zeit rückblickend in seiner Autobiographie die roten Jahre genannt. Diese Jahre stehen für Jungs Politisierungsprozess, für die Radikalisierung eines bürgerlichen Intellektuellen. Sie waren für Jung eine Art Synthese zwischen individuell-intellektueller Revolte und kollektiv-kommunistischem Revolutionsversuch. Jung, der im Gegensatz zu den „klassischen“ proletarischen Schriftstellern wie Bredel, Turek oder Marchwitza einem bürgerlichen Milieu entstammte, hatte sich während des 1. Weltkriegs als Literat des Expressionismus und Mitarbeiter an der sozialrevolutionär orientierten Zeitschrift „Die Aktion“ mehr und mehr linkskommunistischen Positionen genähert. Er kam mit dem Spartakus-Bund in Verbindung und trat Anfang 1919 der KPD bei. Er nahm an den Kämpfen im Zeitungsviertel teil, verließ jedoch die KPD nach dem Heidelberger Kongreß 1919 und wurde zum Mitbegründer der KAPD. Als ihr Sprecher reiste er 1920 zum Kongreß der III. Internationale nach Moskau. Um dorthin zu gelangen, entführte er zusammen mit seinen Parteifreunden Appel und Knüfken den Fischdampfer „Senator Schröder“ nach Murmansk. In der Sowjetunion traf er im Mai 1920 mit Lenin, Bucharin, Sinowjew und Radek zusammen. Nach seiner Rückkehr lebte er zunächst in der Illegalität und wurde schließlich am 26. September 1920 wegen „Schiffsraubs auf hoher See“ in Berlin verhaftet. Bis Februar 1921 saß er in den Untersuchungsgefängnissen Cuxhaven, Hamburg und Hamburg-Fuhlsbüttel, wo die 1921 erscheinenden Erzählungen und Stücke entstehen. Anfang Februar 1921 wird Jung gegen Kaution der Sowjetregierung unter der Bedingung entlassen, sich bei der Hauptverhandlung zu stellen, was er nie tat.

Jung selbst schreibt in seiner Autobiographie „Der Weg nach unten“ über seine Gefängniszeit in Hamburg lapidar: „Über die folgenden Monate in den Untersuchungsgefängnissen ist nicht viel zu berichten. Cuxhaven, Hamburg und später das Zuchthaus Fuhlsbüttel, wohin die Justizbehörde aus Sicherheitsgründen mich hatte überführen lassen… Ich schrieb in diesen Monaten die erste Serie von Büchern, die im Malik-Verlag später erschienen sind; durchweg als Fortsetzungsromane für das Feuilleton in der kommunistischen Tagespresse bestimmt. In allen drei Gewahrsamen waren Wärter, die entweder Parteimitglieder waren oder sympathisierten. Ich stand ständig mit der Außenwelt in Kontakt, besonders mit der Hamburger Volkszeitung, zu jener Zeit von Wilhelm Herzog geleitet. Ich hatte nicht nur die täglichen Roman-Fortsetzungen zu liefern, sondern schrieb auch aktuelle Berichte, sogar eine Art Gefängnis-Bulletin, Vorgänge aus den Haftanstalten… Ich wurde von dem Gefängnispersonal nicht nur mit Respekt, sondern geradezu gefürchtet behandelt. Die Wärter selbst wurden meine eifrigsten Korrespondenten. Ein ernstlicher Versuch, meine Tätigkeit für die Volkszeitung zu unterbinden, ist von der Justizbehörde, soweit ich weiß, nie unternommen worden. … Eines schönen Tages wurde ich plötzlich entlassen und befand mich in Hamburg. Gerade zur rechten Zeit - die organisatorische Vorbereitung für den Osteraufstand im Mansfeldschen war bereits im Gange.“[ 2 ]

Jung ist während seiner Haft schriftstellerisch so produktiv, wie er es weder davor noch danach war. Immerhin entstehen fünf seiner insgesamt 30 Bücher. Zudem hat er mit diesen Büchern ungewollt Literaturgeschichte geschrieben. Als einer der ersten schreibt er Bücher für eine proletarische Leserschicht. Er schreibt in einer einfachen Sprache, die jeder Arbeiter versteht. Jung ging es jedoch nicht um Literaturgeschichte. Seine Arbeiten sollten ein Beitrag zum Klassenkampf sein, mithelfen, eine „Verpflichtung zur Solidarität“[ 3 ] zu konstruieren. Jung wollte insbesondere mit seinen Arbeiten den subjektiven Faktor entfesseln, die Überwindung der Widersprüche zwischen dem Einzelnen und dem Kollektiv vermitteln. Es zählen dabei weniger konkrete subjektive Ereignisse als vielmehr die kollektive Wahrnehmung, die im Einzelnen erlebbar wird. Seine Bücher aus dieser Zeit sind daher abgelöst von konkreten Ereignissen, spiegeln aber sehr genau die revolutionäre Situation wider, wie z. B. der Kurzroman „Die rote Woche“ als Darstellung der Ereignisse während und nach dem Kapp-Putsch von 1920. Jung will den Gesamtwillen der Klasse, die Verkörperung eines Kollektivlebens thematisieren. So schreibt er am Ende der „Roten Woche“: „Zum Schluß eine Frage. Bitte – wo war das. Das ist schwer zu sagen. Weil es in Deutschland kaum einen Ort gibt, wo Ähnliches nicht war.„[ 4 ] Nach seiner Entlassung nimmt er an den mitteldeutschen Kämpfen im Frühjahr 1921 teil und flieht nach deren Niederschlagung nach Holland, wo er prompt verhaftet wird. Jung wird die Sowjetbürgerschaft zuerkannt, um der Auslieferung nach Deutschland zu entgehen. So kann er in die Sowjetunion ausreisen und arbeitet dort für die Internationale-Arbeiter-Hilfe von Willi Münzenberg, u. a. in den Hungergebieten der Wolga. 1923 muss er illegal die Sowjetunion verlassen. Von da an beginnen die grauen Jahre wie er es in seiner Biographie nennt. Sein Mitwirken selbst, aber auch das linkskommunistische Revolutionsprojekt, sind aus seiner Sicht gescheitert.

Er lebt nach 1923 unter falschem Namen in Berlin, organisiert Brechts „Mahagonny“ und „Die Mutter“. 1936 wird Jung im Rahmen der Zerschlagung der „Roten Kämpfer“ verhaftet, kommt wieder frei und emigriert nach Prag. 1944 wird er in Budapest verhaftet, diesmal entkommt er nach Italien, wird erneut verhaftet und erlebt das Kriegsende im KZ Bozen. Nach dem Ende des Krieges lebt er zunächst in Italien und dann in den USA. Er ist als Wirtschaftskorrespondent tätig. 1960 kehrt er nach Europa zurück. 1961 erscheint seine Autobiographie „Der Weg nach unten“. Mit 74 Jahren stirbt Jung 1963 in Stuttgart.[ 5 ] Jungs Arbeiten waren zu diesem Zeitpunkt schon lange in Vergessenheit geraten. Nach seinem Tod ändert sich daran nichts. Nur gelegentlich werden Romane und Erzählungen wiederveröffentlicht. Dass sein Werk nicht ganz in Vergessenheit geriet, ist vor allen Dingen seiner in Berlin lebenden zweiten Ehefrau, Claire Jung, zu verdanken. Sie verwahrt die literarische Hinterlassenschaft ihres Mannes. Anfang der 80er Jahre erscheint dann nach und nach eine Werkausgabe im Hamburger Nautilus Verlag[ 6 ], die seit einiger Zeit vollständig vorliegt.

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[ 1 ] Die Arbeiten sind im Rahmen der Werkausgabe in der Edition Nautilus seit Anfang der 80er Jahre erschienen.
[ 2 ] Aus: Franz Jung: Der Weg nach unten. Aufzeichnungen aus einer großen Zeit., in: Franz Jung. Schriften und Briefe in zwei Bänden, 1. Band: Schriften, Salzhausen 1981, S. 399ff.
[ 3 ] Franz Jung. Zweck und Mittel im Klassenkampf, in: Franz Jung, Feinde Ringsum. Prosa und Aufsätze 1912­1963, Werk 1/1, Edition Nautilus, Hamburg 1981, S. 231.
[ 4 ] Aus: Franz Jung: Die Rote Woche, in Franz Jung, Werke 2, Edition Nautilus, Hamburg 1984.
[ 5 ] Die biographischen Angaben sind aus: Mierau, Fritz: Leben und Schriften des Franz Jung. Eine Chronik, in: Franz Jung: Feinde Ringsum. Prosa und Aufsätze 1912 bis 1963. Werke 1/1, Edition Nautilus, Hamburg 1981.
[ 6 ] Franz Jung. Werkausgabe der Edition Nautilus, 14 Bände komplett, 6006 Seiten, Hamburg, 199,00 Euro.

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Abriss! Nun auch die Heimbuche

„Die ‚Heimbuche’ ist eines der ältesten Gasthäuser im Norden Hamburgs. Ein Strohdachhaus, windschief, mit gemütlichen Stuben und niedrigen Decken. Daneben ein Saal, auch schon 80 Jahre alt, in dem früher die Bauern der Umgebung bestimmt Erntefest gefeiert haben. Die alten Bäume im Biergarten überragen das Gasthaus bei weitem. Hier sitzt man geschützt vor dem Lärm der Langenhorner Chaussee und trinkt ein gepflegtes Weizenbier vom Fass. Wenn man die norddeutsche Küche richtig gut erleben will, kommt man an der Heimbuche nicht vorbei.“ Einladende Worte über die gastliche „Heimbuche“ in Langenhorn, wie man sie noch vor kurzem lesen konnte. Doch diese Worte sind verweht. Die „Heimbuche“ an der Langenhorner Chaussee 471 steht kurz vor dem Abriss. Keine Schwäbischen Maultaschen im Juli, kein Bismarck-Menü im Oktober. Aus, vorbei. Die „Heimbuche“ ist „nicht denkmalwürdig“, so das all zu gängige Argument aller zuständigen Gremien. Weil  die reetgedeckte Gaststätte zu viele Veränderungen an seiner originalen Altbausubstanz erfahren habe, sei es unter Denkmalkriterien nicht schutzwürdig. Dieses auch in Langenhorn viel gehörte Urteil klingt in unseren geübten Ohren zumeist wie eine unabwendbare Entscheidung zum Abriss! Und da die „Heimbuche“ obendrein tatsächlich baufällig ist, war man sich viel zu rasch einig: Die seit 1830 bestehende „Heimbuche“ wird platt gemacht. Zwar ließen Stimmen aus dem Ortsausschuss im Herbst letzten Jahres verlauten, dass der „Abriss dieses historischen Stücks Langenhorn nicht nur eine private Angelegenheit“ sei, da die „Heimbuche“ ein anschauliches Beispiel für das alte, dörfliche Langenhorn sei. Aber wirkliche Initiativen zum Erhalt des Gemäuers gab es nicht mehr. Man verhandelte nur noch über die Bedingungen für den Abriss und den Verkauf des Geländes. Ebenfalls „nicht denkmalwürdig“ und vor fast einem Jahr in aller Stille verschwunden: Das reetgedeckte Haus hinter dem ehemaligen „Penny“ am Ochsenzoll.

-nko

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Aktion der Hamburger Geschichtswerkstätten im Tansaniapark

In Ohlsdorf beziehen sich  zwei Straßennamen unkritisch auf die Kolonialzeit: Der Woermannsweg und der Justus-Strandes-Weg. Diese „Epoche“ der deutschen Geschichte wurde von uns im Rundbrief, durch unsere Filmtage 2004 und durch eine Alternative Hafenrundfahrt 2005  thematisiert.

Zusammen mit den anderen Hamburger Geschichtswerkstätten und dem Eine-Welt-Netz-Werk organisierten wir am Samstag, dem 12. November 2005 eine Aktion im Tansaniapark in Jenfeld. Sechzig Teilnehmer waren erschienen, um an die mehr als 100.000 Opfer des Maji-Maji-Krieges vor 100 Jahren zu erinnern. Sogar das NDR-Fernsehen (Hamburg-Journal) berichtete darüber. Zweck der Veranstaltung war auch, dem „Traditionsverband der ehemaligen Schutz- und Überseetruppen“ zuvorzukommen, der wie alljährlich aus Angst vor „den Linken“ am Vortag des Volkstrauertages einen Kranz niederlegen wollte.

Sabine Lahmann (Stadtteilarchiv Ottensen) verlas eine gemeinsame Erklärung aller Hamburger Geschichtswerkstätten gegen die aus der Marinesammlung Peter Tamms geborene Museumsidee und gegen die unhaltbare, einseitige Präsenz der Kolonialdenkmäler im Tansaniapark, die wir Nachfolgenden leicht gekürzt dokumentieren. Mit Blumen gedachten alle Teilnehmer der Opfer des Maji-Maji-Kriegs. Nach Redebeiträgen von Heiko Möhle (Eine-Welt-Netz-Werk Hamburg e.V.), der finnischen Künstlerin Jokinen, René Senenko (Bredel-Gesellschaft) u.a. besichtigten die Besucher die gesamte Anlage.

Reinhard Behrens (CDU) von der Kulturbehörde, der ebenfalls anwesend war, versuchte vor laufender Kamera unsere Aktion zu entkräften. „Es ist ein ganz klein wenig Popanzschau, wenn man glaubt, dieses [der Tansaniapark als Ort rechter Traditionen] könnte sich hier entwickeln.“ Herr Behrens übersieht, dass der Tansaniapark längst ein Ort rechter Traditionen ist! 

Für diesen Tag zumindest hatten wir den Aufmarsch der Rechten verhindert, allerdings erfuhren wir später, dass drei oder vier betagte Leute vom rechtslastigen „Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen“ zwei Tage später, also am Montag, doch noch einen Kranz niederlegten. So wurde klar, wie eng der Betreiber des Tansaniaparks, der sich harmlos und unpolitisch gebende Kulturkreis Jenfeld, mit den rechten Traditionsverbänden zusammenarbeitet. Weder auf ihren Internetseiten noch bei den Ehrungen hat dieser Traditionsverband ein Wort für die afrikanischen Opfer des deutschen Kolonialismus übrig.

Senenko/Holger Tilicki

Gegen das Zurschaustellen von Kriegsobjekten, Nazisymbolen und Kolonialdenkmälern

Erklärung aller 15 Hamburger Geschichtswerkstätten, November 2005

Während der Hamburger Senat finanzielle Streichungen vornimmt, von denenauch wir – die Hamburger Geschichtswerkstätten – betroffen sind, unterstützt er die Errichtung eines privaten Schifffahrtmuseums für die Marine- und Militariasammlung Peter Tamms mit 30 Millionen Euro und überlässt der Tamm-Stiftung mietfrei den Kaispeicher B für 99 Jahre. Damit fördert die Hamburger Regierung mit erheblichen öffentlichen Mitteln ein nicht hinnehmbares Geschichtsbild.

Das von Herrn Tamm bisher praktizierte und in seiner verharmlosenden Tendenz wohl auch für sein „Internationales Maritimes Museum“ vorgesehene Ausstellungskonzept präsentiert den Besuchern neben den Zeugnissen der zivilen Schifffahrt eine umfassende Militariasammlung. Die auffallende Präsenz von Uniformen und Admiralsstäben, Schlachtschiffmodellen und Waffen blendet nicht nur die Kehrseite der Kriege und Schlachten aus, sondern verschweigt die Ursachen gewaltsamer Konflikte und die Namen der politisch Verantwortlichen und Profiteure der Kriege. Auch erfahren wir nichts über die blutigen Opfer all der Seeschlachten, die auf zahlreichen Marinebildern der Tamm-Sammlung so „eindrucksvoll“ zur Schau gestellt werden. Wir erfahren nichts über die Millionen Opfer der Befehle, die unter den Hakenkreuzverzierten Admiralsstäben ergangen sind, welche poliert und kommentarlos Tamms Ausstellung schmücken. Wir vermissen jegliche kritische Einordnung von Tamms Objekten in das historische Geschehen und eine kontinuierliche öffentliche Kontrolle des Ausstellungskonzepts.

Ebenso kritisch stehen wir der öffentlichen Förderung des vom Kulturkreis Jenfeld betriebenen „Tansaniaparks“ in Hamburg-Jenfeld gegenüber. Die Einrichtung dieses Kolonialparks wurde vom Senat mit 25.000 Euro unterstützt. Wir distanzieren uns von dem im Park vertretenen Geschichtsbild, das den Besucherinnen und Besuchern in Gestalt von Kolonialdenkmälern gegenübertritt. Die vorgeblich unpolitische Aufstellung der im „Tansaniapark“ gezeigten Objekte wird in Wahrheit dominiert von zwei Nazidenkmälern aus dem Jahr 1939 – den beiden kolonialistischen Großplastiken und dem Schutztruppen-Ehrenmal – sowie von zwei Regimentssteinen für gefallene Soldaten des 2. Weltkriegs. Der Park gibt nur wenig Auskunft über das Leid der von den deutschen Truppen kolonialisierten afrikanischen Völker. Auch vermissen wir jegliche Auseinandersetzung mit dem soldatischen Heldenmythos, der uns mit solchen Denkmälern gegenüber tritt.

Wir erinnern daran, dass diese Plastiken nach wie vor zu Ehrungen durch die rechten Traditionsverbände und deren prominente Gäste missbraucht werden. Wir erinnern weiter daran, dass Herr Tamm vom „Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen“ stolz als „unser Vereinskamerad“ betitelt wird. (…)

Damit sich die Besucherinnen und Besucher der genannten Einrichtungen ein eigenes Bild über historische Geschehnisse machen können, muss im künftigen „Internationalen Maritimen Museum“ und im „Tansaniapark“ auch die Kehrseite von der „Herrschaft zur See“, von der „Befriedung der Kolonien“, von Krieg und Marinerüstung eine angemessene Darstellung finden, dann sollten auch die historischen Bestrebungen gegen Kolonialismus und Militarismus dort eine sachliche Würdigung finden. (…)

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Besuch in Neuengamme

Am 18. September 2005 war eine Gruppe von Mitgliedern der WBG exklusiv in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Neuengamme zu einer Führung durch Dr. Reimer Möller, Historiker für Sonderausstellungen und Publikationen, zu Gast. Er gab uns viele Hintergrundinformationen zu Entwicklung und Erstellung der neuen Dauerausstellung „Das Konzentrationslager Neuengamme und seine Nachgeschichte“. Außerdem galt unser Interesse dem neu gestalteten Gelände mit dem rekonstruierten Appellplatz, den Kennzeichnungen der Barackenstandorte und Zaunverläufe. Von den 55.000 Menschen, die die KZ-Haft hier nicht überlebten, wurden allein in dem auf dem Foto sichtbaren Arrestbunker, dem Lagergefängnis, mehr als 1.000 Häftlinge erschossen, erhängt oder mit Zyklon B vergast, wie 197 invalide Rotarmisten und 251 sowjetische Offiziere. Anlässlich des 60. Jahrestags der Befreiung Hamburgs im Mai 2005 wurde die Gedenkstätte im Beisein von 242 ehemaligen Häftlingen aus 23 Ländern als Ausstellungs-, Begegenungs- und Studienzentrum nach langen Umbauarbeiten wieder eröffnet.

Holger Tilicki

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Sechzig Jahre danach: Exkursion nach Sülstorf und Wöbbelin

Unsere Reise vom 5. bis 7. Mai 2005 führte uns auf den Spuren von Willi Bredel nach Mecklenburg, wo er von Mai 1945 bis Ende 1949 lebte und wirkte. Nachdem wir in unser freundliches Hotel in Neustadt-Glewe eingezogen waren, machten wir uns auf den Weg zu unserem ersten Ziel: Sülstorf.

Sülstorf ist ein kleines, friedlich wirkendes Dorf zwischen Schwerin und Ludwigslust. Man kann sich kaum vorstellen, dass sich hier und im benachbarten Wöbbelin kurz vor Ende des Krieges Entsetzliches abgespielt hat: Mehr als 1000 Menschen starben allein an diesen Orten Ende April/Anfang Mai 1945. In Sülstorf vor allem Frauen und Kinder. Ein überfüllter Güterzug wurde hier drei Tage auf einem Nebengleis abgestellt. Es wurden mehr als 200 Tote zurückgelassen. Erst gegen Ende 1946 entdeckte man ein Massengrab mit den sterblichen Überresten von 53 jüdischen Frauen. Im August 1947 wurde ein Ehrenfriedhof für sie eingeweiht, 1951 auch eine Gedenkstätte mit einem großen Gedenkstein in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes errichtet.

Willi Bredel ist 1947 in dem Dorf gewesen und hat die Ereignisse vom April 1945 in seiner Erzählung „Das schweigende Dorf“ verarbeitet. Wir fanden Sülstorf noch fast so vor, wie er es beschrieben hatte: „…es war ein stilles, verträumtes Dorf, auf Waldboden erbaut und von dichten Wäldern umgeben. Erst nach der Jahrhundertwende wurde dicht am Ort vorbei eine Eisenbahn gebaut, eine Nebenstrecke, die ins Innere des Landes führt. Der Ort hat, wie alle Dörfer unserer Heimat, ein Kriegerdenkmal, eine Kirche und ein Spritzenhaus am Dorfanger…“

Der 5. Mai 2005 war ein warmer Tag. Wir setzten uns ins Gras vor dem Gedenkstein und hörten Willi Bredel zu:

„In den Tagen, als die Russen Berlin eroberten, hielt an der kleinen Bahnstation…ein Gefangenenzug. An die zwanzig Waggons, verschlossene Viehwagen, vollgepfropft mit gefangenen Frauen und Kindern. Sie kamen von Ravensbrück und sollten nach Belsen geschafft werden. Doch das dortige Konzentrationslager war bereits von amerikanischen Truppen besetzt. Nun wartete die Zugbegleitung, eine Abteilung SS, auf weitere Anweisung. Sie warteten einen Tag und eine Nacht. Es war ein Tag und eine Nacht des Grauens… 

Die Gefangenen waren größtenteils Jüdinnen, und zwar Jüdinnen aus allen Ländern Europas, überwiegend aus Polen und den einstmals besetzten Teilen Sowjetrußlands. Sie machten einen erbarmungswürdigen Eindruck, trugen nur noch Fetzen ihrer ehemaligen Kleider auf den Leibern und waren auf das erschreckendste abgemagert. Wimmern und Heulen drangen aus den dichtverschlossenen Waggons… Sämtliche Frauen und auch die Kinder, die bei ihnen waren, hatten seit vielen Tagen nichts zu trinken oder zu essen erhalten und waren nicht aus ihren fahrenden Käfigen herausgekommen… Plötzlich stürzten die Frauen eines Waggons ins Freie und rannten über das Bahngleis hinweg ins Dorf hinein… Zwei der flüchtenden Frauen wurden am Bahndamm bereits von der SS erschossen, die anderen jedoch erreichten das Dorf; es waren insgesamt vierzehn… Mit Knüppeln bewaffnet machten die Bauern sich auf, die Flüchtigen in ihren Verstecken aufzustöbern… Sie fanden alle vierzehn… Die SS war mit der Leistung der Bauern sehr zufrieden und stellte ihnen neue Aufgaben. Sie mußten die Schwächsten und Hinfälligsten unter den Frauen aus den Waggons heraussuchen und sie zur Station schleppen… Die Unglücklichen  wurden von einer SS-Wache durch Genickschüsse getötet. Die Bauern mußten eine Grube ausheben, und in die wurden die Verhungerten und Erschossenen geworfen… Den ganzen Abend war das Schreien, Brüllen und Toben der Gefangenen zu hören, bis tief in die Nacht hinein. Es verstummte erst, als gegen Morgengrauen der Todeszug seine Fahrt fortsetzte.“

Lange noch stehen wir vor dem Gedenkstein. Auf der Heimfahrt ist jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt… 

Der 6. Mai, wieder ein Sonnentag, der so gar nicht zu dem Programm zu passen schien, das wir geplant hatten: Besuch der Gedenkstätte in Wöbbelin. Es ist eine Gedenkstätte der Gegensätze; die kleine Gemeinde kam mit sehr unterschiedlichen Episoden der deutschen Geschichte in Berührung.1813 kämpfte hier das Lützowsche Freikorps, zu dem auch der Dichter Theodor Körner gehörte. Er fiel mit 21 Jahren in der Nähe von Gadebusch und wurde in Wöbbelin beigesetzt. der Folgezeit wurde wurde seine „Befreiungslyrik“ häufig für imperialistische und chauvinistische Ziele missbraucht. Sein Grab wurde zur Kultstätte für seine deutsch-national gesinnten Anhänger. Die Nazis gestalteten Wöbbelin zu einem „Wallfahrtsort“ um. Aus dieser Zeit stammen das Museumsgebäude und der mit Hunderten von Eichen bepflanzte „Heldenhain“.

Das Museum erinnert auch heute an die Zeit der Befreiungskriege; ein Raum ist Theodor Körner gewidmet und den mit seinem Namen verbundenen „Huldigungen“. 

Den größten Teil des Gebäudes nimmt jedoch eine Ausstellung ein, die an die schrecklichen Ereignisse des Jahres 1945 erinnert. Was war in Wöbbelin geschehen?

In einem Waldstück an der heutigen Bundesstraße B106, südlich von Wöbbelin, ließ die SS wenige Monate vor Kriegsende in aller Eile das letzte Außenlager des KZ Neuengamme errichten. Es war ein Todeslager – auch ohne Gaskammern. 5000 Häftlinge aus 16 Nationen wurden hier zusammengetrieben. Der erste Transport kam am 12. Februar an, am 2. Mai wurde das Lager befreit. In dieser kurzen Zeit starben über 1000 Häftlinge. 

Nach dem Grundsatz, dass kein Gefangener lebend in die Hände der „Befreier“ fallen dürfe, wurde in den letzten Kriegsmonaten systematisch ein KZ-Lager nach dem anderen geräumt. Die größtenteils völlig entkräfteten Häftlinge wurden in Marsch gesetzt, zum Teil eingepfercht in geschlossenen Güterwaggons, zum Teil auf strapaziösen Fußmärschen. Da sie tagelang keine Verpflegung erhielten, verhungerten viele der KZ-ler. Wer nicht mitkam, wurde erschossen. Nur ein Bruchteil überlebte. 

Am 15.4.45 wollte man sich in Neuengamme sogenannter „Muselmänner“ (entkräfteter Häftlinge) entledigen und schickte die Gefangenen Richtung KZ Bergen-Belsen. In der Zwischenzeit war dieses Lager jedoch bereits worden. Durch Hunger, Seuchen und Bombenangriffe dezimiert, kehrten die Reste des Transports nach Neuengamme zurück, wo der Lagerführer Thumann die Aufnahme der Männer verweigerte. Nun wurden sie nach Osten in Marsch gesetzt, nur wenige von ihnen erreichten das Ziel: das Auffanglager „Reiherhorst“ in Wöbbelin. Dort gab es keinen Strom, keine Betten, rohe, fensterlose Ziegelbaracken. Alles war schnell und in einfachster Form errichtet worden. Das ganze Lager hatte nur eine einzige kleine Handpumpe, diese lieferte das Wasser für die „Suppe“, die es einmal am Tage gab. Das „Krankenrevier“ war in einem besonderen Raum und hatte nicht einmal Bettstellen oder dergleichen. Die Kranken lagen auf dem Sand, teils schon halbtot, die meisten unfähig, sich zu bewegen.

„Wir konnten das KZ riechen, bevor wir es erreichten“, erinnert sich einer der amerikanischen Befreier. Hätte sich die Befreiung weiter verzögert, hätten die Amerikaner nur noch Leichen vorgefunden, aber auch nach dem 2. Mai kam für viele jede Hilfe zu spät

Auf Anweisung und unter Aufsicht der amerikanischen Militärbehörden wurden einige der Opfer am 7. Mai in Ludwigslust auf der Freifläche zwischen Schloss und Stadtkirche begraben. Zweihundert teilweise aus Massengräbern exhumierte Tote des KZ Wöbbelin wurden durch die Einwohnerinnen und Einwohner bestattet. Sie mussten für jeden Toten ein Einzelgrab ausheben. Die gesamte Bevölkerung, einschließlich der in Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten, Offiziere und Generale, hatte an den in weiße Tücher gehüllten Toten vorbei zu defilieren – eine späte Ehrung für die Opfer des Faschismus.Es wurden 200 weiße Holzkreuze aufgestellt, 51 Kreuze trugen den Davidstern.Im Jahr 2001, anlässlich des 56. Jahrestag der Befreiung, wurde die Gräberstätte zwischen Schloss und Stadtkirche mit Grabsteinen aus grauem Granit erneuert.

Unsere Exkursion führte uns zunächst in das Museumsgebäude der „Mahn- und Gedenkstätte Wöbbelin“. Dort wurden wir von Frau Edeltraut Schure durch das Haus geleitet – eine Führung durch die Geschichte dieses Ortes, die sicher niemand von uns vergessen wird. Frau Schure versieht ihr Amt seit Jahrzehnten, um ihren Besuchern vor allem die Ereignisse von 1945 und die Gedenkstättenarbeit während der DDR-Zeit und danach nahezubringen. Nach der Wende drohte der Gedenkstätte die Schließung. Frau Schure tat gemeinsam mit ABM-Kräften alles, um den Fortbestand der Gedenkstätte zu sichern. Ihrem Engagement ist es auch zu verdanken, dass die geplante Streckenführung des Transrapid Hamburg-Berlin um ca. 9 km geändert wurde. Ursprünglich sollte der Zug das ehemalige KZ-Gelände diagonal durchschneiden. Wir erfuhren, dass in der „Nachwendezeit“ nicht nur viel Engagement dazu gehörte, die Gedenkstätte und die Erinnerung an die Opfer zu erhalten, sondern auch Zivilcourage erforderlich war, um sich gegen Neonazis zu wehren: In der Nacht vom 24. zum 25. Februar 2002 schändeten sie das Denkmal von Jo Jastram, das 1960 errichtet worden war, auf grausamste Weise. Das Denkmal besteht aus einem Sandsteinrelief und einer Stele mit Feuerschale.

In dieser Nacht wurden von den Neonazis erhabene Teile des Reliefs wie Köpfe und Arme abgeschlagen und das ganze Relief mit einem roten Hakenkreuz besprayt. Auf der Stele stand in roter Farbe „Jud“ und „Lüge“. In die Feuerschale hatten die Nazis einen Schweinekopf gelegt, in dessen Stirn den Davidstern geschnitten, die Augen ausgestochen und Geldmünzen hineingesteckt. „Natürlich“ wurden die Täter nie ermittelt. Polizei und Verfassungsschützer sind kaum motiviert, Ausschreitungen von Rechtsextremisten zu verfolgen: Solange die NPD nicht verboten ist, kann sie sich austoben. Wir verbrachten über 2 Stunden mit Frau Schure, die uns über Anliegen und Arbeit der Gedenkstätte informierte. Danach ging es hinaus in den Wald auf das Gelände des ehemaligen KZ. Ein Ehrenhain wurde an der Stelle des ehemaligen Lagereingangs errichtet. Von den Gebäuden ist nichts mehr zu sehen. Pflöcke mit Seilen deuten an, wo ehemals Baracken standen. Weiter ging es nach Ludwigslust. Das neu hergerichtete Gräberfeld zwischen Schloss und Stadtkirche wirkte kalt und steril gegen das, was wir vorher sahen.

Der 7. Mai war „Heimatkundetag“. Wir inspzierten den Stadtkern von Neustadt-Glewe. Viele alte Häuser waren schön renoviert. Zu DDR-Zeiten fehlte für so aufwändige Maßnahmen oft das Geld – dafür gab es in der Stadt 3400 Arbeitslose weniger. 

Von 1990 bis 1992 wurde fast die gesamte Industrie „abgewickelt“, d.h. plattgemacht, u.a. die Volkseigenen Betriebe (VEB) Lederwerk, Funkelektronik, Werkzeugmaschinenfabrik und das Volkseigene Gut Lewitz. 

Bis 1998 wurden auch wesentliche Teile der eindrucksvollen Burganlage saniert. Eine sehr kompetente Museumsmitarbeiterin führte uns durch die fertiggestellten Gebäudeteile. Wir besuchten das Museum, von dem ein Teil dem Andenken ehemaliger Zwangsarbeiter gewidmet ist, denn in der damals industriell geprägten Kleinstadt mussten viele Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene für den „Endsieg“ schuften. Hier existierte auch ein Außenlager des KZ Ravensbrück. Die weiblichen Häftlinge mussten in Rüstungsproduktion der Dornier-Werke arbeiten. Etwa 1000 von ihnen starben in diesem KZ-Außenlager. Am 2. Mai 1945 besetzte die Rote Armee den Flugplatz, befreite die Lager und die Stadt. Seitdem waren, als wir die Gedenkorte besuchten, genau 60 Jahre vergangen. Wir sind den Menschen, denen wir dort begegneten dankbar, dass sie durch ihr Wirken und ihr Engagement mithelfen, dass die Verbrechen aus der Nazizeit nicht vergessen werden. Die neonazistischen Anschläge wie die auf die Gedenkstätte Wöbbelin beweisen:


Der Schoß ist fruchtbar noch aus dem d a s kroch !

Ulla Suhling

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13. Fuhlsbüttler Filmtage im November 2005

Tania und Olga: Zwei deutsche Revolutionärinnen für die Befreiung Lateinamerikas.

Mit zwei Dokumentarfilmen erinnerte die Bredel-Gesellschaft im Rahmen der traditionellen Fuhlsbüttler Filmtage an zwei deutsche Frauen, die durch ihren mutigen Einsatz für die Befreiung Südamerikas bekannt wurden: Olga Benario und Tamara Bunke, genannt Tania. Der vom türkischen Regisseur und Drehbuchautor Galip Iyitanir geschaffene Streifen „Olga Benario. Ein Leben für die Revolution“ zeichnete u.a. mit sehr eindrucksvollen Spielfilmszenen das Leben dieser ungewöhnlich mutigen Frau nach. – Während Olga Benario an der Seite des legendären „Ritter der Hoffnung“ Luis Carlos Prestes für die Befreiung Brasiliens kämpfte, stritt Tamara Bunke gemeinsam mit Che Guevara für die Revolution in Bolivien. In seiner Einführung ging Hans-Kai Möller auf die aktuelle Linksentwicklung in Südamerika ein und arbeitete danach zahlreiche Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten in den Biographien der beiden Frauen heraus. Den Dokumentarfilm „Tania, la Guerillera“ der Schweizer Drehbuchautorin und Regisseurin Heidi Specogna leiteten Holger Schulze und Hans Matthaei mit einer biographischen Skizze über Tamara Bunke ein. Im Anschluss an den Film entspann sich eine interessante Diskussion über Che Guevaras Guerrillaaktion, die Hans Matthaei kenntnisreich leitete. 

HKM

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