Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Rundbrief 2005, 16. Jahrgang

Inhalt

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Editorial

Bekanntlich hatte es sich die Kultursenatorin des von Beust-Schill-Senates, Dana Horáková, 2003 zum Ziel gesetzt, die Hamburger Geschichtswerkstätten kaputt zu sparen. Wie dieser Rundbrief beweist, hat es die Willi-Bredel-Gesellschaft dank des großen Engagements ihrer Mitglieder und Spender trotz einer Zuschusskürzung geschafft, alle ihre Projekte erfolgreich weiterzuführen – während die Senatorin a. D. in der Versenkung verschwunden ist und möglicherweise auf einen Job in Peter Tamms Marine-Museum hofft.

Eines der Projekte, das die Bredel-Gesellschaft über Jahre beschäftigt hat, fand 2004 einen würdigen Abschluss: Zwar konnte der Abriss des ehemaligen Kutscherkruges an der Alsterkrugchaussee nicht verhindert werden, aber immerhin ziert der aufwendig restaurierte Sturzbalken dieses ältesten Fuhlsbüttler Hauses den Eingangsbereich des Ortsamtes Fuhlsbüttel. Zusammen mit einer erklärenden Texttafel und einem Faltblatt zur Geschichte des Gebäudes ist unsere Geschichtswerkstatt nun an einem zentralen Ort im Stadtteil dauerhaft präsent.

Im Mai 2004 wurde der erste Teil der Ausstellung „Zwangsarbeit in Hamburg“ in den Baracken am Wilhelm-Raabe-Weg durch den ehemaligen Zwangsarbeiter Theo Massuger und die langjährige Vorsitzende der Bezirksversammlung Hamburg-Nord Renate Herzog feierlich eröffnet. Im Januar 2005 wurde eine Broschüre zur Zwangsarbeit bei den Hanseatischen Kettenwerken mit Zeitzeugenberichten und Beiträgen zur Firmengeschichte herausgegeben.

Zwei Menschen, die Willi Bredel sehr geschätzt hat, werden in diesem Rundbrief vorgestellt: sein zeitweiliger Klassenlehrer, der Friedenspädagoge und Schriftsteller Wilhelm Lamszus, und Bredels Freund, der dänische Arbeiterdichter Martin Andersen Nexö. Eine besondere Freude hat uns Anna-May Kraus gemacht, die der Willi-Bredel-Gesellschaft die Privatbibliothek Bredels, seinen Schreibtisch und ihren Anteil an den urheberrechtlichen Verwertungsrechten an Bredels Werk geschenkt hat. Hier wächst also dem Verein eine neue große Aufgabe zu, die große Anstrengungen erfordern wird.

Über all diese Themen und einiges mehr wird im Rundbrief 2005 ausführlich berichtet. Eine interessante Lektüre wünscht im Namen der Redaktion

Hans Matthaei, März 2005

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Der Willi-Bredel-Nachlass

Großzügige Spende von Anna-May Kraus

Der 12. Januar 2005 war ein bedeutsamer Tag in der fast zwanzigjährigen Geschichte der Willi-Bredel-Gesellschaft. In dem altehrwürdigen Notariat Biermann-Rathjen unterzeichnete Anna-May Kraus einen vierseitigen Vertrag, in dem sie dem Verein wichtige Teile des Nachlasses von Willi Bredel schenkt.

Bereits 1996 hatte Anna-May Kraus mit einem Leihvertrag dafür gesorgt, dass die Bredel-Gesellschaft über die 5.000 Bände der Privatbibliothek Bredels verfügen konnte. In Ermangelung ausreichender eigener Raumkapazitäten hatte der Verein seinerzeit die Bibliothek an die Forschungsstelle für Zeitgeschichte weiterverliehen. Dort wurden die Bücher, die zuvor jahrelang in der Großherzoglichen Bibliothek im Schweriner Schloss lagerten, in einem eigenen Raum aufgestellt und der Öffentlichkeit erstmals zugänglich gemacht. In einer Feierstunde am 23. April 1998 mit dem Kampfgefährten Bredels, Prof. Dr. Gerhart Dengler, wurde die Rückkehr dieses Bücherschatzes in Bredels Heimatstadt gewürdigt.

Im Rahmen des Leihvertrages gelangten auch Bredels schlichter Schreibtisch, sein Schreibtischstuhl, seine Schreibmaschine und einige persönliche Utensilien wie z. B. sein Füllfederhalter nach Hamburg. Nach einer sorgfältigen Restaurierung befinden sich diese wertvollen Erinnerungsstücke nun in den Räumen der Willi-Bredel-Gesellschaft Im Grünen Grunde. Auch wenn an diesem Ort die Ausstellungsmöglichkeiten begrenzt sind, ist hier doch der Grundstock für eine kleine Erinnerungsstätte an den Hamburger Arbeiterdichter entstanden. Als weiteres Geschenk von Anna-May Kraus kam 2004 ein großformatiges Ölbild mit dem Portrait von Willi Bredel hinzu, das Prof. Ingo Timm auf Vermittlung von Claude Keisch hervorragend restauriert hat.

Aber damit nicht genug: Die großzügige Spende von Anna-May Kraus umfasst auch einen maßgeblichen Anteil an den Verwertungsrechten von Bredels literarischem Nachlass. Darüber hinaus hat Anna-May das von ihrer Mutter geerbte Initiativrecht für die Herausgabe von Büchern bzw. die Vergabe von anderen Verwertungsrechten (Verfilmung, Vertonung) der Bredel-Gesellschaft übertragen.

Auch wenn gegenwärtig das Interesse an einer Neuauflage von Bredels Werken relativ gering ist, wird die Bredel-Gesellschaft die ihr zugedachte Verantwortung jedoch ernst nehmen und sorgfältig prüfen, welche Neuveröffentlichung sinnvoll sind. Sicherlich wird es auch gelingen, in der Handhabung der Nutzungsrechte mit den übrigen Erben Bredels ein praktikables Abstimmungsverfahren festzulegen. Für dieses Jahr plant der Verein bereits die Herausgabe der wenig bekannten Erzählung von Willi Bredel über das Schicksal eines polnischen Zwangsarbeiters mit dem Titel „Der Opfergang“. Vielleicht gelingt es der Gesellschaft ja auch in absehbarer Zukunft, Verlage für die Neuauflagen des einen oder anderen der mittlerweile vollständig vergriffenen Werke Bredels zu gewinnen.

In einer Feierstunde am 12. Januar 2005 hat der Vorstand der Bredel-Gesellschaft Anna-May Kraus für ihre Schenkung herzlich gedankt. „Ohne Deinen Einsatz – auch gegen den vom Staat bestellten Vormund Deiner Mutter – wäre Willis Bibliothek längst verschachert worden. Wir werden alles tun, um das politische Vermächtnis Deines Vaters zu erfüllen“, betonte der Vereinsvorsitzende in seiner Rede. Als Gäste nahmen an der Feierstunde der Vorsitzende der Gedenkstätte Ernst Thälmann, Uwe Scheer, und der langjähriger Freund der Familie Bredel, Wolfgang Lau, teil. Ein umfangreiches Besuchsprogramm führte Anna-May an diesem denkwürdigen Tag auf den Spuren Willi Bredels in die neu gestaltete Ausstellung im KolaFu, zu Kampnagel und zu seinem ehemaligen Wohnhaus in der Glashüttenstraße im Karolinenviertel.

Hans Matthaei

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Martin, der Rote, und Willi Bredel

Eine kaum bekannte Freundschaft

Mitte letzten Jahres erschien im Aufbau-Verlag unter dem Titel „Der trotzige Däne“ die erste „gesamtdeutsche“ Biographie über den berühmten dänischen Schriftsteller Martin Andersen Nexö. Autor dieses Buches ist der Schweizer Skandinavist Aldo Keel, dem es offensichtlich in erster Linie darum geht vermeintliche oder tatsächliche politische Irrtümer und Fehler im Leben des streitbaren Schriftstellers aufzudecken.[ 1 ] Bei diesen Versuchen bedient er sich häufig statt wissenschaftlich reflektierter und gesicherter Fakten antikommunistischer Klischees und Stereotype. Aus diesem Blickwinkel heraus ist insbesondere die Darstellung Nexös letzter Lebensjahre in der DDR und die „Bibliographie“ der in der SBZ und DDR veröffentlichten Literatur äußerst schmal und lückenhaft. So verwundert es auch nicht, dass Keel den mehrfach veröffentlichten Aufsatz von Willi Bredel „Der rote Wikinger“, der 1950 erstmals in dem Sammelband „Sieben Dichter“ im Petermänken-Verlag, Schwerin, erschien, nicht erwähnt.[ 2 ] Diese Arbeit basiert auf einer Rede, die Bredel am 26.6.1949 anlässlich des 80. Geburtstages des gerade in der deutschen Arbeiterbewegung sehr beliebten Schriftstellers in der Staatsoper Berlin hielt.[ 3 ] Die Festveranstaltung wird in der Biographie geflissentlich übergangen, da sie anscheinend für die von Keel geschickt suggerierte These „Die DDR vereinnahmte den publicitysüchtigen Greis“ wenig hergab. Überraschenderweise erfährt der Leser dann am Ende der Biographie, dass bei der offiziellen Gedenkveranstaltung in der DDR zum Tode des Dichters am 4.6.1954 neben anderen Willi Bredel sprach.[ 4 ] Es handelte sich um die acht Manusskriptseiten umfassende Trauerrede.[ 5 ] Die Tatsache, dass gerade Willi Bredel bei zwei wichtigen Anlässen, dem 80. Geburtstag und dem Tod Andersen Nexös jeweils die grundsätzliche Rede hielt, war natürlich weder ein Zufall noch ein hinterhältiger Schachzug „stalinistischer Bürokraten“.

Willi Bredel machte schon als Kind Bekanntschaft mit Andersen Nexös „Pelle, der Eroberer“. In seinem 1948 veröffentlichten Artikel mit dem unglücklichen Titel „Martin Andersen-Nexö – der nordische Gorki“ schreibt er: „Ich erinnere noch sehr gut, wie in meinem sozialdemokratischen Elternhause dies Buch in der Verwandtschaft von Hand zu Hand ging. Sogar die Großmutter und meine Mutter, die Bücher von der Marlitt und Courths-Mahler bevorzugten, haben dies Buch, obwohl es sehr umfangreich ist, gelesen.“ [ 6 ] Einen literarischen Beleg für die Jugenderinnerung und die Wertschätzung für dieses Werk enthält Bredels wohl bester Roman „Die Väter“: Der alte Johann Hardekopf bringt zur Verwunderung seiner Frau Pauline ein Buch mit nach Hause, das er nicht bloß gekauft hat, was allein schon ungewöhnlich ist, sondern das er vorher schon in der Gewerkschaftsbibliothek gelesen hatte. Er erklärt seiner Frau, dass man so ein Buch aber im Hause haben müsse, weil darin gestaltet sei, wie die Armen leben und beginnen für den Sozialismus zu kämpfen.[ 7 ]

Persönlich begegneten sich Willi Bredel und Martin Andersen zum ersten Mal höchstwahrscheinlich auf dem ersten Allunionskongress der Sowjetschriftsteller, der am 17.8.1934 in Moskau begann. Hier hielt der „trotzige Däne“ eine Rede. Da er vom KPdSU-Vertreter Karl Radek nur am Rande gewürdigt wurde und der gesamte Kongress sehr stark auf die Person, das Werk und die Theorien Maxim Gorkis ausgerichtet war, reiste Andersen Nexö verärgert vorzeitig ab.[ 8 ] Mit Sicherheit haben sich der ehemalige Hamburger Dreher und der Bornholmer Schuhmacher im Sommer 1935 kennen gelernt: Ein Foto aus dem Nexö-Archiv zeigt ihn und seine deutsche Frau Johanna gut gelaunt im Gespräch mit Lilli Becher, Johannes R. Becher und Willi Bredel in einem Garten in Peredelkino bei Moskau.

Der dänische Biograph Andersen Nexös, Börge Houmann, berichtet in seinem lesenswerten Aufsatz „Sechzig Jahre mit Martin Andersen Nexö“ davon, dass er bei dem von Andersen am 11.8.1933 gegründeten Hilfskomitee für die Opfer des Faschismus in Kopenhagen auch Willi Bredel kennen lernte. Da dieses Komitee aber bereits im September 1934 seine Arbeit einstellen musste, muss dieser Besuch Bredels vermutlich zwischen seiner Haftentlassung und vor der Übersiedelung von Prag nach Moskau stattgefunden haben.[ 9 ] Merkwürdigerweise taucht diese Reise weder in Bredels zahlreichen autobiographischen Skizzen noch in den ausgefüllten Fragebögen seiner Kaderakte bei der SED auf. Möglicherweise ist Bredel schon bei dieser Gelegenheit seinem literarischen Vorbild, Martin Andersen Nexö, der das Komitee auch leitete, begegnet.[ 10 ]

Ein weiteres Zusammentreffen der beiden antifaschistischen Schriftsteller gab es in Spanien beim 2. Internationalen Kongress zur Verteidigung der Kultur, der in Valencia und Madrid vom 4.–11.7.1937 tagte.[ 11 ] Ob Willi Bredel auch dem von dem norwegischen Schriftsteller Nordahl Grieg überlieferten Ereignis am 5.7.1937 im Hotel Victoria in Madrid beiwohnte, ist wohl eher unwahrscheinlich: Während eines Bombardements der Faschisten lag der alte Kämpe auf dem Bett und sang zur Beruhigung seiner Schriftstellerkollegen Bornholmer Wiegenlieder.[ 12 ] Dieses Erlebnis hätte Willi Bredel sicherlich sofort zu einer Anekdote verarbeitet.

In der Folgezeit erschienen in der von Brecht, Feuchtwanger und Bredel herausgegeben literarischen Exil-Zeitschrift „Das Wort“ drei Beiträge Andersen Nexös, die von der Emigrantin und Brecht-Mitarbeiterin Margarete Steffin zusammen mit Brecht übersetzt worden waren.[ 13 ] Der Brechtsche Stil dieser Übersetzungen von Andersen Nexös Lebenserinnerungen stießen allerdings bei Bredel und auch bei Nexö auf wenig Gegenliebe. So verzichtete Nexö dann auch darauf die Bände 3 und 4 der deutschsprachigen Moskauer Ausgabe seiner Lebenserinnerungen zu veröffentlichen.[ 14 ]

Im Sommer 1947 besuchte er das erste Mal seit 1933 Deutschland. Bredel nahm das zum Anlass in der von ihm geleiteten literarischen Monatsschrift für das Land Mecklenburg „Heute und Morgen“ einen Vorabdruck aus Andersen Nexös „Die Kindheit“ zu veröffentlichen.[ 15 ] Dieses Buch erschien später im Dietz-Verlag. Im folgenden Jahr stellte Bredel den nun in Dänemark von seinen ehemaligen sozialdemokratischen Parteigenossen angegriffenen Schriftsteller in der bereits erwähnten biographischen Skizze „Martin Andersen-Nexö – der nordische Gorki“ den deutschen Lesern vor.[ 16 ] Zum 80.Geburtstag erschien in „Heute und Morgen“ eine Würdigung durch Ehm Welk und die Novelle „Bigum Stelzfuß“.[ 17 ]

Das Jahr 1951 brachte noch einmal eine Wende im ereignisreichen Leben des „roten Dänen“: Der antikommunistischen Anfeindungen durch Konservative und Sozialdemokraten überdrüssig entschloss er sich mit nunmehr 82 Jahren seine Heimat zu verlassen und in die DDR überzusiedeln. Wenige Monate nach der Übersiedlung erhielt er zusammen mit Anna Seghers und Bertolt Brecht den Nationalpreis der Republik auf dem Gebiet von Kunst und Literatur verliehen.[ 18 ] Von der Kaffeetafel nach der Verleihung existiert ein Foto, das ihn im intensiven Gespräch mit Willi Bredel und dem ehemaligen Dänemark-Emigranten Fritz Schälicke zeigt.

Ein Beleg für die Freundschaft zwischen den deutsch-skandinavischen Ehepaaren Andersen und Bredel ist auch das sehr einfühlsame Kondolenzschreiben anlässlich des Todes von Willi Bredels Mutter vom 7.12.1951.[ 19 ]

Im Jahr 1953 machte Willi Bredel seinem väterlichen Freund eine besondere Freude: Er brachte nicht nur seine „Lebenserinnerungen“ in einer neuen, sehr gelungenen Übersetzung von Ernst Harthern in der repräsentativen „Bibliothek fortschrittlicher deutscher Schriftsteller“ heraus, sondern schrieb dazu auch ein sehr positives biographisches Nachwort.[ 20 ] In einem Brief vom 21.4.1954 bedankte sich Nexö für diese Veröffentlichung, eine Karte und die Zusendung der gerade neu erschienenen „Enkel“ bei Bredel. Abschließend bat er Willi und May Bredel ihn und Johanna in Dresden zu besuchen.[ 21 ] Ob es noch zu diesem Besuch kam, war bisher nicht zu ermitteln. Am 1.6.1954 starb der Schuhmacher, der nicht bei seinem Leisten blieb, und zu einem der bekanntesten dänischen Schriftsteller wurde.

Wird heute von der veröffentlichten Meinung der 200. Geburtstag des dänischen Märchendichters Hans Christian Andersen gefeiert, den Bredel als den Dichter des „Es war einmal“ bezeichnete, ist Martin Andersen weitgehend vergessen und verdrängt, so halten wir es mit diesem Dichter des „Es wird einmal“. Bredel brachte es auf den Punkt: „Bei Hans Christian Andersen siegt das menschlich Gute im Märchen; Martin Andersen hat dafür gestritten…,damit es endlich im Leben siegt.“ [ 22 ]

Hans-Kai Möller

[ 1 ] Keel, Aldo: Der trotzige Däne, Martin Andersen Nexö, Berlin 1.Auflage 2004, und: Keel, Aldo: Der rote Däne, in: Neues Deutschland, 29./30.5.2004, S.18.

[ 2 ] Bredel, Willi: Sieben Dichter, Schwerin 1950, S. 91-101.

[ 3 ] Stiftung Akademie der Künste, Archivabteilung Literatur, Willi-Bredel-Archiv, Nr. 1004, 1005/1, 1005/2.

[ 4 ] Keel, S. 295.

[ 5 ] Stiftung, Willi-Bredel-Archiv, Nr. 1033.

[ 6 ] Bredel,Willi: Martin Anderson-Nexö – der nordische Gorki, in: Heute und Morgen, Literarische Monatsschrift, Schwerin, Jahrgang 1948, Heft 6, S. 394.

[ 7 ] Bredel, Willi: Die Väter, Berlin und Weimar 8.Auflage 1975, S. 252–254.

[ 8 ] Keel, S. 210/211.

[ 9 ] Houmann, Börge, Sechzig Jahre mit Martin Andersen Nexö, in: Sinn und Form, Berlin, 33.Jahrg., 1981, Heft 5, S. 984, und: Keel, S. 218/219.

[ 10 ] Stiftung der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO), Berlin, DY/IV 2/11/v 44.

[ 11 ] Vgl.: Stiftung, Willi-Bredel-Archiv, Nr.3080 und: Bredel: Martin Andersen-Nexö – der nordische Gorki, S. 397.

[ 12 ] Keel, S. 235.

[ 13 ] Das Wort, Moskau 1936–1939, Bibliographie einer Zeitschrift, S. 103, S. 119 und S. 151.

[ 14 ] Keel, S. 240.

[ 15 ] Heute und Morgen, Jahrgang 1947, Heft 3, S. 182–184.

[ 16 ] Heute und Morgen, Jahrgang 1948, S. 394–397.

[ 17 ] Heute und Morgen, Jahrgang 1949, Heft 6, S. 350–357.

[ 18 ] Keel, S. 291.

[ 19 ] Bredel, Willi: Meiner Mutter Frieda Bredel, geb. Harder, Berlin-Niederschönhausen 1952 o.S.

[ 20 ] Nachwort, in: Martin Andersen Nexö: Erinnerungen, Berlin 1953, S. 681–686.

[ 21 ] Andersen Nexö, Martin: Brief an Willi Bredel v.21.4.1954, in: Sinn und Form, Berlin, 17. Jahrgang, 1965, Sonderheft Willi Bredel, S. 253.

[ 22 ] Nachwort, S. 686.

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Wilhelm Lamszus

Bredels Lehrer, Förderer und Freund

Willi Bredel drückt die Schulbank in der 5. Klasse der Volksschule Spitalerstraße, als 1912 sein Lehrer Wilhelm Lamszus ein aufsehenerregendes Buch veröffentlicht: „Das Menschenschlachthaus“. Zwei Jahre vor Beginn des 1. Weltkrieges schildert Lamszus die „Bilder vom kommenden Krieg“, wie der Untertitel lautet, derart plastisch, dass das Buch innerhalb der Arbeiterbewegung zum Bestseller wird und die Schulbehörde mit Sanktionen gegen den Autoren reagiert. „Keiner der bekannten deutschen Dichter des Jahrhundertbeginns, sondern ein Mann aus dem Volke, ein Volksschullehrer, hat das erste Buch gegen den imperialistischen Krieg geschrieben“ urteilt Willi Bredel über das Werk.[ 1 ]

Wilhelm Lamszus, am 13. Juli 1881 in Altona geboren, entstammt einer sozialdemokratischen Arbeiterfamilie. Sein Vater Christoph war Schuhmacher und Distriktsvorsitzender der SPD. Im sozialen Umfeld der Arbeiterbewegung vor 1900, das Bredel in seinem Werk „Die Väter“ so treffend beschreibt, gelingt Lamszus der soziale Aufstieg: Als Schüler mit sehr guten Noten wird er zum Lehrerseminar zugelassen und beginnt 1902 seine Lehrertätigkeit an einer Hamburger Volksschule. Zur gleichen Zeit tritt er der sozialdemokratischen Lehrerorganisation, der „Sozialwissenschaftlichen Vereinigung“, bei. Als engagierter Lehrer versucht er die verknöcherte Erziehung in den Schulen aufzubrechen. Gemeinsam mit seinem Kollegen und Freund Jensen verfasst er eine Reihe von pädagogischen Streitschriften gegen den veralteten Schulbetrieb sowie die dogmatischen und schematischen Methoden insbesondere im Deutschunterricht.

Willi Bredel, dessen Klassenlehrer Wilhelm Lamszus für zwei Jahre war,[ 2 ] würdigt diese schulreformerischen Ansätze in seiner Auseinandersetzung mit der „Strafschule“ in Hamburg folgendermaßen: „Die erstarkende Arbeiterbewegung hat auch in Hamburg die gröbsten Auswüchse dieses bourgeoisen Schulwesens beseitigt. Im Kampf gegen Zwangserziehungs- und Strafanstalten und für die allgemeine Volksschule wuchs eine von sozialistischen Ideen beeinflusste Volksschullehrerschaft heran, die zu den bedeutendsten Pädagogen und Schulreformern Deutschlands zählten. Zu ihren besten Vertretern gehören Männer wie Wilhelm Jensen und Wilhelm Lamszus.“ [ 3 ]. Selbst Lenins Frau, die Pädagogin N. K. Krupskaja, würdigt in ihrer Schrift „Freie Bahn den Tüchtigen“ 1916 diese fortschrittlichen Aktivitäten.

Geleitet von seinem reformpädogischen Anliegen schreibt Lamszus 1912 das als Jugendbuch konzipierte Werk „Das Menschenschlachthaus“ in einer Zeit, als Kriegsliteratur die alltägliche Lesekost „deutscher Buben“ darstellt. Der Held des Buches zieht zu Beginn eines fiktiven Krieges gegen Frankreich an die Front. Seine Träume von Heldentaten verwandeln sich in Alpträume, die in einem Massengrab enden. Der expressionistische Roman geht noch heute unter die Haut, weil Lamszus die Materialschlachten und den Einsatz von Giftgasen im 1. Weltkrieg geradezu visionär voraussieht. „Es gehörte Mut dazu, als junger Volksschullehrer im Kaiserreich sich gegen den Ungeist des Militarismus und das Verbrechen des drohenden Krieges aufzulehnen: von einem Lehrer wurde verlangt, dass er die Jugend in soldatischem Geist und zur Untertanentreue gegenüber Kaiser und Vaterland erzöge.“ [ 4 ] Das Buch wird ein großer Erfolg, in wenigen Monaten erscheinen siebzig Auflagen, nach drei Monaten sind 100.000 Exemplare verkauft. Es wird in sieben Sprachen übersetzt, allein die englische Ausgabe 1913 erreicht 100.000 Stück. Die Bedeutung des Werkes wird auch daran deutlich, dass zu der dänischen Ausgabe Martin Andersen Nexö und zur französischen Henri Barbusse die Vorworte schreiben. Vielfältig wird „Das Menschenschlachthaus“ von pazifistischen Organisationen und für die Friedens-Agitation der Arbeiterbewegung eingesetzt. Beispielsweise veröffentlicht die sozialdemokratische Tageszeitung „Hamburger Echo“ Auszüge aus dem Roman im Feuilleton.

Die reaktionären Kräfte des Kaiserreiches versuchen Lamszus mundtot zu machen. Nach umfangreichen Ermittlungen der Polizei und auf Drängen des preußischen Kulturministeriums wird Lamszus am 20. September 1912 aus dem Schuldienst entlassen und das Buch verboten. Schon nach drei Tagen muss allerdings aufgrund von massiven Protesten aus der Hamburger Arbeiter- und Lehrerschaft das Berufsverbot durch den Schulsenator Freiherr von Berenberg-Gosslar wieder aufgehoben werden.

„Die verschlagenen Patrizier fanden einen Ausweg; sie ließen es sich was kosten, den unbequemen Literaten loszuwerden. Wilhelm Lamszus erhielt den ,ehrenvollen Auftrag‘, nach Nordafrika zu fahren, um dort an Ort und Stelle die Lage der Deutschen in der französischen Fremdenlegion zu studieren.“ [ 5 ] Lamszus nutzt den Aufenthalt in Algerien zum Verfassen einer schonungslosen Abrechnung mit der damals oft idealisierten Fremdenlegion. 1914 erscheint im Hamburger Alfred Janssen Verlag sein Buch „Der verlorene Sohn – Eine Geschichte aus der Fremdenlegion“ mit der Zielrichtung, junge Männer vor dem folgenschweren Eintritt in die Fremdenlegion zu warnen.

Ein weiteres Anti-Kriegsbuch in Fortsetzung des „Menschenschlachthauses“ mit dem Titel „Das Irrenhaus – Visionen vom Krieg“ ist noch vor Beginn des 1. Weltkrieges fertiggestellt, kann aber erst 1919 mit einem Vorwort von Carl von Ossietzky herausgegeben werden. Wieder nimmt Lamszus den Verlauf und das Ergebnis dieses Krieges vorweg: Das Buch beschreibt den Stellungskrieg, das Elend im Hinterland am Beispiel der Familie des Romanhelden in Hamburg, die Verbrüderung an den Fronten und die soziale Revolution in Deutschland als Folge des aussichtslosen Kriegsverlaufes.

Maßlos enttäuscht von der „Burgfrieden-Politik“ der SPD im 1. Weltkrieg schließt sich Lamszus der neugegründeten KPD an. In ihr sieht er die Kraft, die am konsequentesten gegen die Kriegstreiber auftritt. 1927 allerdings verläßt er die Partei wieder, weil er mit der innerparteilichen Entwicklung und den Vorbehalten in der Parteiführung gegenüber reformpädagogischen Ansätzen in Versuchsschulen unter kapitalistischen Gesellschaftsverhältnissen unzufrieden ist. Bredel schreibt über diese Phase in Lamszus‘ Leben: „Er war keine politische Kämpfernatur, sondern liebte es, im stillen zu wirken. Er nahm sich der schriftstellerisch begabten jungen Arbeiter aus der sozialistischen Jugendbewegung an, und im ,Lamszus-Kreis‘ zu Beginn der zwanziger Jahre wurden begeistert die Werke der Goßen in der Literatur gelesen und die literarischen Versuche der jungen Anfänger freimütig kritisiert.“ [ 6 ]. Lamszus übt auch praktische Solidarität, indem er z.B. Willi Bredel während seiner Haftzeit in den zwanziger Jahren mit fortschrittlicher Literatur versorgt. [ 7 ]

Im April 1933 schicken die Nazis den unbeugsamen Friedenspädagogen mit Hilfe des sogenannten Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in den vorzeitigen Ruhestand – bei Kürzung der Pension um ein Drittel. Lamszus lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern zurückgezogen in seinem Haus an der Wellingsbüttler Landstraße Nummer 36 [ 8 ]. Trotz Schreibverbots kann er Artikel im Feuilletonteil des „Hamburger Anzeiger“ unterbringen.

Auch nach dem 2. Weltkrieg engagiert sich Lamszus weiter in der Friedensbewegung und der GEW, z. B. als führendes Mitglied in der „Deutschen Friedensgesellschaft“. Er veröffentlicht weitere Bücher wie den Gedichtband „Der große Totentanz“ und warnt in seiner Schrift „Der Forscher und der Tod“ 1946 vor der Entwicklung von Nuklearwaffen. Im Rahmen des „Schwelmer Kreises“ tritt er gegen die deutsche Teilung auf und unterstützt die Bildungsreformen in der DDR, besonders die polytechnische Erziehung. 1961 besucht Lamszus die DDR zu einem Erholungsurlaub in einem Ferienheim in Friedrichroda und gewinnt einen umfangreichen Einblick in das Erziehungswesen der DDR. Auch Willi Bredel hat seinen alten Lehrer und Freund bei seinen Hamburg-Aufenthalten regelmäßig besucht. [ 9 ]

„Es ist still um ihn geworden,“ schreibt Willi Bredel 1960 „fast ist er in Vergessenheit geraten – vor vielen Jahren aber, zur Zeit des Kaiserreiches, entfachte er einen Sturm, der über die ganze Erde ging.“ [ 10 ] Sicherlich hat sich der Sturm gelegt, aber die Werke von Wilhelm Lamszus verdienen es auch heute, gelesen und verbreitet zu werden. Empfohlen sei die von Andreas Pehnke herausgegebene Sammlung seiner Schriften „Antikrieg – Die literarische Stimme des Hamburger Schulreformers gegen Massenvernichtungswaffen.“ [ 11 ]

Hans Matthaei

[ 1 ] Willi Bredel, Unter Türmen und Masten, Schwerin 1960, S. 413.

[ 2 ] Gerhard Has, Der Junge Bredel (1901–1934), Magisterarbeit, Hamburg 1992, S. 10.

[ 3 ] Willi Bredel, Unter Türmen und Masten, Schwerin 1960, S. 182.

[ 4 ] Willi Bredel, Publizistik, Berlin 1976, S. 468.

[ 5 ] Willi Bredel, Unter Türmen und Masten, Schwerin 1960, S. 413.

[ 6 ] dgl., S. 413 f.

[ 7 ] vgl. Walter Victor, Bredel – Ein Lesebuch für unsere Zeit, S. L.

[ 8 ] vgl. Klaus Timm, Geschichten aus Klein Borstel, Band 1, Hamburg 2003, S. 42.

[ 9 ] vgl. Walter Victor, Bredel – Ein Lesebuch für unsere Zeit, S. LI.

[ 10] Willi Bredel, Unter Türmen und Masten, Schwerin 1960, S. 412.

[ 11] vgl. Andreas Pehnke, Antikrieg – Die literarische Stimme des Hamburger Schulreformers gegen Massenvernichtungswaffen, 2003

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Eindrucksvolle Eröffnung der Dauerausstellung in der Zwangsarbeiterbaracke

Am 29.April 2004 konnten wir ihn, seine Frau Christine und seinen Sohn Jan im Hotel Alsterkrug herzlich begrüßen: Theo Massuger, der Sprecher der ehemaligen niederländischen Zwangsarbeiter aus dem Lager Wilhelm-Raabe-Weg 23 wollte es sich nicht nehmen lassen die neue Dauerausstellung über das Lager der Firma Kowahl & Bruns einzuweihen.

Im Herbst 2000 hatte er uns noch zusammen mit vier ehemaligen „Kollegen“ aus den Niederlanden und ihren Ehefrauen besucht. (Vgl. Rundbrief 2001, S. 28–40) Zwei von ihnen, Cor de Bruin und Jef Bertens sind inzwischen verstorben, zwei nicht mehr in der Lage nach Hamburg zu reisen. Um so mehr freuten wir uns darüber, dass zumindest Theo, der uns auch so engagiert beim Kampf gegen die Streichung unserer Fördermittel unterstützt hatte, seinen 2001 geäußerten Wunsch, uns noch einmal zu besuchen, realisieren konnte.

Für ihn sollte es ein echter „Arbeitsbesuch“ werden: Am 30. April half er uns mir seinem hervorragenden Gedächtnis unsere Fotosammlungen über die Zwangsarbeiterlager Alsterkrugchaussee 385 und Wilhelm-Raabe-Weg 23 zu beschriften. Im Vordergrund stand dabei die Zuordnung der Namen zu den abgebildeten Personen. Nach knapp vier Stunden konzentrierter Arbeit konnten sich die Massugers endlich bei einem gemütlichen Essen bei Familie Struck im Olendörp erholen. Auch der 1.Mai war für „unseren“ Zeitzeugen kein Feiertag, denn an diesem Tag stand ein Interview auf dem Programm. Das Gespräch wurde von Heiko Humburg, Holger Schultze und dem Verfasser dieses Artikels auf der Grundlage von 35 Fragen, die von der Arbeitsgruppe Zwangsarbeit erarbeitet worden waren, geführt.

Am 2.Mai hingen dicke Regenwolken über Fuhlsbüttel und ein kühler Wind pfiff durch die Reste des „Wäldchens“ am Wilhelm-Raabe-Weg. Da unsere Ausstellungseröffnung auf dem Lagergelände nicht buchstäblich ins Wasser fallen sollte, wurde das von Benno Finkelmeyer in weiser Voraussicht organisierte „Festzelt“ aufgebaut. Zur Eröffnungsveranstaltung drängten sich über 50 Besucher in das Zelt. Der Vorsitzende der Bredel-Gesellschaft, Hans Matthaei, begrüßte die Ehrengäste die ehemalige Vorsitzende der Bezirksversammlung Hamburg-Nord, Renate Herzog, und unseren Besuch aus Eindhoven.

Hans Matthaei erinnerte in seiner Begrüßungsansprache an den zähen Kampf der Geschichtswerkstatt von der Verhinderung des Abrisses der beiden Baracken bis zur Realisierung der Dauerausstellung im ersten Segment der großen Baracke. In einer sehr eindrucksvollen Rede erinnerte Renate Herzog an den Besuch der Niederländer im September 2000 und an die wichtigen Impulse, die von dieser außergewöhnlichen Begegnung ausgingen. Frau Herzog würdigte das Engagement von über 500 Bürgern, die im Fuhlsbüttler Appell den Ausbau der Baracken und des Lagergeländes zu einem Info-Zentrum über Zwangsarbeit forderten und dankte insbesondere der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, dem Ortsamtsleiter Günter Schwarz und dem Beschäftigungsträger Mook wat e.V. für ihre ideelle und materielle Hilfe. Eine Passage der Rede, die unser Anliegen besonders eindrucksvoll darstellt, möchten wir unseren Lesern im „O-Ton“ vorstellen:

„Je weiter die Zeit des Nationalsozialismus zurückliegt, um so wichtiger ist der Erhalt und Aufbau solcher Erinnerungsorte, an denen wir noch gemeinsam mit Zeitzeugen arbeiten können. Solche Orte sind unverzichtbar, um derer zu gedenken, die unter dem nationalsozialistischen Deutschland gelitten haben, und sie sind ebenso unverzichtbar, um unseren Kindern und Kindeskindern zu vermitteln, dass Brutalität, Ausbeutung und Menschenverachtung mitten unter uns und in unserer unmittelbaren Nachbarschaft geschehen konnten. Wir müssen Beweise dafür sichern, dass die heile Welt der Heimatbücher nicht die wirkliche Welt war und ist.

Meine lieben Freunde, ich finde es sehr bedauerlich, dass die Idee, hier ein Informationszentrum für Zwangsarbeit in Hamburg zu entwickeln bisher nicht aufgegriffen und auch vom sozialdemokratischen Senat nicht unterstützt wurde. In einer Zeit, in der Geschichtswerkstätten um ihre Existenz bangen müssen, sind natürlich auch so wichtige Einrichtungen wie dieses Lager gefährdet. Bisher ist die finanzielle, wenn auch gekürzte Unterstützung, nur für das Jahr 2004 gesichert. Wir können alle nur hoffen, dass die neue Kultursenatorin sensibler und verständnisvoller mit der Aufarbeitung unserer Stadtteilgeschichte umgeht als ihre Vorgängerin. Aber wir dürfen auch nicht nachlassen in unseren gemeinsamen Bemühungen um die Sicherung und den Ausbau dieses Informationszentrums, dessen Einbeziehung in die Geschichtsaufarbeitung unserer Stadt sich durch die Nähe zur Gedenkstätte KoLaFu geradezu anbietet.“


Theo Massuger, der von der Situation sichtlich ergriffen war, hielt auf Deutsch eine Rede, die wohl keinen Zuhörer unberührt ließ. Er begrüßte den Erhalt des Lagers als Möglichkeit Jugendlichen anschaulich die Wahrheit über den Faschismus zu vermitteln und so dem sich in ganz Europa ausbreitenden Neofaschismus besser entgegentreten zu können.

Einige Passagen über seine Gefühle und aktuelle Erlebnisse, die sicherlich stellvertretend für die Gedanken vieler Männer und Frauen stehen, die in Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten, möchten wir weitgehend ungekürzt veröffentlichen:

„Wir, die Verschleppten, sind alle über achtzig. Unsere Zahl wird immer geringer. Und immer mehr von uns schweigen. Wir sind müde. Wir fühlen uns oft wie die Rufenden in der Wüste… Ich habe in den Niederlanden mit vielen ehemaligen Zwangsarbeitern gesprochen. Viele waren in Deutschland auf der Suche nach ihren Erinnerungen und ihrem alten Lager… Sie haben nichts wiedergefunden… An der alten Stelle waren Häuser gebaut oder es war eine Grünanlage angelegt worden. Als ich ihnen von der Bredel-Gesellschaft und ihrem Einsatz für das „Vergessene Lager“ erzählte, waren sie beeindruckt und empfanden das als eine sehr glückliche und wertvolle Ausnahme…

Ich habe schon erwähnt, dass wir über achtzig sind. Wir werden nicht mehr so lange auf dieser Erde wohnen… Niemand weiß, wie lange er noch zu leben hat. Darum glaube ich, dass dieser Besuch wohl der letzte in dieser Stadt sein wird. Wenn ich am Mittwoch mit meiner Frau und meinem ältesten Sohn nach Hause fahre, wird das wohl unvermeidlich der Abschied von Ihrer Stadt Hamburg sein, die ich trotz allem liebe. Ich glaube, dass sie immer in meinen Gedanken bleibt. Und das wird anders sein als vor 60 Jahren: Jetzt bleibt die positive Bekanntschaft mit den Mitgliedern der Willi-Bredel-Gesellschaft und last but not least an das ,Vergessene Lager‘. Ich glaube, dass ich es in Zukunft nur noch auf Fotos sehe, aber ich weiß ganz genau, dass das Lager am Wilhelm-Raabe-Weg ist und bleibt. Garantie dafür ist die Zusammenarbeit der Willi-Bredel-Gesellschaft mit Herrn Garbe und seinen Kollegen von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.“


Im Anschluss an diese Worte Theo Massugers hatte ich die Aufgabe das Konzept und die Ausstellungsinhalte vorzustellen: An der Geschichte des Lagers und ihrer Betreiberfirma Kowahl & Bruns lassen sich sehr unterschiedliche Aspekte des Zwangsarbeitereinsatzes von der Lokalgeschichte ausgehend bis hin zur europäischen Geschichte während des Zweiten Weltkrieges exemplarisch aber trotzdem sehr konkret veranschaulichen: So war die Firma K & B durch die Tarnaufträge für Flughäfen und militärische Einrichtungen in Norddeutschland, Frankreich und Polen besonders eng mit dem Kriegsgeschehen verbunden. Das Unternehmen betrieb mehrere Firmenlager, in denen Zwangsarbeiter lebten, die ausschließlich für die Firma arbeiten mussten. Es besaß darüber hinaus auch Wohnlager für Zwangsarbeiter, die bei anderen Rüstungsfirmen beschäftigt waren.

Kowahl & Bruns setzte in den eroberten Ländern Zwangsarbeiter ein, die aus diesen Ländern selbst oder aus anderen okkupierten Staaten stammten, z.B. Belgier in Nordfrankreich. Gegen Ende des Krieges beschäftigte das Hamburger Unternehmen sogar polnische Jüdinnen aus den KZ Sasel.


Die Ausstellung ist durch Bild-Schrift-Tafeln in fünf größere Themenbereiche gegliedert: 1. Die Entstehung des Lagers, 2. Die Lebensbedingungen im Lager, 3. Die Wege der Niederländer: Von der Rekrutierung bis zur Befreiung, 4. Weitere Firmenlager in Hamburg, 5. Die Firmengründer. Mit Hilfe von drei zumindest angedeuteten Inszenierungen soll versucht werden, die drei Funktionen des Lagers „Wohnlager für Rüstungsarbeiter bei Röntgenmüller“, „Wohnlager für firmeneigene Tarnungsarbeiter“ sowie „Firmensitz und Bauhof“ zu veranschaulichen. Für das zweite Segment sind folgende Themen geplant: Einsatz und Misshandlung der polnischen Jüdinnen aus dem KZ Sasel, Arbeitseinsatz bei Röntgenmüller und Nutzung der Baracken als Wohnlager für Deutsche 1945–1957. Eine Darstellung der Planungen für die weiteren Segmente und sowie für die Wasch- und Abortbaracke würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen.

Zurück zum 2. Mai 2004: Nach den Reden schritten Theo Massuger und Renate Herzog zur Tat und durchschnitten gemeinsam das Absperrband zum ersten Segment. Um dem einsetzenden Besucherandrang Herr zu werden, mussten wir die Ausstellungsbesucher in drei Gruppen einteilen, die von je einem Ausstellungsmacher fachkundig geführt wurden.

Die erste Nutzergruppe nach der Eröffnungsveranstaltung war am 4. Mai ein Leistungskurs Politik (12. und 13.Klasse) des Gymnasiums Alstertal unter der Leitung des Schulleiters Herrn Jaeger. Theo Massuger berichtete den Schülern anschaulich über seine „Anwerbung“ in Holland, das Leben im Lager, den Arbeitsalltag bei Röntgenmüller und die Befreiung. Die Schüler waren sehr interessiert und fragten nach der Bewachung des Lagers und danach, ob Kontakte zu Fuhlsbüttelern bestanden, warum die Zwangsarbeiter nicht geflohen seien und ob jemand im Lager gestorben sei.

Die Eröffnungsfeier und diese Doppelstunde lebendigen Geschichtsunterrichts waren ein gelungener Auftakt für die Dauerausstellung, die wir in diesem Jahr u.a. durch eine weitere Bild-Text-Tafel zu den Themen Demütigungen, Misshandlungen und Tod sowie ein großes maßstabgetreues Lagermodell erweitern wollen.

Hans-Kai Möller

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Neues über die Dauerausstellung in den Zwangsarbeiterbaracken

„Macht weiter so!“ Mit diesen Worten hielt eine Besucherin unserer Dauerausstellung in den Zwangsarbeiterbaracken ihre Eindrücke fest. Insgesamt kamen an den ersten Sonntagen von April bis November 2004 über 120 Interessierte, darunter die größte Anzahl bei der offiziellen Eröffnung am 2.Mai 2004 durch Theo Massuger.

Fast alle Besucher lasen mit großem Interesse die sechs Info-Tafeln über das Lager, deren Bewohner und die Firmengründer Kowahl & Bruns. Die übersichtliche und akkurate Beschriftung der Objekte und die dazugehörigen Erläuterungen fanden große Anerkennung.

In der „Winterpause“ ist die Zwangsarbeitergruppe weiter aktiv und hat sich vorgenommen, ein maßstabgetreues Modell des gesamten Lagers herstellen zu lassen. Außerdem ist es uns gelungen, neueste Forschungsergebnisse in Bild-Text-Tafeln umzusetzen.

Besonders erfreut hat uns, dass sich das Interesse an den Baracken auch in zwei neuen Publikationen niederschlug. So hat Hans-Kai Möller unter dem Titel „Die Zwangsarbeiterbaracken in Hamburg-Fuhlsbüttel: Erster Abschnitt einer Dauerausstellung eröffnet“ einen Artikel in „Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 8: Zwangsarbeit und Gesellschaft, Edition Temmen, 2004“ veröffentlicht. Im Verlag ars vivendi erschien ebenfalls 2004 ein Freizeitführer unter dem Titel „Fundort Geschichte Region Hamburg, Ausflüge in die Vergangenheit.“ Den Ausflug 19 zu unseren Zwangsarbeiterbaracken hat Christin Springer unternommen, über den sie in diesem Abschnitt anschaulich berichtet.

Unser Plakat für die Öffnungszeiten ist für 2005 wesentlich überarbeitet und verbessert worden. Das Ergebnis seht Ihr auf der nächsten Seite.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

Holger Schultze

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Hanseatische Kettenwerke (Hak)

Zwangsarbeit im getarnten Rüstungsbetrieb

Pünktlich zur Eröffnung der Ausstellung „In Hamburg ist meine Jugend geblieben – Zwangsarbeit in Hamburg 1940–1945“ in der Diele des Hamburger Rathauses hat die Willi-Bredel-Gesellschaft im Januar 2005 eine 64-seitige Broschüre mit dem Titel „Zwangsarbeit im Hanseatischen Kettenwerk (Hak) in Langenhorn“ herausgebracht.

Über vierzig Jahre mussten nach Ende des 2. Weltkrieges vergehen, bis der massenhafte Einsatz von Zwangsarbeitern aus zahlreichen Ländern Europas in deutschen Privatbetrieben und Behörden in das öffentliche Bewusstsein gelangte. Nachdem die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ mit ihren an Almosen erinnernden Auszahlungen begonnen hat, wollen die Herrschenden in Wirtschaft und Politik nun das Thema schnell wieder in der historischen Schublade verschwinden lassen. So ist bezeichnenderweise das vom „Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme e. V.“ durchgeführte Besuchsprogramm des Hamburger Senats für ehemalige Zwangsarbeiter ab 2005 drastisch reduziert worden.

Die Bredel-Gesellschaft bemüht sich vor allem mit ihrer Dauerausstellung zum Thema „Zwangsarbeit in Hamburg“ in den Baracken am Wilhelm-Raabe-Weg, das öffentliche Interesse an diesem Thema wachzuhalten. Auch diese Broschüre soll einen Beitrag gegen das Verdrängen unliebsamer Ereignisse „vor der Haustür“ leisten.

Im Oktober 2002 besuchten elf ehemalige Zwangsarbeiter aus der Ukraine und Weißrussland den Ort, an dem sie jahrelang unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten: Die Hanseatischen Kettenwerke in Hamburg-Langenhorn. Der Betrieb wurde bereits 1935 in Vorbereitung auf den nächsten Krieg von der Wehrmacht als sogenannter „Schattenbetrieb“ mit dem Tarnnamen „Kettenwerke“ zur Massenproduktion von Geschosshülsen und Zündern eingerichtet. Das Werk wurde an die Privatfirma „Pötz & Sand“ verpachtet. Bis 1944 wurden vom Firmeneigentümer Clemens Pötz und dem Deutschen Reich etwa 5,8 Millionen Reichsmark an Gewinnen erzielt. Eine direkte Entschädigung der Zwangsarbeiter durch die Nutznießer ihrer Arbeit erfolgte zu keinem Zeitpunkt.

Dr. Karl Heinrich Biehl, der 2003 ein umfangreiches Werk zur Firmengeschichte der Hak herausbrachte, begleitete die Gruppe der ehemaligen Zwangsarbeiter während ihres Besuches in Hamburg. Auf einer gemeinsam vom Freundeskreis KZ-Gedenkstätte Neuengamme und der Willi-Bredel-Gesellschaft am 24. Oktober 2002 durchgeführten Veranstaltung schilderten die Gäste derartig eindrucksvoll ihre Erlebnisse in den Jahren 1942–1945, dass sich eine schriftliche Darstellung anbot. Nach ausführlichen Gesprächen mit vier Teilnehmern der Reisegruppe stellte er die Zeitzeugenerinnerungen zusammen, die mit Auszügen aus einem nachfolgenden Briefwechsel im Mittelpunkt der Broschüre stehen.

Beiträge von Harald Meyer zu den lokalen Rahmenbedingungen und von Karl Heinz Biehl zur Firmengeschichte der Hak ergänzen den Band. Zahlreiche, zum Teil erstmals veröffentlichte Fotos veranschaulichen die Texte. Zum Preis von 4,80 € kann die Broschüre bei der Bredel-Gesellschaft und im regionalen Buchhandel erworben werden.

Hans Matthaei

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Das Ende einer Odyssee: Er hängt!

Was wir vor einigen Monaten noch nicht so recht zu hoffen gewagt hatten, ist nun doch Realität geworden: Der von der WBG gerettete Sturzbalken aus dem im Jahr 2001 abgerissenen Fachwerkhaus Alsterkrugchaussee 459 ziert jetzt den Eingangsbereich des Ortsamtes Fuhlsbüttel.

Nachdem die Restauratorin Brigitte Uhrlau ihn im letzten Jahr einem gründlichen Peeling unterzogen hatte, gab sie ihm daraufhin sein Gesicht von 1762 zurück. Zwar haben Risse und Scharten ihn im Laufe seines langen Lebens gezeichnet, doch an Attraktivität hat er sicher dadurch kaum etwas eingebüßt. Eine umfangreiche Infotafel liefert das Hintergrundwissen zur Geschichte des Hauses, die so eng mit der des Stadtteils verknüpft ist.

Wir hoffen, dass Ortsamtbesucher künftig nicht nur hektisch zum Kundenzentrum eilen werden, sondern einen Moment inne halten und die Chance nutzen, sich vor Ort für einige Minuten in die wechselvolle Vergangenheit Fuhlsbüttels entführen zu lassen.

Die Ankunft unseres stummen Zeitzeugen wurde am 8. 6. 2004 im Ortsamt angemessen gefeiert. Unter den mehr als 40 Gästen waren neben Mitgliedern und Freunden der WBG auch Mitglieder des Ortsausschusses und Vertreter der örtlichen Presse anwesend. Ganz besonders freuten wir uns über den Besuch von Frau Dr. Rühl, die stellvertretend für ihre nach Brasilien emigrierte Jugendfreundin Marianne, die Tochter des jüdischen Getränkehändlers Guggenheim, gekommen war. Er hatte seit 1927 seine Geschäftsräume in dem alten Haus und wurde später von den Nazis verfolgt.

Die Feier wurde durch eine kurze Ansprache des Ortsamtsleiters Günter Schwarz eröffnet, der uns nicht nur in unserer Balkenunternehmung, sondern auch schon beim Erhalt der Zwangsarbeiterbaracke sehr unterstützt hat. In seiner Rede machte er deutlich, vor welche Herausforderung das Ortsamt mit der Präsentation eines derartigen Balkens gestellt wurde.

Einerseits fest darauf vertrauend, dass die Kraft des Marienmonogramms das Amt in den nächsten Jahren vor Unheil bewahren wird, waren wir andererseits doch nicht so sicher, ob diese magische Wirkung sich auch auf die Mitarbeiter und Kunden dieses Hauses erstrecken würde. Um zu verhindern, dass unser Schwergewicht sich eines Tages von der Wand lösen und harmlose Mitbürger verletzen könnte, ließ die WBG statische Berechnungen erstellen und einen Montageplan anfertigen. Wir ahnten nicht, dass im Ortsamt eine große Ratlosigkeit bei deren Interpretation entstehen würde. Tatkräftige Unterstützung bekam Herr Schwarz jedoch von der Deutschen Lufthansa, deren Experten sowohl die Pläne lesen als auch den Balken fachgerecht montieren konnten.

Die Restauratorin, Frau Uhrlau, brachte uns in ihrer frischen, begeisternden Erzählweise anschaulich die Methoden und Ergebnisse ihrer Untersuchungen des Balkens näher. Bis zu 30 Farbschichten waren im Laufe der Jahrhunderte aufgetragen worden, von denen die erste, also die älteste nachweisbare, von ihr rekonstruiert wurde. Sie vermochte sogar unterschiedliche Farben bestimmten Zeiträumen zuzuordnen und schilderte, wie Kombinationen von Grund- und Buchstabenfarbe, Zeitgeist und Geschmack der jeweiligen historischen Epoche widerspiegelten.

Mit Bedauern stellte Frau Uhrlau fest dass die stärksten Fäulnisschäden in den letzten fünfzig Jahren durch „moderne“ Kunstharzfarben verursacht wurden, während die in den vorausgegangenen ca. 200 Jahren aufgetragenen Leinölanstriche den Balken bestens geschützt hatten.

Uns Zuhörern wurde deutlich, wie viel Sorgfalt sowie wissenschaftliche und handwerkliche Arbeit die Restauratorin in unser Kleinod investiert hatte.

Warum die WBG gegen den Abriss gerade dieses Hauses kämpfte und sich für den Erhalt und die Präsentation des Sturzbalkens engagierte, verdeutlichte Hans-Kai Möller in seinem Vortrag. Wir veröffentlichen ihn in leicht gekürzter und überarbeiteter Form.

Dörte Möller

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Vom Kutscherkrug zur Rüstungsfabrik

Zur Geschichte des „Alsterbergs“ und seines eichenen Sturzbalkens

„Hans Daniel Behn – Anno 1762 – den 4.September. Gott erhalte dieses Gebäude, denn die Welt ist ganz und gar nicht treu. Was kann uns denn nur Abgunst nützen, der liebe Gott wird uns doch wohl beschützen.“

Mit dieser Inschrift ließ der Erbauer des Hauses Alsterkrugchaussee 459 den eichenen Sturzbalken über seiner Grootdör versehen. Man verband zu jener Zeit damit die Hoffnung, dass auf diese Weise Unglück von einem Haus und seinen Bewohnern fern gehalten werden könnte. Die Inschrift wurde durch ein Heilszeichen, ein so genanntes Marienmonogramm, ergänzt.

Fast 240 Jahre hielten diese Inschrift und das Monogramm tatsächlich Unglück von dem eindrucksvollen Gebäude fern, bis zum Juli 2001, als Abrissbagger anrückten und das nachholten, was selbst im Sommer 1943 durch Luftangriffe nicht gelang, die vollständige Zerstörung dieses schönen Zeugen von Fuhlsbüttels dörflicher Vergangenheit…


Der wohlhabende Landwirt Tönnies Behn, dem der Fuhlsbütteler Hof A (heutiger Alsterpark) mit umfangreichem Landbesitz gehörte, ließ für seinen Bruder Hans Daniel Behn 1762 die erste Wohnstelle außerhalb des Dorfes als Fuhlsbütteler Brinksitz ausweisen. Hans Daniel Behn durfte auf dem Grundstück einen Katen erbauen und an die vorbeifahrenden Fuhrleute Bier ausschenken. Da das Gebäude direkt an der Heerstraße von Hamburg nach Kiel lag, war immer für durstige Kutscher, Reisende und Pferde gesorgt. Fast 150 Jahre florierte dieses Gewerbe. Letzter Wirt war der legendäre Jan Kiehn. Das Jahr 1911 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Dorfes und seines Kutscherkruges. Anfang des Jahres gründen einflussreiche Hamburger Großunternehmer wie u.a. Albert Ballin, Max Warburg und Alfred Calmon die Luftschiffhallen GmbH, die im Mai bereits mit den Ausschachtungsarbeiten für eine riesige Luftschiffhalle in Fuhlsbüttel beginnt. Im selben Monat stirbt Kiehn. Das Haus geht an seine Erben über, die es an August Stoltenberg verpachten. Aus dem „Gasthof Alsterberg“ wird nun das Restaurant und Café „Zum Flugplatz“, das seinen Gästen jeden „Sonn- und Feiertag sowie jeden Renn- und Flugtag musikalische Unterhaltung und Tanz“ anbietet. Der neue Wirt profitiert durch seine Nähe zur Borsteler Rennbahn sowie seine unmittelbare Nachbarschaft zum neu entstandenen Flugplatz. An den Flugtagen pilgerten Tausende vom Ohlsdorfer Bahnhof zum Flugplatz, um die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten zu bewundern. Für seine zahlreichen Gäste lässt Stoltenberg 1913 einen Aussichtspavillon und eine Kegelbahn errichten. 1919 baut er an das Haus eine Veranda mit einer darüberliegenden Sommerterrasse an, von der aus die Gäste u.a. die Flugzeuge der ersten regelmäßigen Flugverbindung zwischen Hamburg und Berlin bewundern können.

Seit 1929 verlor das Restaurant „Zum Flugplatz“ durch die Inbetriebnahme des neuen Flughafengebäudes mit einer großen Aussichtsplattform, einem Restaurant und einem Aussichtsgarten an Attraktivität. Die Folge waren häufige Besitzerwechsel. Selbst der Name des Restaurants wird geändert. Es hieß für einige Zeit eher hilflos „Ei, ei, warum vorbei?“

Um 1927 zog Wilhelm Guggenheim mit seiner Gesellschaft für Biervertrieb in einen Teil der Gebäude ein. Der jüdische Getränkehändler und sein Unternehmen werden Opfer der faschistischen Rassenpolitik. So beschlagnahmt die Reichsgetreidestelle im März 1939 das Gebäude und macht Guggenheim die Weiterführung seines Getränkehandels unmöglich.[ 1 ] Um der Verfolgung durch die Nazibehörden zu entgehen, muss er mit seiner Frau Hertha und seinem ältesten Sohn Fritz in einem Gartenhäuschen versteckt, illegal in Harvestehude leben. Nachts werden die Guggenheims von zwei deutschen Familien mit Lebensmitteln versorgt. Erst 1941 gelang es Wilhelm Guggenheim mit seiner Frau und dem Sohn Fritz nach Brasilien zu entkommen. Die beiden jüngeren Kinder, Heinrich und Marianne, konnten dem Terror im August 1939 durch einen Kindertransport nach England entgehen…

Ein Jahr später, 1940, der Flughafen wird bereits ausschließlich von der Luftwaffe genutzt, wird der Firma Ernst Pump, Hansaplatz 11, die Genehmigung für den Umbau des Hauses zu einer Fabrikationsstätte erteilt. Die Werkstätten für Präzisionsmechanik Ernst Pump & Co ziehen in das Haus ein und produzieren Flugzeugteile für die Luftwaffe. Der Rüstungsbetrieb beschäftigt u.a. 30 ukrainische Zwangsarbeiterinnen und zehn französische Zwangsarbeiter, die in einem Arbeiterlager in der Kollaustraße in Lokstedt untergebracht sind.[ 2 ] Betreiber des Lagers ist die Firma Kowahl und Bruns, die mit der Tarnung des Flughafens beauftragt ist und selbst im nahe gelegenen Wilhelm-Raabe-Weg 23 ein Arbeiterlager mit 144 Zwangsarbeitern betreibt. Im Juni 1943 wird die Fabrik bombardiert. Ob es Tote oder Verletzte gibt, ist bisher nicht bekannt. Da das Gebäude beim Umbau einen Luftschutzkeller erhielt, ist eher nicht davon auszugehen. Nach dem Krieg gehört Pump zu den wenigen kleineren Rüstungsbetreiben, die demontiert werden. Die Firma übersteht aber die Demontage weitgehend unbeschadet und fertigt nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin Präzisionsmechanik. Später kommt die Firma Desitin hinzu, die pharmazeutische Präparate herstellt. Über den Zustand des Hauses um 1963 schreibt der bekannte Historiker Armin Clasen: „Das Gebäude… ist so feinsinnig umgebaut worden, dass es die Würde bäuerlicher Baukunst mit den Erfordernissen des modernen Fabrikbaues auf das Schönste vereint.“ [ 3 ]

Vierzehn Jahre später macht der Fuhlsbüttler Heimatforscher Richard Hesse durch sein Buch „Fuhlsbüttel 1948–1977“ erstmals eine größere Öffentlichkeit auf den Sturzbalken, seine Inschrift und das Marienmonogramm aufmerksam und schreibt u.a.: „Haben Inschrift und Marienmonogramm in dem Sturzbalken der ehemaligen, längst durch einen Fenstereinbau ersetzten Grootdör das Haus nun schon 210 Jahre erhalten? Sollte es einmal abgebrochen werden, was im Zuge des Ausbaues der ,Osttangente‘ wahrscheinlich ist, dann möge die ,Hohe Obrigkeit‘ dem Sturzbalken mit Inschrift und Marienmonogramm als letzten Zeugen dörflicher Vergangenheit einen würdigen Platz in unserem Ortsamt gewähren, damit Spruch und Heilszeichen weiter wirken können.“ [ 4 ]


Der Wunsch von Richard Hesse ist Wirklichkeit geworden. Der Sturzbalken hat nun endlich ein neues würdiges Zuhause gefunden. Dies ist ein Grund zur Freude und zum Feiern. Ganz herzlich danken möchte ich zuerst dem Hausherren, Herrn Schwarz, der diesem traditionsreichen Stück Fuhlsbüttel eine neue Heimat gegeben hat und mit uns unbürokratisch und partnerschaftlich im Sinne unseres Stadtteils zusammengearbeitet hat…

Die Freude über die Rettung des Sturzbalkens wird aber durch einen dicken Wermutstropfen getrübt, nämlich den skandalösen Abriss des alten Fachwerkgebäudes.

Bereits 1998 erteilte die Bauprüfabteilung des Bezirksamtes Nord eine Abbruchgenehmigung, die sowohl vom Kerngebietsausschuss als auch von der Bezirksversammlung Nord ohne Nachfragen und Gegenstimmen zur Kenntnis genommen, sprich abgesegnet, wurde.

Eine unrühmliche Rolle spielte in diesem Zusammenhang das Denkmalschutzamt, das sich im Dezember 2002 in einem Brief an die Bredel-Gesellschaft zu folgenden Behauptungen verstieg:

Das Gebäude sei erst um 1900 entstanden.

Der Balken sei erst als Spolie in das Haus eingebaut worden.

Diese unqualifizierten Behauptungen werden allerdings geschickt durch relativierende Formulierungen wieder eingeschränkt. Höhepunkt der Argumentation ist folgender Satz: „Wegen der seitherigen zahlreichen Veränderungen konnte sich das Denkmalschutz seinerzeit nicht entschließen, dem Gebäude den Wert eines Baudenkmals zuzuerkennen.“ [ 5 ]

Aus keiner der uns vorliegenden Bauakten, die von 1878 bis in das Jahr 1970 reichen, gehen der Abriss des alten Hauses und ein Neubau um 1900 hervor. Was das Denkmalschutzamt nicht wusste: Ein Großteil der Bauakten befand sich mittlerweile im Besitz der Bredel-Gesellschaft.

Als Ghostwriter betätigte sich der Denkmalschutz offensichtlich auch bei der Beantwortung einer Kleinen Anfrage der Bezirksversammlungsabgeordneten Karin Gritzuhn zum geplanten Abriss des Hauses:

„Dem Bezirksamt ist an der Alsterkrugchaussee 459 kein 1767 errichtetes Haus bekannt. Das Gebäude auf dem Grundstück Alsterkrugchaussee 459 wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Auskunft des Denkmalschutzamtes errichtet. Es stellt nach dortiger Auffassung weder ein Kultur- noch ein Baudenkmal dar, weil es im Laufe der Jahrzehnte verändert worden ist.“ [ 6 ]

Es liegt der Verdacht nahe, dass sich das Denkmalschutzamt und der Bezirk mit diesen unwahren Behauptungen kurzfristigen Gewinninteressen untergeordnet haben, denn das attraktive Grundstück soll künftig profitabler als bisher genutzt werden. Ohne die Abrissgenehmigung hätte die Liegenschaft das Grundstück vermutlich nicht oder nur zu einem geringeren Preis an den Spekulanten Eschbach verkaufen können, der mit dem Bau eines weiteren unnötigen Bürocenters das große Geld witterte. Mittlerweile hat er das Grundstück an die P.R. Peter Riggers Baubetreuungsgesellschaft verkauft, die dort ein Airport Business Center errichten will. Im Januar 2003 kündigte sie vollmundig die Fertigstellung Anfang 2004 an. Bisher ist kein Spatenstich erfolgt.

Das traurige Schicksal dieses letzten baulichen Zeugen von Fuhlsbüttels dörflicher Vergangenheit sollte uns, ebenso wie der Abriss zahlreicher alter, den Stadtteil prägender Gebäude wie des Schloss Erdkamp, der Gefängniswärterhäuser am Maienweg, des Flughafengebäudes von 1929 und des ehemaligen Gasthofes „Zum Alstertal“ dazu veranlassen, uns stärker für gefährdete Gebäude zu engagieren und uns einer von kurzfristigen Profitinteressen diktierten Abrisspolitik zu widersetzen. Aktuell ist die ehemalige Villa des Bauern Wagner in der Wellingsbütteler Landstraße gefährdet.

Es liegt an uns, ob unsere Stadtteile ihr Gesicht, d.h. ihre prägenden Gebäude und damit ihren unverwechselbaren Charakter verlieren. Es geht nicht um eine Unterschutzstellung jedes Gebäudes vor dem Datum X, sondern um die Verhinderung einer gesichtlosen Einheitsarchitektur aus viel Glas, Metall und Beton. Wir sollten handeln, bevor es endgültig zu spät ist!

Ohne das Engagement zahlreicher Bürger würden heute das ehemalige Krematorium (Alsterpalais) und die Zwangsarbeiterbaracken nicht mehr stehen. In diesem Sinne hoffe ich, dass der alte Sturzbalken als eine Art geistiges Stoppschild gegen den willkürlichen Abriss historischer Gebäude in unseren schönen Stadtteilen wirkt.

Hans-Kai Möller

[ 1 ] Archiv der Willi-Bredel-Gesellschaft, Bezirksamt Hamburg-Nord, Bauprüfabteilung, Akte 31426/187, Parzelle 254, Alsterkrugchaussee 459.

[ 2 ] Service des Victimes de la Guerre, Service Archive et Documentation, Brüssel, R. 186/ Tr. 26.686.

[ 3 ] Armin Clasen, Fuhlsbüttel und Ohlsdorf, Aus der Geschichte zweier Hamburger Dörfer und Gemeinden, Hamburg 1963, S. 47.

[ 4 ] Bürgerverein Fuhlsbüttel, Hummelsbüttel, Klein Borstel, Ohlsdorf von 1897 e. V.,Hamburg 1977, S. 3.

[ 5 ] Antwortschreiben des Denkmalschutzamtes Hamburg an die Willi-Bredel-Gesellschaft, Az: K 432, 6.12.2002, Verfasser Andreas von Rauch.

[ 6 ] Archiv der Willi-Bredel-Gesellschaft, Antwort des Bezirksamtsleiters von Hamburg-Nord, M. Frommann auf die Kleine Anfrage Nr.8/01 der Bezirksabgeordneten Karin Gritzuhn (Regenbogen), 27.6.2001.

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Stolpersteine in Fuhlsbüttel

Wie bereit sind die Menschen in Fuhlsbüttel, sich zu erinnern an begangenes Unrecht und Verfolgung in der nationalsozialistischen Zeit. Diese Frage begleitete die Sammelaktion für die Stolpersteine – Erinnerungssteine für 38 Menschen aus Fuhlsbüttel, die einmal unsere Nachbarn waren, im Kurzen Kamp 6 und im Brombeerweg 47. Sie wurden hier verfolgt, von hier aus deportiert und unter unwürdigen, unmenschlichen Bedingungen in Konzentrationslagern um ihr Leben gebracht.

Die Spendenaktion wurde von der St.Lukas-Kirche, Schülern des Gymnasiums Alstertal und der Willi-Bredel-Gesellschaft gemeinschaftlich durchgeführt und im Gemeindeblatt der Kirche wie im Rundbrief 2004 der Willi-Bredel-Gesellschaft angekündigt. Mit Plakaten zum Thema „Stolpersteine“ beteiligte sich der Kunstkurs der Oberstufenschüler des Gymnasiums Alstertal unter der Leitung von Herrn Brockmann an der Aktion beim Weinfest der St.Lukas-Kirche. Stolperstein-Sammeldosen und Informationsflyer wurden im Stadtteil verteilt.

Unterstützt wurde die Aktion mit einer spontanen Spende von Frau und Herrn Buterfas sowie Schulsenatorin Frau Dinges-Dierig, anlässlich einer Lesung im Gymnasium Alstertal zum Thema Nationalsozialistische Verfolgung. Sogar aus dem fernen Plymouth/USA kam eine Spende von einer ehemaligen Schülerin, der „Oberschule im Alstertal“, Jahrgang 1913.

In der Vorweihnachtszeit organisierten die Schüler des Gymnasiums Alstertal in Eigeninitiative einen Flohmarkt, der den Gesamterlös für 6 Stolpersteine erbrachte.

Darüber hinaus beschäftigten sich die Schüler mit der Aufarbeitung der eigenen Schul- und Stadtteilgeschichte. Zeitzeugen, die in der Nazi-Zeit noch Kinder und Jugendliche waren, wurden interviewt und gaben erkenntnisreiche Einblicke in diese Zeit. Es wurde deutlich, wie wichtig die Beiträge dieser Zeitzeugen sind.

Die Schüler des Gymnasiums Alstertal bekamen am 27.Januar 2005 für ihr Engagement den Bertini-Preis 2004 verliehen.

Nach dieser Zeit des Sammelns zeigte sich, Menschen in Fuhlsbüttel wollen innehalten und sich erinnern – gegen das Wegschauen und Vergessen. Weiterhin werden Zeitzeugen gesucht, die etwas über diese oder weitere Opfer der nationalsozialistischen Zeit in Fuhlsbüttel erzählen können sowie Fotos und Aufzeichnungen, die diese Zeit dokumentieren.

Durch die zahlreichen Spenden der Menschen in Fuhlsbüttel werden die bisherigen 38 Stolpersteine – nach Absprache mit dem Künstler Gunter Demnig – voraussichtlich noch in diesem Jahr verlegt werden können. Zu gegebener Zeit wird der Termin für die Verlegung und die Gedenkfeier bekannt gegeben. Die geplanten Beschriftungen für die Stolpersteine können im Gymnasium Alstertal, in der St.Lukas-Kirche und bei der Willi-Bredel-Gesellschaft eingesehen werden.

Margot Löhr

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12. Fuhlsbüttler Filmtage 2004

„Deutscher Kolonialismus in Afrika“

Hartnäckig hält sich die Auffassung, dass die deutsche Kolonialherrschaft weniger brutal und ausbeuterisch war als die der anderen Europäer und sich sogar positiv auf die betroffenen Gebiete ausgewirkt habe. Außerdem wäre sie nur verhältnismäßig kurz gewesen und sei sowieso schon sehr lange her. Immerhin ging letztes Jahr durch die Medien, dass vor genau 100 Jahren im heutigen Namibia ein durch Deutsche verübter Völkermord an den Herero stattfand.

Dieser unrühmliche Jahrestag veranlasste uns am 4. November die deutsche Kolonialvergangenheit und ihre Rezeption und Heroisierung durch die Nazis kritisch unter die Lupe zu nehmen. Der Film „Carl Peters“ von 1941 mit Hans Albers in der Titelrolle, der diesen skrupellosen Kolonialisten spielt, sollte uns zur Diskussion über Kolonialismus – hier am Beispiel des heutigen Tanzania – und seine Darstellung im Propagandafilm anregen. In der von Pathos triefenden Schlussszene des Films entwirft Hans Albers in seinem abschließenden Monolog das Selbstbild eines Superhelden, der sich nur für eines zu opfern bereit findet: für Deutschland, allen Widrigkeiten zum Trotz.

„Armes Deutschland, du kannst dir ja selbst nicht helfen!“ so sein deprimierendes Urteil mit Blick auf den Reichstag, vor dessen Volksvertretern sich der „Held“ – eine Szene vorher – zu verantworten hatte. Goebbels wollte aber keineswegs den Individualismus eines Revolverhelden vermittelt wissen, der – „einer gegen alle“ – sich zu behaupten trachtet: Auch wenn ein Carl Peters vorläufig scheitern musste, die Nazis sind seine Erben und wollten Deutschland wieder jene Weltgeltung verschaffen, für die der „Visionär“ Peters gekämpft hat. Als der Film 1941 in die Kinos kam, überfiel Hitlerdeutschland die Sowjetunion.

Konnte die im Film stark überhöhte Rolle Carl Peters am ersten Filmtag aus Zeitgründen in der Diskussion nur ansatzweise diskutiert werden, so holte das am 5.November der Dokumentarfilm „Eine Kopfjagd“ von Martin Baer aus dem Jahr 2001 in überzeugender Weise nach. Aber nicht nur Peters unmenschliche Kolonialmethoden deckte die Dokumentation auf, sondern sie schärfte auch den Blick auf die deutsche Kolonialpolitik in Afrika insgesamt.

Der Film beleuchtet ein Stück Kolonialgeschichte aus der Perspektive des tansanischen Studenten Is-Haka Mkwawa, der auf der Suche nach dem Schädel seines Urgroßvaters Sultan Mkwawa durch das heutige Deutschland reist. Der Film zeigt auch die Hintergründe: Die deutsche Kolonisation in Ostafrika und die brutale Niederschlagung der Aufstände der Einheimischen.

Die sich anschließende Gesprächsrunde mit dem togolesischen Archivar Jonas B. Billy, der zur Zeit im Bundesarchiv erstmals systematisch die Akten des Reichskolonialamtes erschließt, dem in Hamburg lebenden Kameruner Juristen Dr. Benjamin Leunmi und dem Filmregisseur Martin Baer aus Berlin, war so anregend und spannend, dass die Besucher darüber ihre Fragen zu vergessen schienen. Dies war dem glücklichen Umstand zu danken, dass Martin Baer mit seiner detaillierten Kenntnis der deutschen Kolonialgeschichte immer wieder Stichworte für Dr. Leunmi und Jonas B. Billy lieferte, die beide über die Geschichte der ehemaligen deutschen Kolonien Togo und Kamerun anschaulich zu berichten wussten.

Am Sonnabend nach den Filmtagen suchten wir mit unseren Gästen einige Kolonialdenkmale in Hamburg und Umgebung auf: Den umstrittenen Tansaniapark mit dem Askari-Denkmal aus dem Jahr 1939, die benachbarte ehemalige Lettow-Vorbeck-Kaserne mit dem restaurierten Fassadenschmuck in Kolonialtradition, das lädierte Wissmann-Standbild an den Landungsbrücken und schließlich das Deutsch-Ostafrika-Ehrenmal von 1955 (!) auf dem Gelände der Bismarck-Familie in Aumühle. Letzteres verließen wir nicht unkommentiert: „Kolonialdenkmäler ab ins Lapidarium“ heißt es auf dem von uns hinterlassenem Denk(mals)zettel. Was ein Lapidarium ist? Eine Steinsammlung!

René Senenko/Holger Tilicki

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Wer war Justus Strandes?

Parallel zum Woermannsweg, benannt nach dem Kolonialprofiteur Adolph Woermann (1847–1911), der durch den Transport von Sklaven nach Mittelamerika und Soldaten nach Deutsch-Südwest reich wurde [ 1 ], verläuft an der Alster in Ohlsdorf der Justus-Strandes-Weg. Alle uns bekannten Publikationen über die Herkunft Hamburger Straßennamen sprechen nur sehr knapp davon, dass Justus Strandes (1859–1930) Senator und Afrikakaufmann war. Im letzten Jahr schickte uns der Verlag Hanseatischer Merkur ein Ansichtsexemplar des neu erschienenen Buches „Justus Strandes, Erinnerungen an Ostafrika, 1865–1889“ zu, mit der Bitte dafür bei den Fuhlsbüttler Filmtagen zum Thema „Deutscher Kolonialismus in Afrika“ Werbung zu machen.

Das Buch gibt einen interessanten Einblick in das Leben vor fast 150 Jahren in Norddeutschland und in das Kontor eines Hamburger Außenhandelskaufmanns und insbesondere in Strandes‘ Tätigkeit als Niederlassungsleiter der Firma Hansing & Co. auf Zanzibar. Strandes selbst gibt uns Auskunft über seine Arbeit, das Leben der wenigen Europäer auf der Insel und seine Beziehung zum Sultan Seyyid Bargash Ibn Said von Zanzibar (1837–1888). Auch schildert er seine Begegnungen mit dem berüchtigten Kolonialisten Dr. Carl Peters (1856–1918). Als Justus Strandes 1879 nach Zanzibar kam, hatte die Firma Hansing dort bereits seit 1853 eine Niederlassung, und seit 1859 gab es einen zwischen dem Sultan und den drei Hansestädten Hamburg, Bremen und Lübeck geschlossenen Freundschafts- und Handelsvertrag.

Die Hamburger Handelshäuser importierten Sesamsaat, Gewürznelken, Ebenholz, Schildpatt, Elfenbein, Häute und Felle und verkauften neben verschiedenen Gebrauchsgütern in der Hauptsache Gewehre, Pulver und Spirituosen an die Afrikaner. All das sah der Sultan Bargash mit Wohlwollen, und er verlieh am 18.3.1884 dem „achtungswerthen Justus Strandes, dem deutschen“ seinen Orden „Glänzender Stern“ als „Belohnung für gute Dienste und für kaufmännische Umsätze“.

Trotz dieser persönlichen Freundschaft teilte auch Strandes die Überzeugung seines Chefs Heinrich Hansing, dass aufgrund des sich verschärfenden Konkurrenzkampfes um die Aufteilung Afrikas unter den europäischen Mächten, die Interessen der deutschen Handelshäuser nur noch unter dem Schutz des Mutterlandes aufrecht erhalten werden könnten. Von Hansing waren Strandes daher „einige tausend Dollar zur Verfügung gestellt worden für den Fall, dass ich Gelegenheit zu territorialen Erwerbungen für Deutschland sähe.“ [ 2 ] Am 5. November 1884 erschien jedoch plötzlich Carl Peters mit seinen Begleitern Dr. Karl Jühlke und Graf Joachim Pfeil auf Zanzibar und hatte genau die gleiche Idee.

Strandes traf Peters bereits einen Tag nach seiner Ankunft und sprach mit ihm über seine Pläne. Er half Peters sogar bei der Vorbereitung seiner Unternehmung. Strandes schreibt dazu: „Ebenso möchte ich hervorheben, dass ich nicht, wie Dr. Peters angibt, daran gezweifelt habe, dass die Landabtretungs-Verträge bei Negerhäuptlingen zu erlangen waren. Im Gegenteil, ich habe ihm Mut zugesprochen, diesen Teil seiner Pläne in die Tat umzusetzen.“ [ 3 ]

Peters, Jühlke und Pfeil brachen bereits am 10. November zum Festland auf, um sich dort zwischen dem 23.11. und 17.12. in Usagara, Nguru, Useguha und Ukami zwölf dubiose Verträge für die Gesellschaft für deutsche Kolonisation zu erschleichen. Diese legten „das alleinige und uneingeschränkte Recht der Ausbeutung von Bergwerken, Flüssen, Forsten; das Recht Zölle aufzulegen, Steuern zu erheben, eigene Justiz und Verwaltung einzurichten und das Recht, eine bewaffnete Macht zu schaffen“, fest. Justus Strandes kümmerte sich dann um die Abschriften dieser ergaunerten Verträge und die Beglaubigung im deutschen Konsulat.

Strandes kritisiert Peters Selbstdarstellung als Kolonialhelden und hat sowohl an seinem Vorgehen als auch an seiner Person vieles auszusetzen. Das wirkt im Nachhinein so, als ob er die Erwerbung von Kolonien selbst kritisieren würde. Sein Hinweis: „Ebensowenig wie es einem Weißen einfällt, sich seines Hab und Guts gegen ein Nichts zu entäußern, ebenso wenig würde sich ein Negerhäuptling auf diesen Widersinn einlassen“,[ 4 ] verdeckt seine eigenen Absichten und seine Komplizenschaft mit Carl Peters. Vermutlich war der feinsinnige hanseatische Waffenhändler nur eifersüchtig auf den Erfolg des Grobians, der am liebsten alles rechts und links niederschießen wollte, was sich ihm in den Weg stellte.

Für Peters klappte nämlich erst mal alles prima: Am 25. Dezember 1884 fuhr er zurück nach Deutschland und am 27. Februar 1885, einen Tag nach Abschluss der Berliner Kongo-Konferenz, stellte der Deutsche Kaiser die von Peters „erworbenen“ Gebiete unter deutschen Schutz. Sultan Bargash protestierte gegen diesen Schutzbrief, doch Peters sandte im Laufe desselben Jahres zehn Expeditionen zum Landerwerb in die heutigen Gebiete von Tansania und Uganda. 1891 erhielt Carl Peters den Posten eines Reichskommissars des Kilimandscharo-Gebiets, dessen Aufgaben er mit brutalen Mitteln umzusetzen wusste. Die Hinrichtungen seiner afrikanischen Geliebten Jagodia und deren Freund aus Eifersucht brachten ihm den Namen „Hänge-Peters“ ein und führten 1898 schließlich zu seiner Entlassung wegen „Amtsmissbrauchs“.

Der Historiker Leonard Harding kommt in seinem Kommentar zu den Erinnerungen Justus Strandes‘ zu dem Schluss: „Strandes hat das abenteuerliche Kolonialunternehmen von Carl Peters unterstützt, diesem zum Erfolg verholfen, die Reichsregierung zum Handeln gezwungen und gleichzeitig dem Sultan Loyalität und Unterstützung entzogen. Dadurch kommt ihm bei der Grundlegung der deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika große Bedeutung zu, was in der bisherigen Forschung nicht bekannt war.“ [ 5 ]

Man kann Justus Strandes zu gute halten, dass er seine Einschätzungen zu Peters und später auch zum Verhalten der deutschen Kolonialherren mit erheblich mehr Sachverstand, Feingefühl und Wissen um die realen Verhältnisse in Afrika vornahm. So stellte er nüchtern zum sogenannten „Araberaufstand“ von 1888, der aber von vielen Schichten der heterogenen Küstengesellschaft getragen wurde, fest, dass „allein schon die Machtlosigkeit und die allgemeine Abneigung gegen die Fremdherrschaft“ [ 6 ] ausreichte, um diesen zu verursachen. Damit stand er im Gegensatz zur offiziellen Version aus Berlin, wo der Aufstand in Ostafrika als eine Teilerscheinung des Widerstands angesehen wurde, „den die arabischen Sklavenhändler im ganzen centralen Afrika dem Vordringen der europäischen, christlichen Kultur und Civilisation entgegensetzten.“ [ 7 ] Tatsächlich schlossen sich dem Aufstand auch Stämme aus dem Hinterland und befreite Sklaven an.

Seltsam dennoch, wie er die Auswirkungen seiner eigenen Waffenhändlertätigkeit sieht: „Dass aber die Gewehre, die wir für die Neger eingeführt haben, auch uns Deutschen feindlich werden könnten, ist nicht eher offenbar geworden oder auch nur befürchtet worden, als bis der Aufstand losbrach.“ [ 8 ]

Über 10 Jahre war Justus Strandes für Hansing & Co. in Afrika tätig, war sogar im Auftrag des Gouverneurs von Deutsch-Ostafrika Wissmann mit der Anwerbung von Sudanesen als Söldner für die Ostafrika-Schutztruppe befasst. In Hamburg war er später im Vorstand der Deutschen Kolonialgesellschaft, 1910 Vizepräses der Hamburger Handelskammer, Mitglied der Bürgerschaft in vielen Behörden und als Senator tätig. 1918 wurde er zur Wahrnehmung der hanseatischen Interessen in den Bundesrat nach Berlin entsandt. In den zwanziger Jahren war er Mitglied diverser Aufsichts- und Verwaltungsräte, bis er 1930 aus Altersgründen aus dem Staatsdienst ausschied und am 16. Juli desselben Jahres verstarb. Er wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.

Dass die Umbenennung eben jener kleinen Straße an der Alster 1938 in „Justus-Strandes-Weg“ mit der nationalsozialistischen Kolonialrenaissance zusammenhängt, ist offensichtlich. Diese Straße hieß ursprünglich „Réesweg“ nach dem jüdischen Reformpädagogen Anton Rée (1815–1891). Man kann in diesem Zusammenhang auch von der Arisierung eines Straßennamens sprechen.

Holger Tilicki

[ 1 ] Der Woermannsweg in Ohlsdorf und die deutsche Kolonialgeschichte, in Rundbrief 2003, S. 46–48.

[ 2 ] Justus Strandes, Erinnerungen an Kindheit und Jugend und an die Kaufmannszeit in Hamburg und Ostafrika 1865–1889, Hamburger Wirtschafts-Chronik Beiheft 5, Hamburg 2004, S.144.

[ 3 ] Ebenda, S. 148.

[ 4 ] Ebenda, S. 151.

[ 5 ] Ebenda, S. 222.

[ 6 ] Ebenda, S. 173.

[ 7 ] Ebenda, S. 173.

[ 8 ] Ebenda, S. 179.

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Hiltgunt Zassenhausen

Der „Engel der Gefangenen“ im Zuchthaus Fuhlsbüttel – Ein Nachruf

Während des Krieges waren im Zuchthaus Fuhlsbüttel mindestens 472 norwegische und 64 dänische Gefangene inhaftiert. Um die Post der skandinavischen Häftlinge lesen und kontrollieren zu können, benötigte die Justiz eine Übersetzung. Sie beauftragte die am 10. Juli 1916 in Hamburg geborene Dolmetscherin und Medizinstudentin Hiltgunt Zassenhaus mit der Überwachung der Gefangenenpost. Diese nutzte ihre Tätigkeit als Dolmetscherin, den Gefangenen zu helfen.

Hiltgunt Zassenhaus war in einer Familie in Othmarschen und Bahrenfeld aufgewachsen, in der völkisches, antidemokratisches und antisemitisches Gedankengut keinen Platz hatte. Nach dem Abitur am Gymnasium Allee 1935 hatte Hiltgunt Zassenhaus insgesamt 1 1/2 Jahre in Dänemark gelebt. Sie wurde dort sehr gastfreundlich aufgenommen und genoss das freie Leben außerhalb der Nazi-Diktatur. Dieses Erlebnis führte zu ihrem Entschluss, nach ihrer Rückkehr an der Hansischen Universität skandinavische Sprachen zu studieren. 1938 schloss sie dieses Studium mit einer Diplomarbeit über Hans Christian Andersen ab.

Ein Jahr später begann der Zweite Weltkrieg. Nach der Besetzung Dänemarks und Norwegens im Frühjahr 1940 wurden zahlreiche Gefangene aus diesen Ländern nach Deutschland verschleppt. Die diplomierte und vereidigte Dolmetscherin Hiltgunt Zassenhaus erhielt seitens der Hamburger Justiz den Auftrag, die Post der im Zuchthaus Fuhlsbüttel inhaftierten Norweger zu zensieren. Doch statt zu denunzieren und der Gestapo zuzuarbeiten, beschäftigte sie sich mit den Schicksalen dieser Gefangenen und ließ Briefe unzensiert passieren.

Anfang 1943 begann Hiltgunt Zassenhaus an der Hansischen Universität ein Medizinstudium. Trotz aller Belastungen durch das anspruchsvolle Studium und den regelmäßig in den Luftschutzbunkern durchwachten Bombennächten erweiterte sie ihren Einsatz für die norwegischen Gefangenen im Zuchthaus Fuhlsbüttel erheblich. Sie nahm den Auftrag der Justizverwaltung an, den Pastor der norwegischen Seemanns-Mission bei dessen Besuchen der gefangenen Landsleute zu begleiten, um die Gespräche zu überwachen. 1944, einen Tag vor Schließung der Universität, konnte sie ihr Grundstudium mit dem Physikum erfolgreich beenden.

In jenem Jahr wurde ihr zusätzlich die Besuchsüberwachung der dänischen Häftlinge übertragen. Sehr schnell gewann sie auch das Vertrauen des Pastors der dänischen Seemanns-Mission, und mit den beiden Pastoren gemeinsam konnte Hiltgunt Zassenhaus über 1000 skandinavische Gefangene in den Zuchthäusern ganz Norddeutschlands betreuen. Sie besorgten Medikamente, Schreibzeug, kleinere Mengen Nahrung und Kautabak, verständigten Angehörige und übermittelten Nachrichten. Sie berichteten vom Kriegsverlauf und ermunterten die Gefangenen zum Durchhalten. In etlichen Fällen erwirkten sie Zusammenlegungen von Freunden und Verwandten, Krankenbehandlungen und sogar einzelne Entlassungen. Zahlreiche Gefangene verdanken Hiltgunt Zassenhaus und den Seemannspastoren das Überleben der Haft.

Diese Arbeit war sehr gefährlich. Hiltgunt Zassenhaus stand unter Beobachtung der Gestapo. Zweimal wurde sie zum Verhör durch die Gestapo vorgeladen, konnte aber einen möglicherweise vorhandenen Verdacht zerstreuen.

Im Februar 1945 ließ Hiltgunt Zassenhaus ihre heimlich geführte Kartei mit den Namen aller ihr bekannten Skandinavier in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern dem schwedischen Roten Kreuz zukommen. Ihre Hoffnung war, mit diesen Informationen eine gezielte Rettung der Gefangenen zu ermöglichen. Tatsächlich wurden bis Mitte April 1945 aufgrund einer Vereinbarung zwischen dem Präsidenten des schwedischen Roten Kreuzes Graf Folke Bernadotte und dem Reichsführer SS Heinrich Himmler skandinavische Gefangene aus der Haft entlassen und über Dänemark nach Schweden transportiert.

Das von Hiltgunt Zassenhaus herbeigesehnte Ende des Naziregimes und des Krieges bedeutete keinesfalls die Rückkehr zur Normalität. Sie begann sofort, noch unter dem unmittelbaren Eindruck der Geschehnisse, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. 1947, ein Jahr nach Abschluss des Manuskripts, erschienen sie unter dem Titel „Halt Wacht im Dunkel“ bei einem kleinen Wedeler Verlag. Das Medizinstudium konnte sie nicht fortsetzen. Die medizinische Fakultät der Universität Hamburg ließ keine Frauen zum Medizinstudium zu. Dennoch engagierte sich Hiltgunt Zassenhaus für den Neuaufbau der Universität. In der Auslandskommission war sie als ausgewiesene Gegnerin des Naziregimes für das Renommee der Hochschule wichtig. Zugleich machte sie sich mit Forderungen, keine ehemaligen Nazis zum Studium im Ausland zuzulassen, unbeliebt. Hiltgunt Zassenhaus erlebte Enttäuschungen, weil die Nachkriegsgesellschaft nicht bereit war, grundlegende Konsequenzen aus den Erfahrungen mit dem Naziregimes zu ziehen.

In den skandinavischen Ländern genoss Hiltgunt Zassenhaus, der „Engel der Gefangenen“, dagegen hohe Anerkennung. Sie wurde dort mit den höchsten Auszeichnungen geehrt – mit dem norwegischen St.Olavs-Orden und dem dänischen Danebrog-Orden. Auf Einladung der Regierungen setzte Hiltgunt Zassenhaus 1949 ihr Medizinstudium in Norwegen und Dänemark fort. Als Ärztin wanderte sie 1952 in die USA aus, um Abstand zu gewinnen und ein neues Leben zu beginnen. 1974 wurde sie von der norwegischen Regierung für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

1969 zeichnete die Bundesrepublik Deutschland Hiltgunt Zassenhaus mit dem Bundesverdienstkreuz aus. 1986 wurde sie mit der Hamburgischen Ehrendenkmünze in Gold für ihre Verdienste geehrt. 1990 verlieh ihr die Universität Hamburg die Würde einer Ehrensenatorin.

Bis in ihr hohes Alter engagierte sich Hiltgunt Zassenhaus in den USA in der Initiative „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“. Ihr 1974 in Hamburg erschienenes Buch „Ein Baum blüht im November. Bericht aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs“, eine Romanfassung von „Halt Wacht im Dunkel“, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und fand insbesondere in den USA und Skandinavien hohe Verbreitung.

Hiltgunt Zassenhaus starb am 20. November 2004 in Baltimore / USA.

Herbert Diercks

Werke: Halt Wacht im Dunkel. Wedel 1947;
Ein Baum blüht im November. Bericht aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs. Hamburg 1974

Literatur: Harald Jenner / Rolf Schwarz: Vor 50 Jahren. Norwegen. Besetzung, Verfolgung, Widerstand, Haft. Gefangen in Schleswig-Holstein, Rendsburg 1990;
Johanna Wolff, Neun nachdenkliche Spaziergänge durch Bahrenfeld, Hamburg 1990.

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Engagement lohnt sich

Vor mehr als 20 Jahren prägte mich mein erster Besuch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Damals zeigte mir ein Freund während einer Fahrradtour durch die Vierlande neben den angenehmen Seiten auch einen Ort, den ich in meiner damaligen Naivität nicht erwartet hatte. Natürlich wusste ich von Auschwitz und davon, dass die Nazis Europa mit Konzentrationslagern überzogen hatten – aber hier in Hamburg, der weltoffenen Handelsstadt?

Tatsächlich änderte sich hier, wo insgesamt 106.000 Menschen jahrelang von den Berufssadisten der SS gequält wurden, meine Vorstellung davon, was Menschen anderen Menschen antun können, wenn diese eine andere politische Meinung hatten, gegen staatliches Unrecht auftraten oder per Gesetz als rassisch minderwertig klassifiziert wurden. Vor dem Mahnmal wurde mir klar, dass ich einer großen Verdrängung innerhalb dieser Gesellschaft aufgesessen war, die nicht ohne Absicht geschah.

Die Ausstellung im dazugehörigen 1981 eröffneten Dokumentenhaus zeigte uns anhand von Objekten, Fotos und Dokumenten eindringlich die Verbrechen, die hier stattgefunden hatten. Anschließend fragte ich mich, wo denn eigentlich dieses KZ-Gelände wirklich gelegen hat. Zwar fühlte ich mich plötzlich wie von einer Gespensterarmee umgeben in der gequält, gemordet und gelitten wurde, aber mein Freund wusste auch nicht mehr zu zeigen, als einige umzäunte halbverfallene Gebäude, hinter Gebüsch und Bäumen versteckt. Hier sollte sich das Klinkerwerk befunden haben, in dem die Häftlinge den typischen roten Backstein herstellen mussten, der das Hamburger Stadtbild prägt. Dahinter war ein moderner Gefängnisbau, und so prägte sich trotz aller Bewusstseinsveränderung die Vorstellung ein, dass das KZ Neuengamme wohl nicht so sehr groß gewesen war.

Im August 2004 war ich seit langen Jahren wieder in Neuengamme. Mittlerweile habe ich mich eingehender mit unserer jüngeren Geschichte befasst, habe 1983 für eine Gedenkstätte Konzentrationslager Fuhlsbüttel mitdemonstriert und bin schon jahrelang in der Willi-Bredel-Gesellschaft aktiv. Es hatte sich ein erheblicher Wandel auf dem Gelände vollzogen. Ich war sehr an der seit 1995 bestehenden Ausstellung „ÜberLebensKämpfe“ interessiert und musste von der mir bekannten kleinen Gedenkstätte noch einmal 1,5 km am nunmehr gekennzeichneten Lagergelände entlang fahren.

Die Ausstellung befand sich in einem Flügel der Walther-Werke, wo die KZ-Häftlinge Waffen für die Wehrmacht herstellen mussten. Das angrenzende Klinkerwerk war so konzipiert, dass Hitlers bombastisches Großprojekt der Elbuferbebauung – geplant vom Architekten Konstanty Gutschow – hätte verwirklicht werden können. Die SS ließ die Häftlinge unter unvorstellbar grausamen Bedingungen, unzureichend gekleidet und mit einfachsten Werkzeugen ausgestattet, bei Wind und Wetter in der Tongrube schuften und einen Stichkanal zur Dove-Elbe schaufeln. Heute sind diese Stätten begehbar und man kann vor der friedlichen Wasserfläche des Kanals und in der riesigen Halle des Klinkerwerks seinen Gedanken über den Sinn eines engagierten Antifaschismus nachhängen.

Hinter dem seit 1965 bestehenden Mahnmal sind über die Jahre weitere Gedenkorte entstanden, die Ereignisse in den Niederlanden und Polen in den Zusammenhang mit Neuengamme stellen, denn hierher sind Menschen aus allen Teilen des besetzten Europa deportiert worden. Das Dokumentenhaus ist zum Haus des Gedenkens geworden, wo Zehntausende von Namen hier zu Tode gekommener Menschen an weißen Fahnen vor den blutroten Wänden hängen. In einem kleinen Nebenraum liegen einige Original-Quellen aus: Penibel handschriftlich geführte kleinformatige Sterbebücher der Buchhalter des Todes.

Am 5. Mai 2005, dem 60. Jahrestag der Befreiung Hamburgs durch britische Truppen, wird die neue Dauerausstellung „Das Konzentrationslager Neuengamme und seine Nachgeschichte“ in den ehemaligen Häftlingsblöcken 22 und 23 eröffnet.

Für mich ist diese Entwicklung von der verschämten kleinen Gedenkstätte bis zu der das gesamte Lagergelände umfassenden Einrichtung eine positive Entwicklung. Jedoch dürfen wir bei allen schönen Worten der Regierenden, die wir zur Eröffnung auch diesmal wieder hören werden, nicht vergessen: es der Initiative der Naziopfer und deren antifaschistischer Freunde zu verdanken, dass wir diese Gedenkstätte und auch die im KolaFu überhaupt haben. Ohne Demonstrationen und Aktionen, ohne die Anmahnungen und zähen Verhandlungen mit dem Senat – auch wieder 2001 zwischen Vertretern der Amicale Internationale KZ Neuengamme (AIN) mit Bürgermeister Ole von Beust über die Schließung der Strafvollzugsanstalt und den Ausbau der Gedenkstätte – wäre die Taktik von Bürgermeister Max Brauer aufgegangen, der „die furchtbaren Entsetzlichkeiten der vergangenen Epoche … allmählich aus der lebendigen Erinnerung aus…löschen“ wollte.

Allen Widerständen zum Trotz: Antifaschistisches Engagement lohnt sich!

Holger Tilicki

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Pfingsten 2004

Zu Heartfield, Brecht und Kisch

Die letzte Exkursion ins Nürnberger Land hatte hohe Maßstäbe gesetzt. Nun auch im Jahr 2004 eine Exkursion zu organisieren, die die Teilnehmer zufrieden stellte, war also nicht einfach. Bereits die doppelte Zahl der Teilnehmer, 40, war eine Herausforderung, doch wollten wir dieses Mal nicht nur der „Stammbesatzung“ eine Teilnahme ermöglichen, sondern auch unseren Mitgliedern und Freunden, die im Raum Berlin zuhause sind.

Unsere Fahrt führte uns in die 50 Kilometer östlich von Berlin gelegene Märkische Schweiz. Hier in Buckow, im Herzen Brandenburgs, hatte Bertolt Brecht ein schönes Sommerdomizil gefunden. Weniger bekannt ist folgendes: Er hatte seinen Freund John Heartfield, den aus dem Exil zurückgekehrten Meister der politischen Fotomontage, angeregt, sich im benachbarten Waldsieversdorf niederzulassen oder wenigstens dort einen Sommersitz zu erwerben. 1957, ein Jahr nach Brechts Tod, erwarb Heartfield schließlich ein kleines Anwesen. Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte später wollten die Bredels also auf den Spuren dieser beiden großen Künstler und Kommunisten wandeln und schauen, in welcher Form die bekannten Kurorte Buckow und Waldsieversdorf heute das Andenken an ihre einstigen Mitbewohner Brecht und Heartfield bewahren.

Gastgeber unserer Pfingstfahrt war der in Waldsieversdorf ansässige John-Heartfield-Freundeskreis. Harald Schadek, Manfred Werner und die anderen Mitglieder dieses Vereins sorgten für ein dichtes Zweitagesprogramm, das keine Wünsche offen ließ. Bei strahlendem Sonnenschein am Pfingstsamstag mit der Museumsbahn in Waldsieversdorf eingetroffen, erwartete uns am ehemaligen Sommerhaus John Heartfields – mitten im Grünen – ein fulminanter Sektempfang mit dem Gastgeberverein. Wie wir vom Vereinsvorsitzenden Manfred Werner, der zugleich Bürgermeister des Ortes ist, erfuhren, möchte der Freundeskreis aus dem Holzhäuschen mit Hilfe des Archivs der Akademie der Künste, in dem Heartfields Nachlass liegt, eine kleine Gedenkstätte aufbauen.

Nach Besichtigung dieses idyllisch am Großen Däbersee gelegenen Anwesens, führten uns die Gastgeber auf dem John-Heartfield-Steig zur einstigen Schule des Ortes. In diesem Gebäude ist heute nicht nur ein sehenswertes Schulmuseum untergebracht, sondern auch eine Ausstellung bekannter Fotomontagen John Heartfields. Deren Kurator, Peter Zimmermann, von der Stiftung des genannten Archivs, erläuterte die historischen Hintergründe von Heartfields beindruckenden Bildern. Einige unserer Teilnehmer gaben ergänzend dazu einige Anekdoten über Heartfield und Bredel zum besten. Der Verein bemüht sich, aus dieser Schau eine ständige Ausstellung werden zu lassen. Der Tag endete am Großen Däbersee, wo wir nach dem Abendessen noch zu einem Erfahrungsaustausch mit dem John-Heartfield-Freundeskreis im „Café am Strandbad“ zusammenfanden.

Für den Morgen des Pfingstsonntags war allen Teilnehmern die Aufgabe gestellt, ein Egon Erwin Kisch gewidmetes Denkmal in der Umgebung aufzuspüren. Der „rasende Reporter“ war 1927 aus der Hektik Berlins hierher geflüchtet, um in Ruhe an zwei Büchern arbeiten zu können. 1985 hat die Gemeinde Bollersdorf ihm einen Gedenkstein gesetzt. Wie das Foto belegt, haben die meisten unserer Teilnehmer tatsächlich zu diesem abgelegenen und schwierig aufzuspürenden Kleinod gefunden.

Ein abendliches Beisammensein der „Bredels“ und der „Heartfields“ am Strand des Großen Däbersee beschloss das offizielle Programm der Exkursion. Zwei Quize, Gedichtrezitationen und eine Versteigerung sorgten für die rechte Stimmung. Der Heartfield-Freundeskreis überreichte uns zum Abschied ein Heartfield-Porträt von Wilfried Klapprott.

Mit diesem Artikel schickt die Willi-Bredel-Gesellschaft ein großes Dankeschön nach Waldsieversdorf für den großartigen Empfang und lädt die Mitglieder des Heartfield-Freundeskeises zu einem Gegenbesuch nach Hamburg ein.

René Senenko

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