Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Rundbrief 2001

Inhalt

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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Die Verdoppelung neonazistischer Gewalttaten im vergangenen Jahr ist erschreckend. Im Zusammenhang mit dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee marschierte ein Christian Worch durch die Straßen von Steilshoop und Bramfeld – mit behördlicher Genehmigung und unter dem Schutz eines großen Polizeiaufgebotes. Ein Ronald Schill führt in Hamburg mit Law&Order-Parolen, sekundiert von seinem Juniorpartner Ole von Beust, einen Pro-Rechts-Wahlkampf.

Ein deutliches Zeichen gegen Neofaschismus und Rechtspopulismus setzte die von einem breiten Bündnis in Hamburg-Nord getragene Auschwitzwoche: an einer Konzert- und Gedenkveranstaltung mit Esther Bejarano und ihrer Gruppe Coincidence in der Aula des Alstertal Gymnasiums nahmen über 300 Menschen teil. Nur wenige Tage später berichtete Kurt Hälker vor über 50 Zuhörern über das Wirken der französischen Résistance, zu der er als junger Marineoffizier in Paris übergelaufen war. In der von der Bredel-Gesellschaft betreuten KZ-Gedenkstätte Fuhlsbüttel berichteten am 24. Januar Gundel Grünert und Erna Mayer einer interessierten Schulklasse über ihre Kindheitserlebnisse während der Nazi-Zeit.

Auch an diesen Beispielen aus den letzten Wochen lässt sich ablesen, dass die Bredel-Gesellschaft die politische Auseinandersetzung mit dem Neofaschismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen als zentrales Anliegen ihrer Vereinstätigkeit sieht. Die lebendige Vermittlung historisch fundierten Wissens über die Entstehung und die Wurzeln des Faschismus und über die vielfältigen Formen des Widerstandes ist der spezifische Beitrag des Vereins zur Förderung einer konsequent antifaschistischen Haltung mit Herz und Verstand. Willi Bredel steht dabei für uns mit seiner Biografie und seinem literarischen Werk als ein Beispiel für einen gelebten, kämpferischen Antifaschismus. Aus Anlass seines 100. Geburtstags am 2. Mai 2001 werden in diesem Jahr von uns zahlreiche Veranstaltungen angeboten, die einen Einblick in das Leben und das Werk des Hamburger Arbeiterschriftstellers geben sollen. Ein Beitrag von Prof. Rolf Richter im Rundbrief beleuchtet die wenig bekannte kulturpolitische und publizistische Arbeit Bredels in den ersten Jahren nach der Befreiung. Hans-Kai Möller setzt sich mit gewohnt spitzer Feder mit der aktuellen Bredel-Rezeption u.a. durch Dr. Mathias Wegner auseinander.

Der Rundbrief 2001, nunmehr im 12. Jahrgang, spiegelt auch die Breite unserer Aktivitäten wieder. Ein Höhepunkt des vergangenen Jahres war der Besuch einer Gruppe von niederländischen ehemaligen Zwangsarbeitern im September. Die bewegenden Erinnerungen der Holländer, die ab 1943 im Firmenlager Kowahl & Bruns am Wilhelm-Raabe-Weg wohnen und in der Rüstungsproduktion bei Röntgenmüller arbeiten mussten, wurden einem breiten Publikum vorgestellt. Allerdings stellten Vorbereitung und Durchführung des Besuchs für unseren Verein, der ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis arbeitet, eine echte Belastungsprobe dar. Über den großen Erfolg dieses Besuches, der auch ein breites Echo in den Medien fand, wird in dieser Ausgabe ausführlich berichtet.

Ohne den Einsatz der niederländischen Besucher und des ganzen Vereins, wäre es wohl auch nicht gelungen, den im Herbst durch die Baubehörde drohenden Abriss der Sanitärbaracke am Wilhelm-Raabe-Weg im Zuge der Baustellenplanung Flughafen-S-Bahn zu verhindern. Der in diesem Zusammenhang entstandene „Fuhlsbüttler Appell“, der von über 500 Menschen unterzeichnet wurde, hat zumindest zu diesem Teilerfolg beigetragen, wenn auch nach vorläufigem Abschluss der Baumaßnahmen an der Wohnbaracke die Finanzierung einer Dauerausstellung zum Thema „Zwangsarbeit in Hamburg“ noch in den Sternen steht. Hier zeigt sich, wie in der ganzen unwürdigen Debatte um die Entschädigung von Zwangsarbeitern, das fehlende Unrechtsbewusstsein der allein auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Unternehmen und auch die fehlende Sensibilität bzw. Gleichgültigkeit der Behörden.

Die schönste Anerkennung für unsere Arbeit ist die Mitgliedschaft in der Bredel-Gesellschaft. Vielleicht gelingt es uns ja, an Bredels 100. Geburtstag auch die Zahl 100 zu erreichen! Mitglieder bekommen neben dem Rundbrief und allen Einladungen zu unseren Veranstaltungen die Programme der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und das aktuelle Kiek-mol-Faltblatt zugeschickt. Bei Veranstaltungen zahlen sie einen ermäßigten Eintritt, bei Exkursionen einen ermäßigten Fahrtkostenbeitrag. Ein Beitrittsformular findet sich am Ende des Rundbriefes.

Hans Matthaei, März 2001

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Vor 100 Jahren in Hamburg geboren: Willi Bredel

Im 100. Geburtsjahr von Willi Bredel ist eine Reihe von Veranstaltungen geplant, auf die wir bereits heute hinweisen wollen: Am 9. Mai wird Anna-Maj Kraus ihre Erinnerungen an Willi Bredel und ihre Mutter Maj Bredel berichten, am 11. Mai referiert Prof. Rolf Richter auf einer Veranstaltung mit dem Titel „Zwischen Aufbegehren und Disziplinierung. Willi Bredel in den politischen Auseinandersetzungen Mitte der fünfziger Jahre“. Zum Abschluss der Geburtstagswoche am 13. Mai findet eine Busrundfahrt auf den Spuren Bredels durch Hamburg statt.

An den traditionellen Fuhlsbüttler Filmtagen vom 22. bis 24. November werden drei Verfilmungen von Bredels Werken gezeigt, von denen zwei in Hamburg Premiere haben.

Ausführliche Programme werden auf Anfrage zugesandt.

Gern unterstützen wir mit unserem umfangreichen Buch- und Bildarchiv weitere Aktivitäten zum Hundertsten. Bereits angekündigt ist ein Motorradkorso durch Hamburg am 12. Mai, der vom MC Kuhle Wampe veranstaltet wird.

Die Bredel-Gesellschaft plant weiterhin die Veröffentlichung einer von René Senenko erarbeiteten Broschüre über Bredels Exil in Prag mit dem geheimnisvollen Titel: Das Foto aus dem Nachlass.

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Anna Seghers an Willi Bredel

Brief Anna Seghers’ an Willi Bredel zu dessen 60. Geburtstag. Entnommen: Willi Bredel – Dokumente seines Lebens, Aufbau-Verlag Berlin 1961, S. 248

Berlin

Lieber Willi,

in der Alexandrinenstraße, in dem Keller, in dem man »Linkskurven« verpackte, wurden wir miteinander bekannt. Junge Schriftsteller waren wir beide. Du warst noch ein bisschen jünger, jeder hatte sein erstes Buch hinter sich. Und ich sagte mir - nicht Dir, weil ich dazu zu ungeschickt war -, dass eine Menge dazugehört, um sich durch das Leben durchzuarbeiten wie Du, durchzuschreiben.

Jahre später saßen wir zusammen auf einem Boulevard in Paris. Du kamst aus dem spanischen Krieg. »Die Prüfung« hattest Du geschrieben und durchgemacht. Deine Antwort darauf: die Internationalen Brigaden. - Wir stritten, wir hakelten, wir lachten. Was für Jahre wir beide noch durchzubeißen hatten, davon ahnten wir nichts. Wenn wir es auch geahnt hätten, wir hätten doch gestritten und doch gelacht!

Wieder einige Jahre später – oder war es nach einem ganzen Zeitalter? – trafen wir uns schließlich in den Trümmern von Berlin. Aus Deinen Büchern lernte ich nach und nach eine Menge. Bald verstand ich Dein ganzes Leben, Deine ganze Familie: eine Hamburger Arbeiterfamilie, die Du durch drei, ja vier Generationen zum erstenmal dargestellt hast.

Bitte, lieber Willi, mach so weiter, ich umarme dich – y te doy un fuerte abrazo.

Deine Anna

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Willi Bredel in Mecklenburg-Vorpommern 1945–1949

„In Rostock habe ich mein Deutschland wieder gefunden – und gewissermaßen auch mein Hamburg“

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im östlichen Teil Deutschlands im Juni 1945 die Sowjetische Militäradministration SMAD gebildet. Unter ihrer Oberhoheit traten die hauptsächlichen politischen Kräfte, die KPD und die SPD, mit Aufrufen und ersten Aktivitäten an die Öffentlichkeit.

Zu den wenigen verbliebenen Kommunisten traten drei Einsatzgruppen des ZK der KPD im Moskauer Exil. Die Gruppe Nord, zu der Willi Bredel gehörte, flog bereits am 6. Mai aus der Sowjetunion ab, und die meisten ihrer Mitglieder gingen nach Schwerin, in die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern (ab 1947 Mecklenburg). Bredel fuhr allein nach Rostock und blieb hier bis Ende Juli, danach folgte auch er seinen Genossen nach Schwerin.

Um einen Eindruck von den Lebensbedingungen jener Tage zu vermitteln: Bredel berichtete am 1. Juli 1945, dass er „Mädchen für alles (sei): Ernährung, Feuerung, Versammlung, Theater, Sport, Jugend und Frauen, Vereinsgründer und Bandenbekämpfer…“[ 1 ], am 30. Mai, dass er auf Hiddensee Gerhardt Hauptmanns Bibliothek und Manuskripte sicherstellen ließ[ 2 ] , und an den Leiter der Einsatzgruppe Gustav Sobottka schrieb er am 20. Juni: „Wenn du es für richtig hältst, dass ich länger hier bleibe (was mir wichtig erscheint), dann müssen mir u n b e d i n g t meine Sachen hergeschickt werden, ich habe nur ein Hemd und ein Handtuch.“[ 3 ]

Zu den Grundaufgaben der ersten Monate und Jahre nach dem Krieg zählten bei der „Reinigung des reaktionären

Augiasstalles Mecklenburg“, wie Bredel im September 1945 unter Anspielung auf die vielen düsteren Seiten in der Geschichte des Landes notierte[ 4 ], die Aufklärung über die Verbrechen des Hitlerregimes und das Sammeln der Kräfte für den Neuaufbau.

Am 20. Mai 1945 sprach Bredel auf einer Kundgebung in Rostock über „Zwölf Jahre Hitlerfaschismus“, am 19. Juni bei der ersten öffentlichen Veranstaltung der Ortsgruppe der KPD über „Unsere Helden im Kampf gegen den Hitlerfaschismus“, und auch in der Folge nutzte er jeden Anlass, beispielsweise die Tage des freien Buches am 10. Mai oder die Ehrung der Spanienkämpfer, um eine solche Abrechnung zu führen.

Ein besonderes Kapitel bildeten dabei seine Aussagen bei den Prozessen gegen den Kommandanten des Konzentrationslagers Fuhlsbüttel, Paul Ellerhusen, in dessen Anwesenheit er einmal ausgepeitscht worden war, und gegen seinen Stellvertreter Willy Dusenschön in den Jahren 1950 und 1962. Vorher schon, 1947 und 1949, hatte sich Bredel in Itzehoe und Schwerin sowie in verschiedenen Briefen in dieser Sache geäußert. Ellerhusen wurde zu langjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Dusenschön, in dessen Prozess es u.a. um den Tod des Redakteurs des sozialdemokratischen „Lübecker Volksboten“, Dr. Fritz Solmitz, ging, sprach man 1962 unter Berufung auf die Verjährungsklausel frei. Diese Vorgänge haben Bredel zeit seines Lebens beschäftigt. So legte er in den Vorarbeiten zu dem Projekt „Wege der Prüfung“ über die Wirkung des Romans „Die Prüfung“ dazu eine Materialsammlung an.[ 5 ]

In dem Hamburg-Buch „Unter Türmen und Masten“ von 1960 ist auch die Erzählung „Das Kinder-KZ Bullenhuser Damm oder Wer eigentlich beschmutzt sein eigenes Nest?“ enthalten, versehen mit dem Hinweis „Bis 1948“. Das ist ein Zeichen dafür, das Bredel schon damals diese schrecklichenVorgänge, als noch im April 1945 unschuldige Kinder von der SS ermordet wurden, sehr beschäftigt haben. Im Zusammenhang mit der Verschleppung des Verfahrens gegen den Hauptangeklagten Arnold Strippel kam das Verbrechen seit Mitte der achtziger Jahre erneut in die öffentliche Diskussion.

Bei der Sammlung aller aufbauwilligen Kräfte wurden auch Ansatzpunkte für eine Zusammenarbeit mit der SPD gesucht, bekanntlich war das ein schwieriges Unterfangen. In Mecklenburg-Vorpommern kam es zur Bildung gemeinsamer Arbeitsausschüsse, in Rostock geschah das am 19. Juli 1945.[ 6 ] Die Vereinigung beider Parteien im April 1946 zur SED bloß als Zwangsvereinnahmung der Sozialdemokraten zu werten, ist meines Erachtens nicht korrekt. Die Dokumente belegen vielfach, dass es auf dieser Seite gleichfalls das innere Bedürfnis dazu und die Freiwilligkeit der Entscheidung gab. Dabei soll nicht geleugnet werden, dass innerhalb der SED dann die Hegemonietendenzen der aus der KPD kommenden Teile immer stärker wurden.

Bredel war nur kurze Zeit Mitarbeiter der Landesleitung der KPD. Am 26. August 1945 wurde er zum Landesleiter des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands gewählt. Der Kulturbund war in den Nachkriegsjahren entscheidend daran beteiligt, die Intelektuellen, Künstler, Wissenschaftler, Studenten anzusprechen, zusammenzuführen und zur Mitarbeit zu gewinnen. Bredel hat dabei Außerordentliches geleistet.

Schon bei seinem ersten öffentlichen Auftreten in Deutschland nach dem Krieg, am 19.5.1945 in Rostock, wurden vor allem Universitätsangehörige, Vertreter der Intelligenz und freier Berufe eingeladen. Andere Höhepunkte waren die Ansprache „Um Deutschlands Zukunft“ aus Anlass des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses vor der Schweriner Lehrerschaft am 21. Dezember 1945 oder die Rede „Die Jugend und die kulturelle Erneuerung Deutschlands“ auf der Ersten Zentralen Kulturtagung der KPD im Februar 1946; auch sein Beitrag auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress im Oktober 1947 ist in diesem Sinne zu werten.

Mecklenburg-Vorpommern mit seinen beiden Universitäten, mit mehreren Verlagen und Theatern, mit Orten wie Hiddensee oder Fischland-Darß-Zingst als Künstlerdomizile erwies sich als fruchtbarer Boden für solche Bemühungen. Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Lebenshaltungen wie der Maler und Grafiker Herbert Bartholomäus, der Hinstorff-Verleger Peter E. Erichson, der Theologe Karl Kleinschmidt, der Wissenschaftler Günther Rienäcker oder der Schriftsteller Ehm Welk fanden im Kulturbund eine geistige Heimat und den Mut zum Neubeginn; Kleinschmidt sprach dann von seinem „Eigenheim am Bredel-Weg.“[ 7 ]

Und was zunächst vielleicht gar nicht zu erwarten war: Bredel mit einer bemerkenswerten Fähigkeit zur Integration, die aus den Erfahrungen seines Wegs als Arbeiter-Intellektueller, des antifaschistischen Widerstands, des Spanienkriegs oder aus der Arbeit mit Kriegsgefangenen im Rahmen des Nationalkomitees Freies Deutschland herrührte, mit seiner Aufgeschlossenheit, seinem Optimismus und seinem Humor erwies sich in dieser Beziehung als ein ausgesprochener Glücksfall für das Land. Auch die intensiven Bestrebungen um eine neue Begegnung mit den Schätzen des kulturellen Erbes, genannt seien unter vielen anderen nur Bredels Reden anlässlich des 200. Geburtstages von Goethe am 12. Juni 1949 in Weimar zum Aktivistentag „Die kulturelle Verantwortung der Arbeiterklasse“ und am 28. August im Schweriner Landtag „Goethes Erbe in unserer Zeit“, haben diese Bündnisbemühungen wirkungsvoll unterstützt.

Zu den großen politischen Anliegen, die in jenen Jahren in der Sowjetischen Besatzungszone vertreten wurden, gehörte das Bekenntnis zur Einheit Deutschlands. Das war natürlich ganz nach dem Herzen von Bredel, dem Hamburger. Zu „Gesamtdeutschen Gesprächen“ war er u.a. im Herbst 1946 und im Winter 1948 in seiner Geburtsstadt. Im Jahre 1946 sprach er über seinen Lebensweg und die Aufbauarbeit in Mecklenburg-Vorpommern und las aus seinem Werk. Dabei kam es auch zu einem Treffen mit Kollegen der Firma Kampnagel, der Bredelschen „Maschinenfabrik N&K“.[ 8 ] Und 1948 gab Bredel bei einer Kulturkonferenz der KPD einen Bericht über den Kongress „Die Intellektuellen der Welt für den Frieden“, der im August des Jahres in Wroc»aw stattgefunden hatte und als Ermutigung für die deutschen Partner genommen wurde, ihr Eintreten für den Frieden und zur Wiederaufnahme in den Kreis der anderen Völker zu verstärken.[ 9 ]

In Mecklenburg-Vorpommern trug Bredel maßgeblich zur Wiederbelebung der Verlagslandschaft bei (Schwerin: Mecklenburgischer Heimatverlag, der später den Namen Petermänken-Verlag erhielt; Rostock: Hinstorff Verlag). Er gab die Kulturbund-Mitteilungsblätter „Demokratische Erneuerung“ (1945–1947) und die Zeitschrift „Heute und Morgen“ (1947–1954) heraus und leistete vorbereitende Arbeiten für die „Bibliothek Fortschrittlicher Deutscher Schriftsteller“, die unter seiner Leitung von 1950 bis 1954 erschien. Interessant ist in einem solchen Umfeld auch das „Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ von 1945, zu dem er das Vorwort schrieb.[ 10 ]

Seine eigenen Werke der vergangenen Jahre wurden verlegt: „Die Prüfung“ seit 1946 im Aufbau-Verlag, Berlin; „Begegnung am Ebro“ im Verlag Lied der Zeit, Berlin 1948; die „Französischen Erzählungen“ seit 1946 im Aufbau-Verlag und bei Reclam in Leipzig; „Das Vermächtnis des Frontsoldaten“ und „Der Sonderführer“ 1945 bzw. 1946 im Verlag Christian Sauerland & Sohn, Ludwigslust; „Die Vitalienbrüder“ 1950 im Petermänken-Verlag. „Die Söhne“ aus dem Zyklus „Verwandte und Bekannte“ wurden genauso wie „Ernst Thälmann – Beitrag zu einem politischen Lebensbild“ in den Exiljahren begonnen und nach dem Krieg abgeschlossen (Aufbau-Verlag bzw. Dietz-Verlag, Berlin 1948).

Es entstanden neben der Broschüre „Mecklenburg im Kampf für Einheit und Demokratie 1848–1948“ (im Auftrag des Landesausschusses für Einheit und gerechten Frieden, Schwerin 1948) und neben der Zusammenfassung mehrerer Dichter-Würdigungen „Sieben Dichter“ (Petermänken-Verlag 1950) die Erzählung „Das schweigende Dorf“ (Hinstorff Verlag Rostock 1949), in der Willi Bredel ein schreckliches Stück Faschismus, die Ermordung von KZ-Häftlingen, Frauen und Kindern, während eines Transportes schilderte und die Schuld, die Bewohner eines mecklenburgischen Dorfes dabei auf sich luden.

Mit anderen Worten, so ganz stimmte das mit der Klage „h a u p t a m t l i c h ein armes Luder von Schriftsteller“[ 11 ] zu sein, nicht, denn die literarische Produktion war doch beachtlich.

Nach der Gründung der DDR im Oktober 1949 wurde Willi Bredel in die Zentrale nach Berlin gerufen.

Von seinem Wirken in Mecklenburg-Vorpommern zeugen gegenwärtig leider nur noch einige Straßennamen und die weitere Herausgabe des Buches „Die Vitalienbrüder“ im Hinstorff-Verlag.

Versucht man ein Fazit seiner damaligen Jahre, die er später im Roman „Ein neues Kapitel“ zu gestalten versuchte, so kann gesagt werden, dass er ungeachtet aller Sorgen und Nöte, auch aller Enttäuschungen und politischer Querelen in diesem Land wohl seine optimistischste Zeit hatte. Da hat er, erstmals sozusagen staatstragend, selbständig, die eigenen Neigungen einbringend vieles für die gemeinsame Sache tun können.

So gilt sein Wort von 1956, wobei Rostock stellvertretend für die gesamte Region steht: „In Rostock habe ich mein Deutschland wiedergefunden - und gewissermaßen auch mein Hamburg.“

Rolf Richter

[ 1 ] Zitiert bei Illing, Gotthard, Willi Bredel, in: Lebendige Tradition, Lebensbilder deutscher Kommunisten und Antifaschisten, Bd. II, Militärverlag der DDR, Berlin 1974, S. 107
[ 2 ] Brief Bredels an seine Frau Maj, in: Aber es kostet Arbeit, nicht zu sagen …, Neue Deutsche Literratur, Nr. 5/1985, S.6
[ 3 ] Archiv der Bezirksleitung Schwerin der SED, Mappe I/1-00015, jetzt im Bestand des Mecklenburgischen Landeshauptarchivs, Schwerin
[ 4 ] Bredel, Wandel und Neugestaltung, Tägliche Rundschau, Nr. 108/ 16.9.1945, S.3
[ 5 ] Vgl. Bredel-Archiv der Akademie der Künste, Pos. 183, 184 und 185 mit Hinweisen auf die Berichte über Bredels Zeugenaussagen im Deutschlandsender Hamburg vom 2. bzw. 11.10.1962; dsgl. Hamburger Volkszeitung, 9.1.1950; dsgl. den Abschnitt „Karriere oder Ein Menschenschinder auf der Anklagebank“ (1950) im Buch „Unter Türmen und Masten“ (Petermänken-Verlag, Schwerin 1960)
[ 6 ] Vgl. Volkszeitung (Schwerin), Nr. 3/ 27.7.1945, S. 2
[ 7 ] Vgl. Willi Bredel – Dokumente seines Lebens, Aufbau-Verlag, Berlin 1961, S. 259
[ 8 ] Vgl. Willi Bredel sprach in Hamburg, Landeszeitung (Schwerin), Nr. 122/ 4.9.1946, S. 2
[ 9 ] Vgl. Willi Bredel sprach in Hamburg, Landeszeitung (Schwerin), Nr. 296/ 18.12.1948, S. 2;vgl. auch: Willi Bredel sprach in Lübeck, Landeszeitung (Schwerin), Nr. 41/ 17.2.1948, S. 1
[ 10 ] Herausgeber Paul Schimanke, Druckerei W. Sandmeyer, Schwerin
[ 11 ] Brief an Walter Victor vom 29.7.1949, vgl. Bredel – Ein Lesebuch für unsere Zeit, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1966, S. XLVII

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Ja, bei Bredel griff ich voll daneben

Seit mehr als fünf Jahren läuft in den Hamburger Kammerspielen die Reihe „Dichter in Hamburg – Eine Reise durch die Literaturgeschichte unserer Stadt“, in der Schriftsteller, die in Hamburg gelebt oder über Hamburg geschrieben haben, unterhaltsam und informativ vorgestellt werden. Dafür wurde eine besondere Form der Lesung gefunden: Eine Mischung aus Texten der Autoren und einem von Matthias Wegner, dem „Erfinder“ dieser Reihe, verfassten Kommentar. Die Texte der Dichter werden dabei von bekannten Hamburger Schauspielern oder Schauspielerinnen vorgetragen.

Nun hat Matthias Wegner unter dem Titel „Ja, in Hamburg bin ich gewesen - Dichter in Hamburg“ seine 25 Dichterporträts zu einem mehr als 500 Seiten starken Buch zusammengefasst, das im Vorwort von Ulrich Tukur und Ulrich Waller etwas vollmundig als literarischer Stadtführer bezeichnet wird.

Mitglieder und Freunde der Bredel-Gesellschaft werden sich erinnern, dass im April 1998 in dieser Reihe auch eine Matinee über Willi Bredel stattfand, bei deren Vorbereitung wir Matthias Wegner tatkräftig unterstützten. Im Rahmen dieser Kooperation konnten wir vor und nach der Veranstaltung unser Bredel-Antiquariat präsentieren und über die Arbeit unseres Vereins informieren. Zu dieser gelungenen Veranstaltung kamen trotz des zeitgleichen Hanse-Marathons über 100 Zuhörer. Matthias Wegner gestaltete auf der Textgrundlage von „Die Väter“, „Die Prüfung“, „Maschinenfabrik N & K“, „Unter Türmen und Masten“ und „Wie ich Schriftsteller wurde“ eine anschauliche Biografie Bredels, was sich bei der stark autobiografischen Prägung seiner Werke zweifellos anbietet. Bereits bei dieser Veranstaltung konnte sich Wegner einiger kleiner antikommunistischer Schlenker nicht enthalten, über die wir im Interesse der Sache aber hinweghörten. Das war offensichtlich ein Fehler: In dem fast dreißig Seiten umfassenden Beitrag über Willi Bredel unter dem merkwürdigen Titel „Schuldig sind wir alle“ wimmelt es nun von Fehlern, Halbwahrheiten und antikommunistischen Klischees, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen:

So nimmt er Bredels sicherlich falsche Behauptung, dass in Hamburg im Jahre 1960 in den Volksschulen (Hauptschulen) die Prügelstrafe wieder eingeführt wurde - was auch gar nicht nötig gewesen wäre, da sie von vielen Lehrern noch fleißig praktiziert wurde – zur Begründung für einen dreisten Rundumschlag: Er behauptet, dass Bredel als „Würdenträger der DDR … zu aberwitzigen ideologischen Simplifizierungen und Realitätsleugnungen Zuflucht nahm“ und deshalb in Hamburg in Vergessenheit geriet.

Der Kommunist und Widerstandskämpfer Willi Bredel wurde vom Hamburger Literaturbetrieb der fünfziger und sechziger Jahre bewusst ignoriert und ausgegrenzt, da er wie kaum ein anderer Autor Themen wie Ausbeutung, Faschismus, Widerstand und das Verdrängen nach 1945 literarisch gestaltete. Diese Themen waren im Wirtschaftswunderliteraturbetrieb unerwünscht, und unerwünscht war auch einer, der dabei gewesen war: im KZ, im Exil, im Spanischen Bürgerkrieg, im Nationalkomitee Freies Deutschland. So wurde ihm beispielsweise bei einem seiner zahlreichen Hamburg-Besuche kurzerhand die Aufenthaltserlaubnis von der Hamburger Polizei entzogen.

Wegners These von der selbstverschuldeten Vergessenheit wird übrigens auch von einem unverdächtigen Zeitzeugen, Marcel Reich-Ranicki, den Wegner mehrmals zitiert, widerlegt: In seiner Biografie „Mein Leben“ berichtet Reich-Ranicki über die großen Schwierigkeiten im Jahre 1959, in der „Welt“, der FAZ und beim NDR eine Serie mit Porträts über vierzehn DDR-Autoren unterzubringen. Einer der porträtierten Schriftsteller aus „Mitteldeutschland“ – DDR war ein Tabubegriff – war Willi Bredel.

Auch Reich-Ranickis Anerkennung des Kampfes der deutschen Kommunisten gegen die Naziherrschaft kann Wegner nicht kommentarlos akzeptieren, sondern versucht ihn mit Anleihen bei der abgestandenen Totalitarismustheorie und der Beschwörung der „grausigen Geschichte des real existierenden Sozialismus“ zu relativieren. Wegners Antikommunismus geht soweit, dass er unkritisch Ungereimtheiten bzw. Falschinformationen der DDR-Literaturgeschichtsschreibung übernimmt und den 18-jährigen Bredel zu einem „leidenschaftlich gläubigen Kommunisten“ kürt.

Bredels Funktion als Herausgeber der unabhängigen linken Jugendzeitschrift „Freie proletarische Jugend“ und seine Mitgliedschaft in der gleichnamigen Jugendorganisation im Jahre 1920 sprechen nachdrücklich gegen diese Behauptung. In einem Nebensatz versucht M.W. Bredels Rolle im Spanischen Bürgerkrieg abzuwerten und behauptet pauschal, dass die Mitwirkung von Exil-Autoren am Kriegsgeschehen nicht mit den Fronteinsätzen zu vergleichen war. Das mag für einige Schriftsteller stimmen, Bredel war dagegen mindestens von Anfang August bis Mitte November 1937 im ständigen praktischen Einsatz als Kriegskommissar des Thälmann-Bataillons und nahm an der Aragon-Front an verschiedenen Kämpfen teil. Nachdem der Kommandeur des Bataillons, Georg Elsner, gefallen war, übernahm der militärisch nicht ausgebildete Bredel das Kommando beim Sturm auf Quinto. Über Bredels Aktivitäten während des Zweiten Weltkriegs erfährt der Leser wenig Konkretes, u.a., dass er als „Propaganda-Brigadist“ arbeitete: „Ein leidenschaftlich gläubiger Kommunist“ als „Propaganda-Brigadist“, der danach „zum Aushängeschild von Walter Ulbrichts Arbeiter- und Bauernstaat“ wird und als „würdevoller Dichter-Funktionär“ fast ununterbrochen einen „korrekten Anzug mit der obligaten silbernen Krawatte“ trägt … unfreiwillige Real-Satire.

Schade, dieses Buch enthält neben Unkritischem (Gorch Fock) und Fragwürdigem (Lord von Barmbek) auch gut recherchierte und sensibel getextete Porträts (Wolfgang Borchert, Klaus Mann u.a.). Die Kommentare zu Bredel sind allerdings unterste Klischeeschublade. Ja, bei Bredel griff ich voll daneben …

Hans-Kai Möller

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Ein Brief an Georgi Dimitroff

In der von Prof. Hermann Haarmann herausgegebenen Anthologie „Abschied und Willkommen, Briefe aus dem Exil 1933–1945“ ist neben Briefen von Heinrich Mann, Oskar Maria Graf, Alfred Kerr, George Grosz, Erwin Piscator, Heinrich Vogeler und vielen anderen Exilierten auch ein Brief von Willi Bredel veröffentlicht. In seinem Brief vom 30. 1. 1941 an den Generalsekretär der Kommunistischen Internationale, Georgi Dimitroff, setzt sich Bredel kritisch mit der Evakuierung deutscher antifaschistischer Schriftsteller nach Kasan und Taschkent auseinander und fordert deren sinnvollen Einsatz im antifaschistischen Kampf. Außerdem wendet sich Bredel gegen die geplante Einstellung der letzten deutschsprachigen Literaturzeitschrift in der Sowjetunion „Internationale Literatur/ Deutsche Blätter“, die Bredel als ein wichtiges Austausch- und Verbindungsmittel des deutschsprachigen Exils ansah. Dieser Brief dokumentiert deutlich, dass Bredel nicht dazu bereit war, jede unsinnige Maßnahme der sowjetischen Behörden bzw. Parteiorgane zu akzeptieren. Bredels Bemühen, den Evakuierungsort Kasan zu verlassen, und sinnvoll in Moskau bzw. an der Front für Propagandaarbeit eingesetzt zu werden, hat bereits Erich Weinert 1951, allerdings etwas „entschärft“, dokumentiert.

Hans-Kai Möller

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Goethe, Faust und die Reeperbahn

Nun zu einem erfreulichen Kapitel der Bredel-Rezeption. Die drei Sangesbarden mit dem Namen „Liederjan“ haben kürzlich eine originelle und sehr hörenswerte CD mit dem Titel „Ach, du meine Goethe“ bei „pläne“ herausgebracht. Auf diesem Live-Mitschnitt einer Veranstaltung mit Texten und Liedern über und von Goethe befindet sich auch der Bredel-Klassiker „Faust auf der Reeperbahn“, in der Fassung, die Bredel 1960 in seinem Buch „Unter Türmen und Masten“ veröffentlichte.

Bredel hat diese witzige Episode zuerst in seinem 1943 erstmals veröffentlichten Roman „Die Väter“ verarbeitet, wo er die alte Pauline Hardekopf diese Geschichte Carl Brenten und seine Frau Frieda in einer Art Rückblende erzählen lässt. Da gerade in diesem Roman Hauptakteure und Handlung sehr stark autobiografisch geprägt sind, vermutet der Leser bzw. Zuhörer, dass es sich hier um eine in der Familie Bredel erzählte, selbst erlebte Geschichte handelt. Die beliebte Faust-Episode basiert aber auf dem erstmals 1906 in der Novellensammlung „Heinz Treulieb und Anderes“ veröffentlichten Text „Das Volkstheater am Spielbudenplatz“ des längst vergessenen Schriftstellers Julius Stinde. Für Nichthamburger: Der Spielbudenplatz ist ein Teil der Reeperbahn. Bei dieser Darstellung handelt es sich hauptsächlich um ein Anekdoten reiches, humorvolles Porträt des legendären Theaterdirektors Johann Dannenberg. Es wurde 1926 erneut in der Text- und Bildersammlung „Ein Jahrhundert Hamburg 1800–1900“ abgedruckt.

In der späteren Fassung, die unter dem Titel „Faust auf der Reeperbahn“ als eigenständige kleine Geschichte in Bredels Hamburg-Buch erschien, geht er ausführlich auf die Person Dannenbergs ein und porträtierte dieses Hamburger Original. Danach folgt dann die im Text von Stinde nur kurz skizzierte Faust-Episode, die Bredel zu einer pointenreichen kleinen Erzählung gestaltet. In den „Vätern“ taucht der Name und die Person Dannenberg dagegen nicht auf. Bredel lag vermutlich bei seiner Arbeit an „Die Väter“ in Moskau der Text von Stinde nicht vor, sondern er gestaltete diese Episode aus der Erinnerung. In der zweiten ausführlichen Fassung, die er in den fünfziger Jahren verfasste, lag Bredel der Stinde-Text wieder vor und er übernahm viele Details über den urtümlichen Prinzipal Dannenberg fast wörtlich in seine Geschichte, andere schmückte er humorvoll aus. Auch der umtriebige Ulrich Tukur hat die Qualität dieser Anekdote erkannt und baute sie in seine Hamburg-Hommage „Einmal noch nach Hamburg“ in den Kammerspielen ein. Urwüchsiges Theater im Theater: Bredel hätte seinen Spaß daran gehabt.

Hans-Kai Möller

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Willis Finger

Wir wohnten damals genau wie der sowjetische General Trofanow in der Weinbergstraße in Schwerin. Willi kannte ihn schon von der Stalingrader Front. Seine Frau war Ärztin im sowjetischen Krankenhaus in Schwerin. Es herrschte zwischen unseren Familien ein freundschaftliches Verhältnis. Eines schönen Tages lud General Trofanow Willi zur Jagd ein. Er rüstete sich aus wie ein echter Jäger und zog mit den besten Vorsätzen in den Wald. Stundenlang stand er auf der Pirsch. Aber nichts, absolut nichts passierte. Kein Reh, kein Hase, kein Wildschwein in Sicht. Nur in weiter Ferne bellten die Hunde.

Willi setzte sich auf einen Baumstamm und genoss den schönen Morgen. Aber da geschah es. Ein Rudel Wildschweine jagte über die vor ihm liegende Lichtung, doch o weh! Der stolze Jägersmann hatte mit dem Finger im Lauf des Gewehrs gespielt und bekam ihn jetzt nicht schnell genug heraus. Aus war es mit dem Triumph.

Einige Jahre später waren wir in Sotschi am Schwarzen Meer. Wir wurden im Speisesaal des Hotels der russischen Familie vorgestellt, mit der wir am selben Tisch die Mahlzeiten einnehmen sollten. Als Willi seinen Namen nannte, schnellte der Mann von seinem Stuhl hoch und rief entzückt: „Wiillii Breedeel!“ und umarmte ihn. „Nein, so was? Sie sind aus Mecklenburg, nicht war?“ Willi sagte: „Woher kennen Sie mich? Haben Sie vielleicht ein Buch von mir gelesen?“

„Ein Buch? Was? Schreiben tun Sie auch? Sind Sie denn nicht der Jäger mit dem Finger im Lauf?“

Maj Bredel
Der Text von Maj Bredel und die Vignette von Horst Schmedemann sind entnommen: Reifezeugnisse über Schwerin – Aus Briefen und Berichten, Erzählungen und Romanen von August Bebel bis Willi Bredel, herausgegeben von der Wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek Schwerin 1985

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Ehemalige Zwangsarbeiter besuchen ihr altes Lager

Unbestritten war im Jahr 2000 der Höhepunkt unserer Tätigkeit die Organisation des Besuchs von fünf ehemaligen holländischen Zwangsarbeitern in Fuhlsbüttel. Vom 23. bis 28. September hatten unsere Gäste so einige Termine zu absolvieren, die natürlich alle den schmerzlichen Erinnerungen an ihre Jahre in Nazideutschland galten. Ein wenig Freude haben wir ihnen mit gemeinsamen Abenden, einer Hafenrundfahrt, einem Stadtbummel, Alsterspaziergängen und einem Zirkusbesuch machen können.

Aus dem reichhaltigen Presseecho (siehe separater Beitrag) haben wir den Artikel „Im Bett waren wir nie alleine“ aus dem Langenhorner Wochenblatt Nr. 41 vom 11. Oktober 2000 von Heinz Biehl als Leitartikel für unseren Rückblick auf diesen Besuch herausgesucht. Wir meinen, dass er sehr faktenreich das wiedergibt, was an persönlichen Erinnerungen von Seiten der ehemaligen Zwangsarbeiter bei unseren beiden Veranstaltungen vorgetragen wurden:

„Wir haben in den fünf Tagen etwas holländisch gelernt und die Holländer haben sich wieder an das Deutsch erinnert, dass sie zwischen 1943 und 45 in Fuhlsbüttel gelernt haben.“ Hans-Kai Möller und Hans Matthaei von der Willi-Bredel-Gesellschaft-Geschichtswerkstatt e.V. sind für die Spurensuche und ihre Kontakte nach Holland belohnt worden. Weit über hundert Personen nahmen an den beiden Veranstaltungen der Geschichtswerkstatt am 24. und 26. September teil. Auch das Gymnasium Alstertal hatte die Niederländer zu einem Zeitzeugengespräch und die Firma Philips Medizin Systeme (vormals Röntgen-Müller AG) zu einer Werksbesichtigung eingeladen.

„Im Juli 1943 hatte ich in Tilburg einen Marschbefehl vom Arbeitsamt bekommen“, sagt der 76-jährige Theo Massuger, der mit seiner Ehefrau Christine die Reise nach Hamburg antrat. „Ich sollte mich in Hamburg bei einer Firma in Fuhlsbüttel melden: Röntgenstraße 24“. Als er letztlich dort ankommt wird er gleich wieder zum Hauptbahnhof zurück geschickt. Der Grund: seine guten Deutschkenntnisse. Er soll die anderen Holländer abholen, die noch erwartet werden. Auch sie reisen allein, kommen in Zivil und mit normalen Personenzügen. Aber auch sie kommen nicht freiwillig. Erst wenn sie sich am Arbeitsort gemeldet hatten, bekamen im besetzten Holland ihre Familien die benötigte „Stammkarte“ wieder ausgehändigt. – „Ohne Stammkarte keine Lebensmittel!“

Theo Massuger hatte zehn Geschwister und einen kranken Vater. Die Textilfabrik in der er in Tilburg als Weber arbeitete, war geschlossen worden. Sie war nicht „kriegswichtig“ und bekam keine Rohstoffe mehr. Familien, in denen einer arbeitslos war, wurden dann die Stammkarten entzogen: Die Anwerbeaktion, die das deutsche Arbeitsamt in den Niederlanden veranstaltet, stoßen auf wenig Resonanz. – Wer fährt auch schon freiwillig zum Arbeiten in ein Land, dass erstmals in der Geschichte einen Luftkrieg gegen die eigene Bevölkerung beginnt und die wehrlose Zivilbevölkerung in einer schlafenden Stadt bombardiert?

Untergebracht werden die Niederländer in einem Lager an der Alsterkrugchaussee 385. Verpflegung erfolgt bei Röntgen-Müller, denn die haben eine Werkskantine. Drei Wochen später wird das Lager bei einem Angriff im Juli 1943 zerstört. Verlegung in das Firmenlager von Kowahl & Bruns in den Wilhelm-Raabe-Weg 23. Dort sind schon andere Nationen untergebracht und die Verpflegung verschlechtert sich schlagartig. Lagerführer ist der Seniorchef Fritz Kowahl. Das Lager wird von einer Gemeinschaftsküche einer NS-Organisation an der Langenhorner Chaussee beliefert. Kalfaktoren und Köche bereichern sich an den kargen Rationen der Zwangsarbeiter: „Einen Tag Steckrübensuppe, den nächsten Tag Kohlsuppe und dann umgekehrt“: Eine halbe Stunde später sitzen dann alle auf den Aborten und die Suppe kommt unten wieder raus. Suppe gibt es nur abends. „After de Dagwerk“, erläutert einer. Waschgelegenheit nur mit kaltem Wasser. „Wenn wir abends aus dem Werk kamen, lagen schon immer welche in unseren Betten“, sagt Theo ironisch. „Läuse, Flöhe, Wanzen: Wir schliefen nie alleine.“ Im Juli/August, nach den Bombenangriffen hört die Verpflegung ganz auf. Die Hamburger hatten genug mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun. – Der von der deutschen Reichsregierung inszenierte Luftkrieg gegen eine wehrlose Zivilbevölkerung in Rotterdam hatte längst auf Deutschland zurückgeschlagen.

„Wir Niederländer hatten es aber vergleichsweise gut: Wir konnten uns frei in der Stadt bewegen.“ Sie galten nach den Rassevorstellungen der Regierung als „germanischer Volksstamm“. Der aber hatte dennoch keinen Zutritt zu öffentlichen Lokalen und Veranstaltungen. Es hörte schon vor den „Alstertal Lichtspielen“ in Fuhlsbüttel auf. Dort konnten sie nur hinein, wenn sie deutsch sprachen – oder jemanden fanden, der ihnen eine Karte besorgte.

Die Spurensuche der Willi-Bredel-Gesellschaft führt auch wieder zu überraschenden Erkenntnissen: Cor de Bruin bekam so etwas wie einen „Profivertrag in Naturalien“ beim SC Sperber in Alsterdorf. Als ehemaliger Linksaußen beim Fußballklub Eindhoven spielt er in der Oberliga Nord „auch gegen St. Pauli und den HSV“, wie er stolz erklärt. Geschwächt durch die Einberufungen war der SC Sperber froh, einen guten Ersatzspieler in der Mannschaft zu haben. Solche Kontakte nach außen waren für den Zusammenhalt der letztlich 46 Niederländer am Wilhelm-Raabe-Weg wichtig. Cor hatte auch einen Fotoapparat aus Holland mitgebracht und viele Gruppenaufnahmen im Lager gemacht (die am 26. September vorgeführt wurden). Filme und Entwicklungen besorgten ihm seine Sportkameraden vom SC Sperber.

Das Lokal an der Alsterkrugchaussee, wo die Niederländer inoffiziell verkehrten, ihren „Königinnentag“ feierten und wo einer ihrer Kollegen, der seine Boxhandschuhe mitgebracht hatte, Boxunterricht erteilte, haben sie nicht wiederfinden können. Erst in der Diskussion am 26.9.2000 schließt ein Fuhlsbüttler die Wissenslücke: Es hieß „Zum Flughafen“ (Ecke Hornkamp/Alsterkrugchaussee).

„Nach 57 Jahren stehen hier so viele Bäume – früher was alles kahl“, sagt Theo Massuger entschuldigend. Und er sagt auch: „Ich war schon öfters in Hamburg, ich liebe diese Stadt, wir haben hier Freunde gewonnen.“ – Und eine Entschädigung, hat er die erhalten? – Einmal fünfzig Mark, die kamen vom Volkswagenwerk und waren zentral verteilt worden. Die Zwangsarbeiter wurden in Holland lange als „Kollaborateure“ angesehen. Erst jetzt hätten sich der Ministerpräsident und die Gesundheitsministerin der ehemaligen „Dwangsarbeiters“ angenommen. „Das“, so kommentiert ein Zuhörer, „ist ja fast wie in Deutschland: Hier wollte auch keiner Zwangsarbeiter beschäftigt haben.“

Heinz Biehl

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Wiedersehen mit der Heiligen Familie

Am Abend unseres Essens mit den Gästen aus Holland im Hotel Hadenfeld zeigte uns Herr Christiaans, einer der fünf ehemaligen Zwangsarbeiter einige Fotos mit einer Kirche im Hintergrund, zu der er vom Lager ca. eine halbe Stunde zu Fuß gelaufen ist, um am Gottesdienst teilzunehmen und um dort auch für eine zusätzliche Mahlzeit im Garten zu arbeiten.

Wir fanden heraus, dass es sich hier um die am 15.12.1935 eingeweihte katholische Kirche „Heilige Familie“ am Tannenweg in Langenhorn handelt. Auf den Fotos befindet sich neben einigen Zwangsarbeitern auch der damalige Pastor Bernhard Stemick (1902–1974), der von 1938 bis 1971 als Pastor an dieser Gemeinde wirkte.

Sein direkter Nachfolger, der ihn selbstverständlich auch persönlich kannte, ist der heutige Pastor Alfons Dall.

Gleich am nächsten Vormittag fuhren wir – Piet Christiaans, Sjef Bertens, seine Frau Rieky und ich – zum Tannenweg. Nach 55 Jahren standen die beiden Männer zum ersten Mal wieder an dem Ort, an dem sie sich als gläubige Katholiken Trost, Kraft und Hoffnung in ihrer Situation als Zwangsarbeiter in einem fremden Land erhofften. Wir trafen auch Pastor Dall, als dieser aus der morgendlichen Messe kam und tranken im 1983 erbauten Gemeindezentrum noch einen Kaffee. Unsere Gäste sagten, sie wären froh gewesen, dass es sich im Rahmen ihres Besuchs in Hamburg so spontan ergeben hat, auch hier noch einmal gewesen zu sein.

Pastor Dall ist unserer kurzfristigen Einladung gefolgt und war auch am Nachmittag beim Stadtteilrundgang am Wilhelm-Raabe-Weg bei unserer Baracke zugegen.

Holger Tilicki

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„Beste Vrienden“

Stellen Sie sich vor, Sie müssen wegen eines Feueralarms ein Kino verlassen. Bei der Rückkehr nach dem Fehlalarm hört man Ihre fremdländische Aussprache und - verweigert Ihnen den Zutritt. Oder Sie bitten in Ihrem Akzent einen Fremden um Feuer für Ihre Zigarette und die angesprochene Person wendet sich ab. Oder Sie langen als junger Mensch beim Essen kräftig zu und werden deshalb ab sofort aus der Kantine verwiesen.

Würden Sie 55 Jahre später das Land wieder aufsuchen, wo man so mit Ihnen umgesprungen ist?

Fünf holländische Zwangsarbeiter, die das erlebt haben, tun es trotzdem, auf unsere Einladung hin. Zum ersten Mal suchen Sie die Baracken wieder auf, in denen sie zwischen 1943 und 1945 untergebracht waren. Dabei hatten sie noch Glück - wie sie selbst es ausführen - denn sie blieben am Leben.

1943 zieht der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz Fritz Sauckel - 1946 wurde er wegen seiner Verbrechen gegen die Menschlichkeit gehenkt - die Daumenschrauben fester an. Ab jetzt wird nicht mehr für Arbeitskräfte geworben, jetzt wird die Stammkarte des Ernährers für die Lebensmittelausgabe in den Niederlanden eingezogen, jetzt werden Razzien durchgeführt und aus bestimmten Jahrgängen Holländer zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht.

Einer von ihnen ist Piet Christiaans aus Eindhoven, der den schweren Weg nach Hamburg antreten muß. Wie die anderen Männer, die uns besuchen, landet auch er in den Baracken am Wilhelm-Raabe-Weg und muß jeden Tag zur Zwangsarbeit zu Röntgen-Müller. Auch Cor de Bruin muß zur Zwangsarbeit. Weil er beim PSV Eindhoven Mittelstürmer war, ist er beim SC Sperber im benachbarten Alsterdorf eine willkommene Verstärkung. Sjaak de Bruin kann keine positiven Erinnerungen beisteuern: Ihm sind in den Bombennächten vor Angst die Haare ausgefallen, weil es für die Zwangsarbeiter keinen Luftschutzbunker gab. Sjef Bertens war auch gezwungen in Deutschland zu arbeiten, um seiner Familie zuhause die Lebensmittelkarten zu erhalten. Theo Massuger hat seine Zeit in Deutschland wohl nur überlebt, weil ein Kollege bei Röntgen-Müller ihn gegen den ausdrücklichen Befehl seines Vorgesetzten bis zum Pförtner brachte, damit er zum Arzt gehen konnte. Sein Fuß war schon sehr stark angeschwollen, da eine im schlechten Schuhwerk entstandene Verletzung durch die Bohrmilch am Arbeitsplatz zu einer Blutvergiftung führte.

Und über alledem schwebte die Drohung: „Wenn Ihr nicht spurt kommt Ihr übern Zaun!“ Das bedeutete: Ins KZ Fuhlsbüttel, dessen Gelände direkt an das von Röntgenmüller angrenzte.

Die Jugend ist ihnen gestohlen worden und trotzdem nahmen sie unsere Einladung an. Und reagieren – zurück in Eindhoven – mit Dankesschreiben, in denen sie uns mit „Lieve vrienden“ und „Beste vrienden“ anreden.

Piet Christiaans beschreibt seinen Aufenthalt in Hamburg: „Montag wurden wir zu einem Besuch mit Führung durch das Rathaus von Hamburg abgeholt, das war sehr interessant. Danach haben wir ein großes Warenhaus besucht, wo wir herrlich gegessen haben und sehr gestärkt zum Hafen gewandert sind. Dort haben wir eine Hafenrundfahrt gemacht.“ Nach dem Termin beim Ortsamtsleiter von Fuhlsbüttel „ (…) sind wir durch den Alsterpark gewandert und wir sind bei einem wunderbaren Gebäude angekommen, das früher ein Krematorium war. Gegen alle Gefühle haben wir auch hier wieder lecker gegessen. (…) Ich danke der Willi-Bredel-Gesellschaft für die viele Mühe, die Sie sich für uns gemacht hat.“

Cor de Bruin und seine Frau Toos sind ganz besonders davon beeindruckt, wie viele Interessierte an den Veranstaltungen teilnehmen, bedauert aber: „Schade, dass die Zeit zu kurz war, alte Bekannte aufzusuchen, mit denen ich beim Fußballklub Sperber Fußball gespielt habe.“

Sjef und Rieky Bertens fassen zusammen: „Es war für uns alle gewaltig. Wir wollen dann auch den Leuten von der Willi-Bredel-Gesellschaft danken, die alles so gut organisiert hatten. Zugleich kommt Herrn Massuger als Vermittler ein Wort des Dankes zu.“

Für uns ist das nicht nur eine Anerkennung der geleisteten Arbeit, sondern auch Ansporn, den Weg weiter zu beschreiten, über Zwangsarbeit im Stadteil und in Hamburg zu informieren. Vor allen Dingen wollen wir den heutigen Heranwachsenden diese Zeit vor Augen führen und durch Zeitzeugenberichte, wie sie durch diesen Besuch ermöglicht wurden und andere Aktionen, z.B. der Einrichtung einer Gedenkstätte am Wilhelm-Raabe-Weg, vor den Gefahren warnen, die als Konsequenzen aus dem Rechtsradikalismus entstehen können.

Holger Schultze/ho

Brief von Theo Massuger an die Willi-Bredel-Gesellschaft

Eindhoven 10-01-2001

Liebe Freunde.

Wenn ich zurückblicke auf den Besuch in Hamburg im September 2000, als Ex-Zwangsarbeiter, der auf Einladung der Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt e.V. stattfand, empfinde ich Dankbarkeit und Zufriedenheit. Dankbarkeit für den Empfang, der Samstag am Hauptbahnhof begann durch die Vertreter der Willi-Bredel-Gesellschaft, die die Damen unserer Gesellschaft mit einer roten Rose überraschten und uns in unser Hotel begleiteten. Später am Abend wurde uns in unserem Hotel von unseren Gastgebern ein Dinner angeboten.

Zufriedenheit kam im Laufe der Woche, angefangen am Sonntag, wo wir beim Zwangsarbeiterlager ein Treffen mit einer großen Gruppe von Menschen aus der Umgebung von Fuhlsbüttel hatten. Sie waren gekommen, um unsere Geschichte anzuhören und Fragen zu stellen. Weiter war das zufriedene Gefühl dauernd vorhanden bei Besichtigungen verschiedener Orte, z.B. bei der Begegnung mit der Presse, die später über meine Geschichte berichtete.

Das Gespräch mit der Jugend im Gymnasium Alstertal mit den Fragen, war herzerwärmend. Und die Einladung zu einem Besuch beim „Ortsbürgermeister“, Herrn Schwarz, und die Informationen über die Anerkennung der Bemühungen der Willi-Bredel-Gesellschaft war für uns sehr interessant. Das alles hat uns beeindruckt, sodass wir überzeugt sind, dass jetzt in Hamburg, und wie wir hoffen in ganz Deutschland die Wahrheit über die „schwarze Blattseite“ in der deutschen Geschichte erkannt wird. Es gibt uns ein schönes Gefühl zu wissen, dass man jetzt weiß, was fehlgelaufen ist. Wir sollen in den Niederlanden berichten, dass man sich über das Geschehene bewusst ist und Rechenschaft ablegt, und aufpasst, dass sich so etwas nicht wiederholt, das gilt für jedes Land.

Mit Dank für die Zeit, die Sie sich genommen haben um dies zu lesen, in der Hoffnung, Ihre schöne Stadt in nicht allzu langer Zeit wieder besuchen zu können, unterschreibe ich

Mit freundlichen Grüßen

Theo Massuger

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„Der Besuch im Spiegel der Presse“

Zunächst erfuhren unsere Veranstaltungen (Stadtteilrundgang und Diskussionsabend) eine zusätzliche Werbung durch Artikel in den örtlichen Anzeigenblättern (Alstertalzeitung, Lokal-Anzeiger und Wochenblatt). Zum Teil wiesen diese Zeitungen auch auf die Forderungen unserer Geschichtswerkstatt nach finanzieller Unterstützung für die Einrichtung einer Dauerausstellung zum Thema „Zwangsarbeit in Hamburg“ hin.

Ein breites Echo fand unsere Pressekonferenz am 25. September 2000 in der Zwangsarbeiter-Baracke am Wilhelm-Raabe-Weg. Vertreten waren: Hamburger Abendblatt, „taz“, Langenhorner Wochenblatt und das Alstertalmagazin. In allen Zeitungen wurden die Berichte von Theo Massuger zitiert. Besonders ausführlich berichtete Heinz Biehl vom Langenhorner Wochenblatt (siehe Abdruck), der auch die Beiträge während der Diskussionsveranstaltung schilderte. Dieser Artikel erwähnt sogar, wie ein Fuhlsbütteler unsere Wissenslücke über die Gaststätte „Zum Flughafen“ [Alsterkrugchaussee/Ecke Hornkamp], in der die Zwangsarbeiter verkehrten, schloss.

Sehr „menschelnd“ ist der Artikel von ‘dva’ aus dem Hamburger Abendblatt. Etwas politischer berichteten die „taz“, das Alstertal-Magazin und die „junge Welt“, die Theo Massuger per Telefon interviewte. Sie alle erwähnten in unterschiedlicher Ausführlichkeit die Forderungen der WBG und unser Konzept für eine Ausstellung.

Jochen Kroll

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„Fuhlsbüttler Appell“

Über 500 Unterschriften für eine Zwangsarbeitergedenkstätte in Fuhlsbüttel

Entstanden ist die Idee beim Besuch der fünf Zwangsarbeiter aus den Niederlanden in Fuhlsbüttel:

Den Forderungen der Bredel-Gesellschaft nach Erhalt der Baracken des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers am Wilhelm-Raabe-Weg und dem Ausbau dieser stummen Zeitzeugen zu einer „sprechenden“ Gedenkstätte über das Thema Zwangsarbeit soll durch eine Unterschriftensammlung Nachdruck verliehen werden. Diejenigen, die an diesem Ort bzw. bei Röntgenmüller für die Rüstung schuften mussten, erklären sich spontan bereit, als erste zu unterzeichnen. Aktuelle Anlässe für den Appell sind die Gefährdung der Wasch- und Abortbaracke und des Splitterschutzgrabens durch die geplante S-Bahn-Baustelle und die Ablehnung einer Zwangsarbeiter-Gedenkstätte durch Bürgermeister Ortwin Runde.

In dieser bedrohlichen Situation wandten wir uns an unsere Mitglieder und Freunde mit der Bitte zu unterschreiben und selbst Unterschriften zu sammeln. Zahlreiche Mitglieder schickten uns oftmals mehrere ausgefüllte Unterschriftenlisten zurück. Besonders herzlich müssen wir uns in diesem Zusammenhang bei Antje Kosemund, Inge Grothe, Walter Timpe und Wolfgang Metzger bedanken! Innerhalb von zehn Wochen kamen über 500 Unterschriften zusammen. Besonders große Unterstützung erhielten wir aus der Gruppe der NS-Verfolgten und Widerstandskämpfer. So unterzeichneten u.a. den Appell:

Esther Bejarano, Häftling in Auschwitz und später Zwangsarbeiterin

Arnold Henke (SPD), Häftling im KZ Fuhlsbüttel

Richard Schönfeld (VVN), Häftling im KZ Fuhlsbüttel

Steffi Wittenberg (VVN), rassisch Verfolgte, Emigration in Uruguay

Eberhard Zamory (VVN), rassisch Verfolgter, Emigration in England

Zahlreiche Kinder von Hamburger Widerstandskämpfern und Verfolgten, die entweder der SPD oder der KPD angehörten, wie u.a. Liselotte Wellhausen, Gesa Schneider, Erna Mayer, Gundel Grünert, Helmut Stein, Ursula Suhling, Hilde Benthien, Ilse Jacob, Antje Kosemund und Hartwig Baumbach.

Der Betriebsrat der Nachfolgefirma von Röntgenmüller, Philips Medizin Systeme, Manufacturing and Development, unterzeichnete ebenfalls den Aufruf. Die holländischen Zwangsarbeiter und wir haben uns über diesen Akt der Solidarität mit den ehemaligen unfreiwilligen Kollegen sehr gefreut. Mit unserem Anliegen nach einer Gedenkstätte zum Thema Zwangsarbeit in Hamburg solidarisierten sich auch vierzehn Mitarbeiter der Gedenkstätte Neuengamme. Diese Unterschriften sind ein deutliches Zeichen gegen Ortwin Rundes Vorhaben, auf eine Gedenkstätte zum Thema Zwangsarbeit in Hamburg zu verzichten und in Neuengamme auch „ein bisschen“ an die Zwangsarbeiter zu erinnern. So soll jetzt die KZ-Gedenkstätte Neuengamme ein Zwangsarbeiter-Besuchsprogramm durchführen und wird für dieses begrüßenswerte Projekt mit jährlich mehreren Hunderttausend Mark ausgestattet. Warum gibt man dieses Geld nicht der Bredel-Gesellschaft, die gezeigt hat, dass sie auf rein ehrenamtlicher Basis ein eindrucksvolles Besuchsprogramm für die fünf Zwangsarbeiter von Röntgenmüller und ihre Ehefrauen organisieren konnte. Ist eine kritische Geschichtswerkstatt nicht „staatstragend“ genug?

Angenehm überrascht waren wir von der Unterstützung aus der SPD, Regenbogen und von der Alternativen Liste: So solidarisierte sich neben der Bundestagsabgeordneten Anke Hartnagel aus Hamburg-Nord auch der Bürgerschaftsabgeordnete Ralph Bornhöft, die Vorsitzende der Bezirksversammlung Nord, Renate Herzog, und der Bezirksabgeordnete Gunnar Eisold mit unseren Forderungen. Vom Regenbogen unterschrieben die Bürgerschaftsabgeordneten Heike Sudmann und Julia Koppke, die als erste Bürgerschaftsabgeordnete bereits im Frühjahr 1999 die Baracke besichtigte und uns ihre Hilfe anbot.

Allen Unterschriftensammlern und Unterzeichnern sei an dieser Stelle noch einmal aufrichtig gedankt. Wir werden die Unterschriften im nächsten Monat der Kultursenatorin Christina Weiss überreichen und hoffen, dass sie für unsere Argumente und das Anliegen der ehemaligen Zwangsarbeiter mehr als nur ein offenes Ohr hat.

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„Woche des Gedenkens 2001 in Hamburg-Nord“

Neben einer Feierstunde im Bezirksamt in Eppendorf gedachte man mit einer Reihe von Veranstaltungen im Bezirk Nord der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27.1.1945.

Wir von der Bredel-Gesellschaft hielten an jeweils einem Tag die Gedenkstätte KOLAFU und die Zwangsarbeiterbaracke am Wilhelm-Raabe-Weg für Interessierte geöffnet. Aus diesem Anlass organisierten wir auch eine Veranstaltung mit Kurt Hälker zum Thema „Bewegung Freies Deutschland und französische Résistance“ im Grünen Saal, die sehr gut besucht war.

Sehr gelungen war der „Große Gedenkabend in Fuhlsbüttel“ am 31.1.2001 in der Aula des Alstertal-Gymnasiums, den die Bezirksversammlung Hamburg-Nord und wir zusammen mit der Bücherstube Rubow und dem Kulturverein Backstube durchführten. Nach Begrüßung durch den Schulleiter Herrn Jäger, sowie einer kurzen und sehr eindringlichen Rede von Renate Herzog (SPD), Vorsitzende der Bezirksversammlung, spielten für die über 300 Anwesenden Esther Bejarano und die Gruppe Coincidence. Die Musiker begannen mit traurigen Liedern aus den Konzentrationslagern und schaffen einen Spannungsbogen bis hin zu einem optimistischen, kämpferischen Schluß. Die Kraft der 76jährigen Esther Bejarano, die die KZs Auschwitz und Ravensbrück überlebte, riss die jugendlichen Zuhörer von den Sitzen. Großartig!

Holger Tilicki

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„Ältestes Haus Fuhlsbüttels vom Abriss bedroht!“

Nachdem das letzte Strohdachhaus Fuhlsbüttels in der Hummelsbüttler Landstraße gegenüber dem Ortsamt bereits 1968 der Spitzhacke zum Opfer fiel, soll nun auch das bei weitem älteste Gebäude des alten Dorfes, der 1767 errichtete „Alsterkrug“, Alsterkrugchaussee 459, dem Abrissbagger und den Kapitalinteressen zum Opfer fallen. Dieses schöne Fachwerkhaus, das von Daniel Behn als Krug für Fuhrleute, die die alte Chaussee von Hamburg nach Kiel befuhren, errichtet wurde, verkörpert durch seine sehr unterschiedliche Nutzung wie kein anderes Gebäude die Geschichte des Dorfes und späteren Stadtteils Fuhlsbüttel.

Im 19. Jahrhundert wurde es nicht nur als Kutscherkrug, sondern auch als Bauernhof und zeitweilig sogar als Wohnsitz wohlhabender Hamburger im Grünen genutzt. Aus dem dörflichen „Gasthof Alsterberg“ wurde 1911 das Restaurant und Café „Zum Flugplatz“. An Flugtagen, die seit 1911 regelmäßig auf dem Flughafengelände stattfanden, und bei Rennen auf der nahe gelegenen Borsteler Rennbahn war der Kaffeegarten ein beliebtes Ausflugsziel. Nach dem Bau des Flughafengebäudes und der Errichtung des Aussichtsgartens verlagerte sich der Besucherstrom immer mehr in Richtung dieser Einrichtungen. Schließlich schloss das Restaurant und ein Getränkehandel nutzte das Gebäude.

Ende der dreißiger Jahre wurde der jüdische Getränkehändler aus dem Haus vertrieben und die Rüstungsindustrie in Gestalt der Firma Pump hielt Einzug. Ein namhafter englischer Historiker vermutet, dass es sich bei dieser Maßnahme um eine Arisierung handelte. Die Fabrik für flugtechnische Präzisionsmechanik betrieb auf dem Firmengelände ein Lager, in dem vierzig Zwangsarbeiterinnen lebten, die in diesem Betrieb auch arbeiten mussten. Ein Zwangsarbeiterlager, ca. 400 Meter entfernt, in dem sowjetische Zwangsarbeiterinnen und Holländer untergebracht waren, wurde im Juni 1943 durch Fliegerangriffe zerstört. Nach dem Krieg war Pump einer der wenigen kleineren Betriebe, die demontiert wurden, höchstwahrscheinlich wegen der Verstrickung in die Arisierung.

Die Firma überstand die Demontagemaßnahmen weitgehend unbeschadet und produzierte bis in die 90er Jahre im alten Brinksitz von Daniel Behn. Im neuen Bebauungsplan ist dieser stumme Zeuge der Fuhlsbüttler Geschichte nicht mehr existent. Ältere Pläne sahen vor, dass er bereits der Osttangente weichen sollte. Das Denkmalschutzamt hatte diese Pläne bereits abgesegnet. Zu einem ganz anderen Urteil kam bereits 1964 der renommierte Fuhlsbüttel-Historiker Armin Clasen: „Dieses Haus ist so feinsinnig umgebaut worden, dass es die Würde bäuerlicher Baukunst mit den Erfordernissen modernen Fabrikbaus auf das Schönste vereint.“

Diesem Urteil ist aus unserer Sicht voll und ganz zuzustimmen. Das Denkmalschutzamt hat sich mit seiner Absegnung des Abrisses der historischen Gefängnis-Beamtenhäuser am Maienweg und in noch viel stärkeren Maße mit der Zustimmung zur Zerstörung des alten Flughafengebäudes in Fuhlsbüttel schon genug Fehlurteile geleistet.

Verhindern wir, dass dieser steinerne Zeuge der Geschichte unseres Stadtteils kurzfristigen Spekulationsinteressen zum Opfer fällt. Nicht umsonst ließ Daniel Behn in den Sturzbalken der alten Grotdör den Spruch „Gott erhalte dieses Gebäude, denn die Welt ist ganz und gar nicht gut. Was kann uns denn nun Abgunst nützen, der liebe Gott wird uns doch wohl beschützen“ eingravieren.

Wir Fuhlsbüttler sollten dem lieben Gott dabei helfen. Dieser letzte Zeuge dörflicher Vergangenheit ist es wert!

Hans-Kai Möller

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„Ein Nachruf auf Otto Gröllmann“

Otje, hol di stiff!

Am 12. Juli 2000 starb in Berlin zwei Wochen vor seinem 98. Geburtstag Willi Bredels Jugendfreund, der Grafiker und Bühnenbildner Otto Gröllmann. Otje, wie er auf Platt genannt wurde, war unser ältestes Mitglied.

In Hamburg geboren ließ er sich 1917 bis 1920 am Hamburger Schauspielhaus als Theatermaler ausbilden und arbeitete dann am Operettenhaus und am Altonaer Stadttheater als Bühnenbildner. Seit 1922 Mitglied der KPD war er am 23. und 24. Oktober 1923 in Schiffbeck Teilnehmer am Hamburger Aufstand, worüber er viele Zeichnungen aus eigenem Erleben anfertigte.

70 Jahre später war er Gast der Willi-Bredel-Gesellschaft und berichtete im Kommunalen Saal in Ohlsdorf zusammen mit anderen Zeitzeugen über „Hamburg auf den Barrikaden“. Im damals noch preußischen Vorort Schiffbeck wurden zwei Polizeiwachen erobert und sogar der Magistrat abgesetzt. Ein provisorischer Vollzugsausschuss übernahm die Macht. Als trotz tatkräftiger Unterstützung aus der Arbeiterbevölkerung deutlich wurde, dass der Aufstand nur auf Teile Hamburgs und seiner Randgebiete beschränkt blieb und nicht das erhoffte Signal für eine Erhebung im ganzen Deutschen Reich war, brach die Leitung bereits am zweiten Tag die Kämpfe ab und leitete den Rückzug ein.

Otto Gröllmann, auch Schriftführer der Hamburger Sektion der „Assoziation revolutionärer bildender Künstler“ (ASSO), engagierte sich bei der Agitprop-Gruppe des Arbeitertheaterbundes „Die Nieter“, deren Dekoration und Kostüme er mitgestaltete. Außerdem zeichnete er viele Flugblätter und Transparente der KPD, sowie Titelbilder für „Hamburger Volkszeitung“ (HVZ). Er illustrierte in dieser Zeit Willi Bredels erste Buchveröffentlichung „Marat der Volksfreund“. Beide kannten sich schon aus der „Freien proletarischen Jugend“, einer parteiunabhängigen linken Jugendorganisation.

Bredels Einfluß, sowie eine Begegnung mit dem damaligen USPD-Referenten Ernst Thälmann, brachten ihn auf den linken Weg.

Otto gehörte zu den engagierten jungen Leuten, die auf die Widersprüche des krisengeschüttelten Kapitalismus aufmerksam machten, vor dem aufkommenden Faschismus warnten und von der Idee einer trotz allem bald zu verwirklichenden besseren Gesellschaftsordnung begeistert waren. Dann kehrte sich 1933 alles in sein Gegenteil, als Deutschland den Weg in die Barbarei antrat.

Zu Beginn der Herrschaft des Nationalsozialismus hielt Otto Gröllmann Verbindung zur illegalen KPD durch einige Genossen, die er noch aus der Zeit bei den „Nietern“ kannte. Man verschickte Flugschriften zur Verteilung per Post mit fingierten Absendern und verteilte diese in Hausbriefkästen und öffentlichen Toiletten. Nach Willi Bredels „Schutzhaft“ in Fuhlsbüttel und seiner Flucht nach Prag 1934 hatte Otto die Aufgabe, Bredels Familie auf ihre Flucht via Kopenhagen nach Moskau vorzubereiten.

Die illegale Arbeit wurde immer schwieriger und bedrohte jüdische Genossen mußten außer Landes in Sicherheit gebracht werden. Er selbst wurde Ende 1933 verhaftet, kam erst ins Kolafu (Konzentrationslager Fuhlsbüttel) und im Februar 1934 ins Hamburger Untersuchungsgefängnis. „Gröllmann und Genossen“ wurden wegen Verbindung zur KPD angeklagt und er wurde zu 17 Monaten Gefängnis verurteilt, die er in Wolfenbüttel verbrachte. Zum Glück wurde er nicht wie so viele am Ende der Haftzeit vom Gefängnis ins KZ überführt, sondern nach Hamburg entlassen, wo er wieder aushilfsweise am Theater, aber auch als Maler auf dem Bau arbeiten konnte.

Bald hatte er wieder Kontakt zu den Genossen Adolf Wriggers, Addi Matschke und Robert Abshagen. Otto Gröllmann schrieb darüber wie folgt: „1938 gelang es einigen Kollegen und der Leitung des Thalia Theaters Hamburg, durch lange Verhandlung, mich als Atelierleiter und Bühnenbildner einzustellen. Durch Robert Abshagen bekam ich einige Male illegales Material. Moskauer und Londoner Sender wurden abgehört. Wo sich Gelegenheit bot, wurden mit Schulkreide und Farbe Anti-Nazi-Parolen angebracht. Im Sommer 1940 traf ich Franz Jacob. (…) Franz gewann mich für die Mitarbeit in der Widerstandsgruppe Bästlein-Jacob-Abshagen.“

Im Atelier des Malers Paul Saban im Haus „Tuskulum“, einem Nachtlokal, wurden Flugblätter auf einem Abziehapparat hergestellt, die dann von anderen Genossen verteilt wurden. Das Archiv der Widerstandsgruppe wurde von Otto Gröllmann im Thalia-Theater untergebracht, um die Privatwohnungen der Mitglieder zu schützen. Man hatte Verbindungen zu anderen Gruppen, zu französischen, polnischen und sowjetischen Kriegsgefangenen.

Im Zusammenhang mit der Verhaftung von Fallschirmspringern, die illegales Material ins Deutsche Reich einschleusen sollten, wurde auch Otto Gröllmann wieder verhaftet, kam ins Stadthaus und nach Fuhlsbüttel ins Kolafu. Nach Einzelhaft in Ketten und Verhören unter Folter durch die SS, sowie späterer Haft in einem Gemeinschaftssaal kam er mit vielen anderen Gefangenen im März 1943 ins Hamburger Untersuchungsgefängnis.

Dort erlebte er die Luftangriffe auf Hamburg im Juli 1943: „Was wir vom Fenster aus sahen, war grauenvoll. Brand, Rauch, Pferde und Rinder vom nahegelegenen Schlachthof rasten durch die Straßen. (…) Am zweiten Angriffsabend wurde(n) (einige) Station(en) geräumt. Abends Alarm. Wir mußten im U.G.-Keller mit Wachtmeistern, Staatsanwälten und ich weiß nicht was noch für Beamten, unseren Rundgang machen. (…) Die ersten Gerüchte: Es sind Entlassungen vorgenommen worden! – fast nicht glaubhaft. Schließlich waren wir alle Todeskandidaten.“ Otto berichtete weiter, dass zwar sein Prozeß kurz bevorstand, jedoch, da die Stadt in Schutt und Asche lag, die Ernährungslage katastrophal war und die Hamburger Gestapo und Naziverwaltung teilweise die Stadt verlassen hatte, man nicht mehr voll Herr der Lage war.

Am 4. August 1943 wurden er und ca. 2000 andere Hamburger U.G.-Gefangene, darunter fast alle Mitglieder der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe, entlassen. Sie wurden beurlaubt mit Urlaubsschein, Lebensmittelkarten und Bombengeschädigtenausweis, aber ohne Unterkunft. Ende August hatte die Gestapo wieder ihre Verwirrung überwunden, leitete ein Strafverfahren gegen den Hauptinitiator der Entlassungen, Generalsstaatsanwalt Drescher, ein und versuchte, allen entlassenen Gefangenen wieder habhaft zu werden.

Otto Gröllmann versuchte erst nach Schweden, dann – mittels bayerischer Freunde – in die Schweiz zu entkommen. Beides klappte nicht und er entschied sich im Dezember 1943 zurück nach Hamburg zu gehen. Bis 1945 lebte er sehr gehetzt, teils im Wald, teils in einer Jugendherberge bei Hamburg, teils bei Genossen und er arbeitete wieder mit seiner Widerstandsgruppe. Noch im April 1945 gaben sie ihr letztes Flugblatt heraus.

Über eines seiner ersten Erlebnisse nach der Befreiung berichtete er: „Nach dem 3. Mai gingen wir in das Hauptquartier der Engländer. Wir erhielten einen Ausweis, mit dem wir uns auch nach der abendlichen Ausgangssperre auf der Straße bewegen konnten. Einige Tage später wurden wir nochmals von den Engländern ins Rathaus eingeladen. Jetzt saßen dort Toryoffiziere, nicht mehr die ersten Frontoffiziere. Als wir fortgingen, hörte Addi Matschke, der gut englisch sprach, wie einer der Offiziere sagte: „That’s our next opponent.“ (Das ist unser nächster Gegner).“

Otto nahm 1945 seine Arbeit als Bühnenbildner am Thalia-Theater wieder auf, wurde dann aber von Willi Bredel in die damalige SBZ geholt, wo er ab 1948 in Schwerin und ab 1954 in Dresden als Bühnenbildner arbeitete. Hier konnte er nach den grausamen Jahren unter den Nazis an seine Begeisterung, für eine bessere Welt zu arbeiten, anknüpfen und die DDR aufbauen helfen

Am Staatsschauspiel Dresden hatte er bis zur Spielzeit 1968/69 als Ausstattungsleiter für Oper und Schauspiel für über 50 Stücke Bühnenbilder und Kostüme entworfen. So auch für Lion Feuchtwangers und Bert Brechts „Gesichte der Simone Machard“, wo seine dreizehnjährig Tochter Jenny die Titelrolle spielte.

Er hat sich auch in der DDR immer wieder eingemischt, sei es 1956 für eine „produktive Kritik an der eigenen Partei“, sei es in seiner Kompetenz als Künstler gegen das dogmatische Pochen auf den sozialistischen Realismus, als z.B. „Picasso zum Formalisten erklärt wurde.“. 1990 schimpfte er in der „Berliner Zeitung“ auf die „Betonköpfe und die Stagnation“ in der DDR. Er habe 1989 wieder selbst Flugblätter „gegen Mittags Wirtschaftspolitik und den traurigen Verfall der FDJ“ geschrieben und sie in seiner Wohngegend an der Jannowitzbrücke in Berlin geklebt.

Zum dritten mal erfasste ihn aber 1989 auf seine alten Tage wieder etwas von der begeisternden Aufbruchstimmung, einen wirklich demokratischen Sozialismus zu schaffen. Auf der großen von Berliner Kulturschaffenden ausgerichteten Demonstration am 4. November 1989 mit Abschlusskundgebung auf dem Alexanderplatz sagte er noch: „Jetzt geht’s los!“, aber die Machtverhältnisse waren andere. Der Westen hatte den Osten auf kaltem Wege sturmreif geschossen und konnte sich in diesen Zeiten der Richtungssuche eine „Wiedervereinigung“ nicht entgehen lassen. Eine große Enttäuschung – nicht nur für Otto Gröllmann.

Otje wäre aber nicht Otje, wenn er sich von den Widrigkeiten des Lebens und der Geschichte so ganz unterkriegen lassen würde. Als er im April 1988 in Hamburg im Thalia Theater über den Widerstand seiner Gruppe gegen den Faschismus berichten konnte (bei der Gelegenheit wurde eine Gedenktafel am Gebäude enthüllt), sagte er dem „Hamburger Abendblatt“: „Naja, es war ja nicht nur Kampf, wir haben auch geliebt, so ist das nicht.“

In diesem Sinne rufen wir Bredels dir nach: Otje, hol di stiff!

Holger Tilicki

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„Flughafen: Freie Fahrt contra Wohnqualität“

Nicht unwichtig innerhalb der jüngsten Stadtteilgeschichte war der Widerstand gegen die Ost-Tangente. Ein Teil davon, die Ortsumgehung Fuhlsbüttel, ist letzten Sommer von einem strahlenden und stolzen Bausenator Eugen Wagner eröffnet worden. Niemand spricht mehr vom Widerstand in den 1980er Jahren. Damals wurden die Zerstörung des Jugendparks und der allgemeine Trend thematisiert, Pläne aus den 1960er Jahren Realität werden zu lassen, um noch mehr Autoverkehr in unseren Stadtteil zu ziehen.

Zu dieser Zeit gab es von der Fahrgast-Initiative einen alternativen Plan, eine S-Bahn-Strecke von Ohlsdorf auf der Ochsenzoller Güterbahn zwischen den Bahnhöfen Fuhlsbüttel und Flughafenstraße (jetzt Fuhlsbüttel-Nord) westlich in einen kurzen Tunnel unter der Langenhorner Chaussee durch zum Flughafen zu führen. Auch die Geleise der Güterbahn von Stellingen zur Luftwerft für einen direkten Fernbahnanschluss zu nutzen, wurde vorgeschlagen. Einige Jahre später war der Airport auch in das Stadtbahn-Konzept des VCD (Verkehrsclub Deutschland) von 1991 mit eingebunden.

Unsere konservativen Stadtplaner – die SPD Fuhlsbüttel war dagegen, die SPD im Rathaus dafür – hatten für ÖPNV-Alternativen aber letztendlich kein Gehör, sondern bescherten uns das heutige Straßen-, Brücken- und Tunnelgewirr mit überfüllten und teuren Parkhäusern am Airport Hamburg.

Da eine Bahnanbindung trotzdem notwendig wurde, wird nun Fuhlsbüttel 5 Jahre lang für mindestens 370 Mio DEM untertunnelt. Das hätte man alles schon früher und viel billiger haben können, aber leider steht mittlerweile auf der ehemaligen Wiese am U-Bahndamm parallel zur Langenhorner Chaussee ein neues Gewerbegebiet. Dort mag man keinen Tunnel mehr graben. Aber unsere Stadtplaner finden es nicht so schlimm, wenn ein ruhiges, gewachsenes Wohngebiet und die letzte Zwangsarbeiterbaracke Norddeutschlands unter dem S-Bahn-Bau leidet.

Schon jammert die CDU über den Engpass in der Sengelmannstraße Richtung Süd-Osten. Erinnern wir uns noch an das abendliche Osttangenten-Grillfest des „Forums gegen die Osttangente“ unter der Jahnbrücke am 10. Juli 1985, wo man die schon in den 60er Jahren gebauten Unterführungen in der City Nord für eine Weiterführung bis zum Horner Kreisel sehen konnte? Schon damals war die heutige Situation vorauszusehen. Der Kleingartenverein „Heimat“ müßte hier der Straße weichen.

Weichen würde auch die Wiese vor der Schule Sengelmannstraße, wo die Bushaltestelle liegt. Am 3. September 1988 enthüllte dort der Kabarettist Hans Scheibner ein goldenes Kalb in Form eines VW-Käfer: Unseren Auto-Gott. Damals spielten auch die „BOTS“ aus Holland ihren sozialkritischen Rock gegen die Osttangente.

Diese breiten, grünen Schneisen einiger der den Alsterkanal kreuzenden Straßen hat sich der Stadtplaner Fritz Schumacher in den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts ganz anders gedacht, als seine Nachfolger in den 1960er Jahren und danach: Keine potentiellen Stadtautobahnen, sondern parkartige Kommunikationsräume sollten geschaffen werden.

Der Teufelskreis wurde schon vor 20 Jahren unter dem Stichwort „Unwirtlichkeit der Städte“ erkannt. Also: Da unsere Stadt immer weniger gewachsene und menschliche Kommunikationsräume mehr bietet, müssen wir noch mehr davon zerstören, damit wir schnell zum Flughafen kommen, damit wir dann auf dem malerischen Marktplatz einer südlichen Kleinstadt diese verlogengegangene Qualität wiederzufinden hoffen.

Bald sieht es dort aber genauso aus wie hier.

Holger Tilicki

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„Frisch renoviert: Der Grüne Saal“

Im Sommer 2000 wurde der Verein „Grüner Saal e.V.“ gegründet, dessen Aufgabe es ist, den kommunalen Saal am Grünen Grunde 1d zu vermieten. Diese Neugründung war notwendig, um die Mietverhältnisse der im alten Eingangsgebäude des Sommerbades Ohlsdorf ansässigen Vereine (Hamburger Schwimmclub, Mook Wat, Allgemeiner Deutscher Fahrradclub ADFC und Willi-Bredel-Gesellschaft) nicht zu gefährden.

Vor beinahe 10 Jahren war es politisch gewollt, im Stadtteil eine Möglichkeit zu schaffen, Vereinen und deren Veranstaltungen kostengünstige und zentrale Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Letztes Jahr war diese Konstellation durch Mieterhöhungen bedroht und eine Kommerzialisierung (z.B. Eisdiele) hätte so traditionelle Veranstaltungen wie die Fuhlsbütteler Filmtage oder die regelmäßigen Treffen des Bürgervereins unmöglich gemacht.

Daher gründete sich aus Mitgliedern der o.g. dort ansässigen Vereine, aber auch des Bürgervereins Fuhlsbüttel – Hummelsbüttel – Klein Borstel – Ohlsdorf von 1897 e.V. und der Öffentlichen Bücherhalle Fuhlsbüttel, dieser Saalverein, der nun genau wie die anderen Vereine gegenüber dem Förderverein als Untermieter auftritt. Obwohl die Mieterhöhung glücklicherweise nicht eingetreten ist, hat der „Grüne Saal“ zum 1. Januar die Vermietung des kommunalen Veranstaltungsraumes übernommen.

Ein langfristiges Gelingen dieser Konstellation ist aber nur möglich, wenn der Saal auch entsprechend genutzt wird. Neben den regelmäßigen Nutzern, den Gruppen und Vereinen des Stadtteils, gab es immer schon für die Fuhlsbütteler und die Bürger der umliegenden Stadtteile die Möglichkeit, den Saal für private Feiern zu mieten. Diese Einnahmequelle soll auch in Zukunft dazu dienen, dieses Zentrum für lebendige Stadtteilkultur im Alstertal zu erhalten.

Liebe Mitglieder und Freunde: Ihr seid daher hiermit ganz besonders aufgerufen, den Saal in Eurer Nähe für Eure Feste und Veranstaltungen zu nutzen. Damit tragt Ihr auch dazu bei, Eurer Willi-Bredel-Gesellschaft einen attraktiven Veranstaltungsort und Treffpunkt zu erhalten.

Bei Interesse wendet Euch bitte an den „Grünen Saal“ Tel. 59 07 16, Bürozeit 15–18:30 Uhr.

ho

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„Bertini-Preis für Zwölf Apostel“

Im letzten Rundbrief gaben wir dem Sozialpädagogen der Kirchengemeinde „Zu den zwölf Aposteln“, Gerhard Rumrich, die Möglichkeit über seine Arbeit mit Jugendlichen zu berichten. Er führt seit einigen Jahren immer in den Herbstferien Reisen nach Wien durch. Dort restaurieren die jungen Leute aus Hamburg auf dem jüdischen Friedhof Grabsteine zum Gedenken an die während der Nazizeit getöteten Juden Europas. Seine Jugendlichen sind zum größten Teil Kinder von Zuwanderern aus Polen, der Türkei und Afghanistan. Es ist ein Stück Integrationsarbeit.

Am 29. Januar 2001 wurde ihnen im Kaisersaal des Hamburger Rathauses in Anwesenheit des Ersten Bürgermeisters Ortwin Runde, der Schulsenatorin Ute Pape, des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse und des Schriftstellers Ralph Giordano, der „Bertini-Preis 2000“ der Freien- und Hansestadt Hamburg überreicht. Sie teilen sich diesen Preis mit weiteren Projekten, in denen Hamburger Schüler gegen Fremdenfeindlichkeit und für Zivilcourage eingetreten sind.

Auch dieses Jahr soll wieder eine Fahrt durchgeführt werden, für die das Preisgeld von 2.500 DM verwendet wird. Trotz dieser Finanzspritze ist das Projekt nicht auf Rosen gebettet: Im letzten Jahr wurden die Räume der Gruppe durch ein Feuer zerstört – Brandstiftung.

ho

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„Kapitän Gustav Schröder“

Er rettete 907 jüdische Emigranten:

In Hamburg-Langenhorn gibt es abseits der großen Chausseen eine kleine Wohnstraße, die den Namen eines Mannes trägt, der als zurückhaltend und bescheiden galt, sich aber in den Stunden schwierigster Entscheidungen seine Menschlichkeit bewahrt hat. Die Straße trägt den Namen Kapitän-Schröder-Weg.

Im Frühjahr 1939 erhielt Kapitän Gustav Schröder, Jahrgang 1885, den Auftrag, das HAPAG-Kreuzfahrtschiff St. Louis mit mehr als 900 jüdischen Flüchtlingen an Bord nach Kuba zu bringen. Die Passagiere besaßen ordentliche Einreisepapiere für die Insel. Doch als das Schiff dann in Kuba landete, verweigerte die kubanische Regierung den Emigranten plötzlich die Einreise. Schröder musste mit der St. Louis abdrehen. Nun steuerte er mit den angsterfüllten Menschen, für die er Verantwortung übernommen hatte, die Küste von Florida an. Doch auch die USA lehnten die Aufnahme der Flüchtlinge ab. Schröder entschloss sich daraufhin kurzerhand, seine Passagiere auf einem abgelegenen Küstenstreifen Floridas auszusetzen. Als die Flüchtlinge von Bord gehen wollten, tauchten amerikanische Küstenwachtboote und Flugzeuge auf und vereitelten den Plan.

Schröder telegrafierte nach New York und anderen Häfen. Doch was er auch unternahm, alle seine Bemühungen blieben erfolglos. Die Lage an Bord begann sich dramatisch zuzuspitzen. Selbstmorde unter den Passagieren waren keine Seltenheit. Andere versuchten, durch Sabotageakte einer Rückkehr nach Deutschland vorzubeugen. Proviant, Wasser und Motoröl gingen zur Neige. Die Mannschaft hingegen zeigte immer weniger Verständnis für die „lästige Fracht“. Schröder musste in dieser Lage eiserne Nerven bewahren. Jeden Tag fieberte er einem Telegramm entgegen, das den erlösenden Zielhafen mitteilen würde.

Endlich erreichte die HAPAG-Direktion nach Verhandlungen mit mehreren Staaten, dass die St. Louis Antwerpen anlaufen dürfe. Schröder lenkte sein Schiff in den belgischen Hafen. Erst als sich Frankreich, die Niederlande und Großbritannien bereit erklärt hatten, die 907 jüdischen Menschen aufzunehmen, durften diese am 17. Juni 1939 das Schiff im Hafen von Antwerpen verlassen. Die Irrfahrt von Schröders Schützlingen hatte vorerst ein Ende. Später jedoch wurden viele von ihnen noch Opfer der faschistischen Judendeportationen in Frankreich, in den Niederlanden und Belgien.

Auf der Grundlage dieser Geschehnisse schrieb der holländische Schriftsteller Jan de Hartog im Exil das Theaterstück „Schipper naast God“. Held dieses Stücks ist ein niederländischer Kapitän, dem ein Flüchtlingsschiff anvertraut ist. Vor der US-amerikanischen Küste versenkt er es, um die US-Behörden zu zwingen, seine Passagiere aufzunehmen. In den Niederlanden hatte das Stück de Hartogs Erfolg, – ebenso wie spätere Inszenierungen in New York (!) und Paris. Rolf Itaaliander bearbeitete das Stück für westdeutsche Bühnen. Unter dem Titel „Schiff ohne Hafen“ wurde seine Fassung am 14. September 1949 am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt. Danach erhielten die Intendanz und Itaaliander antisemitische Drohbriefe; nach 14 Aufführungen wurde das Stück wieder abgesetzt.

Sechs Jahre später ließ Ida Ehre an den Hamburger Kammerspielen de Hartogs Werk erneut in Szene setzen. Die Regie führte Hanns Fahrenburg. Vier Wochen lang wurde die deutsche Fassung mit Erfolg gespielt. In diesen Jahren zeigten auch Filmgesellschaften Interesse an dem Stoff. Und so wurde das Stück mehrfach verfilmt, u.a. 1950 in Frankreich unter dem Titel „Maitre après Dieu“ (dt. Titel: Schiff in Gottes Hand).

Das Schiff selbst, die St. Louis, war 1944 teilweise in Brand geschossen worden, diente ab 1945 aber noch als Hotelschiff, bevor es 1950 verschrottet wurde. Und der Kapitän? Alle Verlage, denen er nach 1945 seinen Bericht von der Odyssee der St. Louis geschickt hatte, lehnten den Druck ab; er musste das Werk, „Heimatlos auf hoher See“, schließlich auf eigene Kosten herausbringen. Kapitän Schröder war schnell vergessen. 1959 starb der bescheidene, leise Mann. Erst 1990 erhielt eine Straße seinen Namen, – eine kleine, etwas abseits von den großen Verkehrsadern liegende Straße, zurückgezogen und ruhig wie es Gustav Schröder selbst war.

René Senenko

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„Fuhlsbüttler Filmtage 2000:“

Zwei Seghers-Verfilmungen

Der 100. Geburtstag von Anna Seghers war für die Bredel-Gesellschaft Anlass, auch in Hamburg an diese bedeutende Schriftstellerin zu erinnern. Da viele ihrer Romane und Erzählungen verfilmt worden sind, entschieden wir uns für eine frühe und eine „späte“ Verfilmung: Erwin Piscators Dramatisierung von „Der Aufstand der Fischer von Santa Barbara“ (1932–34) und Joachim Kunerts Zweiteiler „Die große Reise der Agathe Schweigert“ (1980). Zwei Literaturverfilmungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Erwin Piscators wirre Dramaturgie machte es auch dem vorinformierten Besucher nicht leicht, die Handlungszusammenhänge zu erkennen. Auch das Gemisch aus Ton und deutschen, dänischen und englischen Untertiteln half nicht immer, die Handlung besser zu verstehen. Die hervorragende Einführung und Nachbetrachtung des Filmhistorikers Thomas Tode verdeutlichte die außerordentlich komplizierte Entstehungsgeschichte dieses Streifens, dessen Produktion immer wieder durch technische Probleme, Streitereien und Piscators Unerfahrenheit mit dem Medium Film gefährdet war.

Nach einigen Gedanken über Unterschiede und Übereinstimmungen in den Biografien von Anna Seghers und Willi Bredel und einer kurzen Einführung in die literarische Vorlage von Hans-Kai Möller lief am zweiten Filmabend eine Produktion des DDR-Fernsehens. Joachim Kunert, der schon zuvor bei anderen „Seghers-Streifen“ Regie geführt hat, setzte die Vorlage sensibel und behutsam in eindrucksvolle Bilder um. Über 90 Zuschauer erfreuten sich an zwei ungewöhnlichen, sehenswerten Filmen, die sich mit den in heutigen Filmen meist ausgeblendeten Themen Unterdrückung und Widerstand auf sehr gegensätzliche Weise auseinander setzen.

Hans-Kai Möller

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„Bredel auf die Ohren“

Es ist eine Tatsache, dass Blinde oft mehr lesen als Sehende, weil sich ihnen die Welt viel mehr über die Sprache erschließt“, heißt es auf der Homepage der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) zu Leipzig: www.dzb.de. Dass Blinde besser hören, ist ohnehin bekannt. Und so beherbergt die 1896 gegründete und seit 1945 nur von blinden Direktoren geleitete Einrichtung neben den Punktschriftbüchern inzwischen auch 6.600 Hörbücher auf 120.000 Kassetten. Das 1956 eingerichtete, hauseigene Tonstudio hat zusammen mit Schauspielern und Rundfunksprechern Tonbänder der Weltliteratur geschaffen, die in Form von Kassetten an Inhaber von Blinden- und Sehbehindertenausweisen ausgeliehen werden – und das neunzigtausendmal im Jahr. Die DZB ist erreichbar unter der Anschrift Gustav-Adolf-Str. 7, 04105 Leipzig, Tel (0341) 71130, Fax (0341) 7113125, email: info@dzb.de. Folgende Hörerlebnisse nach Bredel-Büchern stehen in Leipzig bereit:

Verwandte und Bekannte – Romantrilogie
Bd. 1: Die Väter; 12 Kass.
Bd. 2: Die Söhne; 10 Kass.
Bd. 3: Die Enkel; 16 Kass.
Sprecherin: Irmgard Lehmann

Die Vitalienbrüder – Ein Störtebeker-Roman
5 Kass., Sprecherin: Käte Koch

Petra Harms – Kurzgeschichten
1 Kass., Sprecherin: Marlies Reusche

Das Vermächtnis des Frontsoldaten – Novelle
2 Kass., Sprecher: Günter Bormann

Ein neues Kapitel – Romantrilogie
Bd. 1, 13 Kass.
Bd. 2, 6 Kass.
Bd. 3, 6 Kass.
Sprecher: Hans Lanzke

Das Gastmahl im Dattelgarten – Erzählzyklus
5 Kass., Sprecher: Max Bernhardt

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