Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Rundbrief 2000

Inhalt

zum Seitenanfang

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

In diesem Rundbrief steht nun ebenfalls wie bei seinem Vorgänger das Thema Zwangsarbeit im Mittelpunkt. Einen weiteren Schwerpunkt des Heftes bilden Artikel, die sich mit Willi Bredel und seinem Werk beschäftigen. Auch die Regionalgeschichte kommt in dieser Ausgabe nicht zu kurz: Wir stellen zwei Biografien, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, vor: Unsere Gastautorin Lise Köster berichtet über das Schicksal der Hamburger Antifaschisten Else und Willi Wahls während der Nazizeit. Holger Tilicki setzt sich kritisch mit der Autobiografie des Hamburger Nazibischofs Franz Tügel auseinander.

Einen Höhepunkt unseres Vereinslebens bildete die Einweihung der neuen Räume am 13.11.1999. Nachdem der Landesseniorenbeirat sein Büro in die Averhoffstraße verlegt hatte, konnten wir endlich die benachbarten 46 qm hinzumieten. Für die Sitzungen des Vorstandes und der Arbeitsgruppen steht jetzt ein Sitzungsraum mit ca. zwölf Plätzen zur Verfügung. Die Wände dieses Raumes wurden von der Foto-Archivgruppe mit historischen Fotos aus Fuhlsbüttel sowie Aufnahmen von Aktivitäten der Hamburger Arbeiter- und Friedensbewegung liebevoll dekoriert. Erheblich erweitert werden konnte unsere in letzter Zeit durch zahlreiche Schenkungen stark angewachsene Bibliothek. Wer jetzt die Bredel-Gesellschaft besucht, gelangt erst einmal in einen Lese-und Antiquariatsraum, wo man in aller Ruhe in dem umfangreichen Antiquariat, dessen Schwerpunkte die Werke Bredels und Literatur über Widerstand und Arbeiterbewegung bilden, stöbern kann. In einer gemütlichen Sitzecke hat man dann Muße, sich die Bücher etwas genauer anzuschauen. Zurück zum Einweihungsfest: Den Höhepunkt bildete die Bredel-Revue „Vorwärts und nicht(s) vergessen“, über die Klaus Struck berichtet.

Zur Erinnerung an das gut besuchte, gelungene Einweihungsfest haben wir in alter „Bravo“-Tradition eine herausnehmbare DIN A 4-Seite gestaltet. Dem Wunsch einiger ungenannter Bredel-Fans nach einem Starschnitt von Willi Bredel konnten wir leider aus Kostengründen nicht nachkommen. Ein kleiner Trost für alle, die nicht dabei waren, unser Mitglied und Multimedia-Spezi Thomas Mayer hat die von den bekannten Hamburger Schauspielern Donata Höffer und Peter Francke eindrucksvoll gestaltete Bredel-Revue auf CD festgehalten. Diese Scheibe ist in unserem Büro käuflich zu erwerben, wird aber auch von uns gern verschickt.

Nachdem wir im letzten Rundbrief eine Rezension der von uns herausgegebenen Bredel-Biografie von Rolf Richter veröffentlichten, können wir diesmal Brigitte Nestlers mehr als 700 Seiten umfassende Bredel-Bibliografie vorstellen. Die Autorin hat mit diesem Standardwerk ein unentbehrliches Hilfsmittel für die Bredel-Forschung verfasst.Wir hoffen, dass diese Veröffentlichung mit dazu beiträgt, dass sich wieder mehr Literaturwissenschaftler und Studierende mit dem Werk Bredels und seiner Wirkungsgeschichte beschäftigen. Der Beitrag „Kleine Anzeige – große Wirkung“ verdeutlicht welch tiefe Spuren Willi Bredel und seine Literatur im Bewusstsein vieler Leser in der ehemaligen DDR hinterlassen hat. An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal herzlich für die eindrucksvollen Erinnerungsberichte, die wertvollen Buchspenden, die großzügigen Geldspenden und die anerkennenden Worte für unsere Arbeit bedanken!

Erfreuliches gibt es aus Hamburgs Norden zu berichten: Ein von allen Fraktionen der Bezirksversammlung Hamburg-Nord, also von der CDU- bis zur Regenbogen-Fraktion getragener Beschluss, am Auschwitz-Gedenktag 27.Januar überall im Bezirk an die grauenvollen Ereignisse der Nazidiktatur zu erinnern, wurde von einer Arbeitsgruppe, der neben Vertretern aller Parteien auch das Auschwitz-Komitee, die VVN-BdA, die „Gedenkstätte Ernst Thälmann“ und unsere Geschichtswerkstatt angehörten, mit Leben erfüllt. Gerade angesichts der verhängnisvollen Entwicklung in Österreich halten wir es für ein wichtiges politisches Signal, dass dieses Veranstaltungsprogramm von einem so breiten politischen Spektrum durchgeführt wurde. Die Bredel-Gesellschaft bestritt mit vier Angeboten innerhalb der Gedenkwoche von allen Beteiligten die meisten Veranstaltungen und erreichte damit knapp 150 Menschen. Als besonderer Anziehungspunkt erwies sich dabei die KZ-Gedenkstätte Fuhlsbüttel, die an diesem Tag sieben Stunden lang geöffnet war. Die erfreuliche Resonanz auf dieses Angebot deckt sich mit unseren Erfahrungen zu den verlängerten Öffnungszeiten am Sonntag. Durch die zusätzliche Öffnung von 12 bis 17 Uhr und die Durchführung von attraktiven Veranstaltungen mit Zeitzeugen ist es uns seit Herbst 1999 in Kooperation mit der VVN gelungen, die Besucherzahlen der Gedenkstätte erheblich zu steigern. Erstmals war im Rahmen des Auschwitz-Gedenktages auch die Zwangsarbeiterbaracke ganztägig für Besucher geöffnet. Die zumeist sehr interessierten Besucher äußerten ihr Unverständnis darüber, dass in einer Zeit, wo überall in den Medien über das Schicksal dieser ausgenutzten und oftmals misshandelten Menschen berichtet wird, nicht endlich an diesem Ort eine zentrale Dauerausstellung von der Stadt Hamburg eingerichtet wird. Vom Senat hört man zwar in der Zwangsarbeiterfrage wohlgesetzte Worte, geht es aber um berechtigte finanzielle Forderungen, wie im Falle einer polnischen Zwangsarbeiterin, wird gemauert. Dem Eingeständnis der historischen Verantwortung muss jetzt endlich die finanzielle Entschädigung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter folgen. Außerdem muss in Hamburg dauerhaft und angemessen an das Schicksal dieser Menschen erinnert werden! Unser Konzept für eine Dauerausstellung in der einzigen, weitgehend im Urzustand am historischen Ort erhaltenen Zwangsarbeiterbaracke Hamburgs liegt seit Ende 1999 vor. Wann handeln die Behörden endlich ?

Hans-Kai Möller

zum Seitenanfang

Zwangsarbeit in Hamburg

Vergessen oder Erinnern? Zwangsarbeiter-Gedenkstätte für Hamburg im Firmenlager Kowahl & Bruns!

Schon Jahre bevor das Problem der Entschädigung von Zwangsarbeit in Deutschland während der NS-Zeit durch amerikanische Opferklagen zum politischen Dauerbrenner und zum Top-Thema der Medien wurde, hat sich die Willi-Bredel-Gesellschaft mit dem Schicksal von Zwangsarbeitern in Fuhlsbüttler Betrieben in Form von Buchveröffentlichungen und Rundgängen beschäftigt. Jüngste Forschungsergebnisse belegen, dass allein in Hamburg insgesamt 400.000 bis 500.000 Zwangsarbeiter bei Behörden und in rund 4.000 Firmen beschäftigt waren.

Als Ende 1997 die beiden erhalten gebliebenen Arbeiterbaracken der Landschafts- und Gartenbaufirma Kowahl & Bruns im Rahmen der Bauplanung für die Flughafen-S-Bahn abgerissen werden sollten, hat sich unsere Geschichtswerksatt selbstverständlich für den Erhalt dieser Gebäude am Wilhelm-Raabe-Weg eingesetzt. Nachdem zahlreiche Gespräche mit Behörden und Museen mit dem Ziel, die Baracken an diesem Standort zu erhalten, gescheitert waren, schlossen wir im April 1998 trotz aller Bedenken (begrenzte finanzielle Mittel, ausschließlich ehrenamtliche Mitarbeiter) einen Pachtvertrag mit der Liegenschaft Hamburg-Nord. Dieser Vertrag verpflichtet die Bredel-Gesellschaft, die Gebäude zu sanieren, rückzubauen, eine Ausstellung zu erarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Darüber hinaus müssen wir für die Sicherung des Geländes und einen eventuellen Abriss aufkommen.

Die ehemalige Wohn- bzw. Lagerbürobaracke haben wir zwischenzeitlich mit Kosten in Höhe von über 50.000 DM instand setzen lassen. 1999 wurden alle Versorgungsanschlüsse wiederhergestellt, die Elektroarbeiten abgeschlossen und eine Gasheizung installiert. Diese Arbeiten wurden aus Vereinsmitteln, Spenden und durch Eigenleistung finanziert, hinzu kamen bezirkliche Sondermittel von 15.000 DM und eine Spende der Hamburger Sparkasse von 5.000 DM. Der Flughafen Hamburg, auf dessen Gelände die Zwangsarbeiter von Kowahl & Bruns während des Krieges Tarnarbeiten durchführen mussten, hat das Projekt bisher nur in sehr geringem Maß unterstützt. Während der Innenausbau der Wohnbaracke in diesem Jahr zum Abschluss kommen soll, ist die Wasch- und Abortbaracke weiterhin dem Verfall preisgegeben …

Die Finanzierung aller übrigen Aufgaben – Erforschung der Geschichte des lokalen Zwangsarbeitereinsatzes, inhaltliche und technische Erstellung der Dauerausstellung – übersteigt bei weitem die Möglichkeiten unseres Vereins. Auch ein Gespräch im Sommer 1999 mit dem Staatsrat in der Kulturbehörde, Gert Hinnerk Behlmer, hat bisher, abgesehen von einer 16-%igen Erhöhung der Zuwendung der Kulturbehörde an unsere Geschichtswerkstatt für die Betreuung zukünftiger Öffnungszeiten, keine weitere Perspektive für die Einrichtung einer Zwangsarbeiter-Gedenkstätte eröffnet. Nach einem Beratungsgespräch mit Herrn Schett vom Denkmalschutzamt wurde eine Unterschutzstellung des Zwangsarbeiterlagers am Wilhlem-Raabe-Weg abgelehnt. So entsteht der Eindruck, dass – ähnlich wie bei dem Gerangel um die Einrichtung der Bundesstiftung – sich auch hier Profiteure des Zwangsarbeitereinsatzes mit guten Worten und einem allseitig bekundetem Interesse aus der historischen Verantwortung stehlen wollen.

Durch mehrere parlamentarische Initiativen der „Regenbogenfraktion – für eine neue Linke“ ist Ende des letzten Jahres auch Bewegung in die Hamburger Bürgerschaft gekommen. Am 15. Dezember 1999 beschloss der Sozialausschuss der Bürgerschaft mit den Stimmen aller Fraktionen ein Petitum, in dem es u.a. heißt: „Die Bürgerschaft ersucht den Senat die wissenschaftliche Erarbeitung der Geschichte der Zwangsarbeit in Hamburg zu fördern und die bisherigen Erkenntnisse zur Zwangsarbeit in Hamburg in angemessener Weise öffentlich zu machen.“

Die Freie und Hansestadt Hamburg und die Hamburger Wirtschaft sollten jetzt endlich die einmalige Chance nutzen, ein weitgehend im Originalzustand erhaltenes und saniertes Arbeiterlager zu einer Zwangsarbeiter-Gedenkstätte auszubauen. Selbst VW hat inzwischen auf dem Werksgelände eine solche Erinnerungsstätte eingerichtet!

Hans Matthaei

zum Seitenanfang

Ausgebeutet ohne Entschädigung

Zwangsarbeit in Hamburg - wie sah es in Fuhlsbüttel aus?

In der Endphase des 2. Weltkrieges stellten Zwangsarbeiter in einigen Hamburger Betrieben und öffentlichen Versorgungsunternehmen die Mehrzahl der Beschäftigten. Ohne den massiven Einsatz von Zwangsarbeitern wäre die notdürftige Instandsetzung der durch Bomben zerstörten Infrastruktur nicht möglich gewesen, der Bau von Bunkern und Behelfswohnungen für die Ausgebombten hätte nur in geringem Umfang durchgeführt werden können.

Die Hamburger Historikerin Friederike Littmann hat in langjähriger Forschung in deutschen und europäischen Archiven das riesige Ausmaß des Zwangsarbeitereinsatzes in Hamburg nachgewiesen: insgesamt wurden in Hamburg vier- bis fünfhunderttausend Menschen aus zahlreichen Nationen zur Arbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen gezwungen. Nach den Unterlagen der Deutschen Arbeitsfront profitierten 1944 rund viertausend Betriebe aller Betriebsgrößen von diesen billigen Arbeitskräften. Allein im November 1944 arbeiteten nahezu achtzigtausend sogenannte Fremdarbeiter und Kriegsgefangene in Hamburg. Sie waren in circa achthundert Lagern untergebracht. Größter Einzelarbeitgeber war die Bauverwaltung, das „Amt für kriegswichtige Bauten“.

Hinzu kamen noch die Häftlinge des Konzentrationslagers Neuengamme, die überwiegend in Firmenlagern großer Betriebe untergebracht waren. In den achtzehn Außenlagern des KZ Neuengammme, unter anderem im Kola-Fu und im Hanseatischen Kettenwerk, vegetierten etwa fünftausend Männer und dreitausendzweihundert Frauen.

Bei ihren Recherchen stieß Frau Littmann auf einen weiteren unglaublichen Vorgang: 1946 wies die britische Militärregierung die Arbeitgeber in ihrer Besatzungszone an, rückständige Löhne von zivilen Zwangsarbeitern nachzuzahlen – zunächst an die Reichsbankhauptstelle Hamburg, ab 1948 auf ein Sammelkonto der Landeszentralbank Hamburg. 1957 wiesen diese Konten einen Betrag von 877.923,67 DM auf. Ein Teil dieser Summe wurde zwischen 1958 und 1977 über westeuropäische Banken an ehemalige „Fremdarbeiter“ ausgezahlt. Ein Restbetrag von 222.547,67 DM wurde schließlich 1978 an die Deutsche Bundesbank als „unanbringlicher Posten“ überwiesen und dort als außerordentlicher Ertrag unter dem Titel „von der ehemaligen Besatzungsmacht eingezogene Löhne von Zwangsarbeitern“ gebucht.

Der Historiker Hans-Kai Möller hat bereits 1996 in seinem Beitrag „Ausgebeutet und vergessen: Ausländische Zwangsarbeiter in Fuhlsbüttel und Ohlsdorf“ zahlreiche Informationen zur lokalen Situation vorgestellt. Inzwischen liegen, gerade auch zum Firmenlager Kowahl & Bruns, neue Forschungsergebnisse vor, die einen inhaltlichen Grundstock für die von der Willi-Bredel-Gesellschaft geplanten Ausstellung in der ehemaligen Zwangsarbeiterbaracke am Wilhelm-Raabe-Weg darstellen.

Hans Matthaei

zum Seitenanfang

Wie ein Brief entstand!

Während einer Tagung zum Thema „Verfolgung, Traumatisierung, Entschädigung“ im Februar 1999, kam Hans-Kai Möller mit dem Leiter des Dokumentationszentrums ehemaliger niederländischer Zwangsarbeiter, Aart Pontier, in Kontakt. Dabei wurde vereinbart, im „Nieuwsbrief“, ihrem offiziellen Organ, einen Aufruf (siehe Abdruck) zur Suche nach Menschen zu starten, die in der Zeit von 1943 bis 1945 bei Röntgen-Müller (heute Philips-Medizin-Systeme) oder am Flughafen arbeiten mussten.

Lange Zeit ruhte diese Idee, denn die Aufmerksamkeit unseres Vorstandes war 1999 zwangsläufig hauptsächlich auf den baulichen Erhalt der Reste des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers im Wilhelm-Raabe-Weg 23 gerichtet.

Durch die Diskussion während der Jahresmitgliederversammlung wurde die oben benannte Idee wieder aufgegriffen und Hans-Kai Möller und ich mit der Formulierung des Aufrufs und eines Briefes an Aart Pontier beauftragt.

Dazu sichteten wir noch einmal die Unterlagen des betrieblichen Entnazifizierungsausschusses von Röntgen-Müller, die uns unser verstorbenes Mitglied Emil Heitmann zur Verfügung gestellt hatte. Wir lasen u.a. aufmerksam die Erklärung von 64 ehemaligen niederländischen Zwangsarbeitern bzgl. des schuldhaften Verhaltens des Betriebssanitäters Martin Giese von 1946 – abgedruckt in: Gertrud Meyer: Nacht über Hamburg, Berichte und Dokumente 1933 bis 1945, Frankfurt a.M. 1971 – und versuchten möglichst viele Unterschriften, die unter dieser Erklärung stehen, zu entziffern. Diese Namensliste, zusammen mit einigen anderen Unterlagen und einem ausführlichen Brief, schickten wir im Januar 2000 dann endlich nach Holland. – Hoffentlich melden sich noch Zeitzeugen, die uns über die Verhältnisse im Zwangsarbeiterlager berichten können.

Jochen Kroll

zum Seitenanfang

Eine Tageseinnahme für den Erhalt der Zwangsarbeiterbaracken

Unsere Mitglieder wohnen nicht nur in Fuhlsbüttel und Umgebung, sondern sind auch an anderen Orten mit der Willi-Bredel-Gesellschaft verbunden, was Holger Schultze aus Kaltenkirchen im Folgenden berichtet.

Aufgewachsen bin ich in Hamburg, wo ich etwa mit 18 Jahren die ersten Kontakte zu Widerstandskämpfern und Verfolgten des Naziregimes bekam. Es hat mich immer wieder beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit, Menschlichkeit und Wärme sie für ihre Ideen einstanden. Ihre Schilderungen haben mich veranlasst, aktiv zu werden, damit Heranwachsende über diese Zeit mehr erfahren. Und bedeuteten für mich, wachsam zu bleiben, dass so etwas nicht mehr passiert.

Als dann Führungen angeboten wurden, die Zwangsarbeiterbaracken anzusehen, war ich auch unter den Interessierten, die beeindruckt aber auch betroffen durch die Räume gingen. Beeindruckt vom Mut des Vereins, diese Baracken als Erinnerung und Mahnmal an die Schicksale der Zwangsarbeiter in Fuhlsbüttel und ganz Hamburg am Leben zu erhalten. Erfreut über die Vorstellung, die Baracken als Gedenkstätte den nachfolgenden Generationen zu zeigen. Betroffen und wütend aber auch über die Schwierigkeiten, finanzielle Mittel zum Erhalt, Ausbau und zur Erforschung zu erschließen.

Mit diesen Gefühlen nach Kaltenkirchen zurückkehrend, wuchs eine Idee. Wir sammelten ausgelesene Bücher und steckten sie in große Kisten, so dass jeder stöbern konnte. Diese kamen in das Wartezimmer meiner therapeutischen Praxis und wurden mit einem Schild versehen. Ich beschrieb die Zwangsarbeiterbaracken und meinen Wunsch, eine Tageseinnahme zu spenden. Falls die wartenden Eltern und Patienten mich unterstützen wollten, könnten sie für ihre Spende ein Buch entnehmen. Auf diese Weise stockte ich die eingegangenen DM 300,– auf und konnte Hans Matthaei einen Scheck über DM 1.000,– überreichen.

Holger Schultze

zum Seitenanfang

Dr. Hans Ritz: Vom NS-Betriebsführer zum Millionär

Die Ritz Messwandler GmbH plant in diesem Jahr den Abbau von 190 ihrer 330 Arbeitsplätze am Firmensitz in Hamburg-Eppendorf. Die heute der Dr. Hans und Liselotte Ritz-Stiftung gehörende Firma wurde 1945 von Dr. Hans Ritz gegründet. Dr. Ritz hat zum Zeitpunkt dieser Firmengründung schon eine unrühmliche Karriere hinter sich: 1940 wurde er von den Nazis als Betriebsführer bei Röntgenmüller (Philips-Konzern) eingesetzt und war dort auch für den Einsatz von Zwangsarbeitern verantwortlich (vgl. Kiek mol, Hamburg 1998, S. 206). 1945 wurde er zwar auf Drängen des Entnazifizierungsausschusses entlassen, konnte aber schon im gleichen Jahr ungehindert mit Hilfe seiner braunen Kameraden eine eigene Firma gründen. Die Firmengruppe beschäftigt heute insgesamt 1.100 Mitarbeiter und erzielte 1999 einen Umsatz von etwa 200 Millionen. Während sich Dr. Ritz nach dem Krieg zum Millionär wurde, warten die Philips-Zwangsabreiter teilweise noch heute auf Entschädigung.

HM

zum Seitenanfang

Willi Bredel (1901–1964)

Erinnerung an seinen 35. Todestag

Auf Kampnagel, Willi Bredels alter Wirkungsstätte, erinnerte Nicolas Stemanns in seinem Stück „Verschwörung“ im Stile des Zeitgeistes an den Verfasser der „Maschinenfabrik N&K“: Bredel wurde im Rahmen eines unausgegorenen Theaterstücks als durchgeknallter, wirklichkeitsfremder Agitator lächerlich gemacht. Diese ideologische Verbeugung des „Theaterprovokateurs“ (Hamburger Abendblatt, 22.4.1999) vor dem sich direkt neben den Theaterhallen ansiedelnden Kommerz bedarf keiner weiteren Kommentierung.

Es gibt aber auch Erfreuliches zu vermelden. Am 27. 10. 1999 erinnerte der Rundfunkjournalist Reiner Scholz im Deutschlandradio an Willi Bredels Todestag. In der Sendung „Kalenderblatt“ zeichnete er ein farbiges Bild Bredels. Sicherlich teilen wir einige Einschätzungen des Autors nicht; positiv hervorzuheben ist jedoch sein Bemühen, an Bredel auf der Grundlage sorgfältiger Quellenrecherche zu erinnern. Wer Interesse hat, kann bei uns noch mal in die Sendung ’reinhören, denn Reiner Scholz stellte uns den Beitrag und einige Bredel-Reden auf Kassette zur Verfügung. Eine wichtige Vervollständigung unseres Archivs. Vielen Dank!

Auch der „Rotfuchs – Zeitung der DKP-Gruppe Berlin-Nordost“, eine auch überregional verbreitete Zeitschrift, erinnerte in der Oktober-Ausgabe 1999 mit einer Kurzbiographie an unseren Namensgeber. Abschließend noch eine Bitte: Falls in anderen Medien weitere Beiträge zu Bredels Todestag veröffentlicht wurden, schickt sie uns bitte zu!

Hans-Kai Möller

zum Seitenanfang

Kleine Anzeige - große Wirkung!

Am 27. Februar 1999 schalteten wir eine Kleinanzeige im „Neuen Deutschland“, mit der wir nach Bredel-Büchern suchten. Ziel dieser Aktion war es einerseits, unsere Bredel-Bibliothek zu vervollständigen – wir sammeln jede unterschiedliche Ausgabe eines Werkes –, andererseits die ständig steigende Nachfrage nach Werken von Bredel besser befriedigen zu können. Die Resonanz auf die Kleinanzeige war überwältigend. In Telefonaten, Faxen, e-mails und Briefen aus Berlin, Neubrandenburg, Elgersburg, Mellensee, Rathenow, Zwönitz, Bautzen und Dresden wurden uns Werke Willi Bredels als Geschenk oder zu einem geringen Preis angeboten. Viele der mehr als 30 Menschen, die sich bei uns meldeten, verbanden ihr Angebot mit anerkennenden Worten für unsere Initiative. In den folgenden Monaten erreichten uns jede Woche ein oder zwei Pakete oder Päckchen mit teilweise seltenen und vergriffenen Bredel-Ausgaben, von denen einige auch Widmungen und Signaturen von Willi Bredel enthielten. Die Spender teilten oftmals in kurzen Anschreiben den Grund für ihre „Trennung“ von den Bredel-Büchern mit. Viele von ihnen trennten sich aus Altersgründen von den Werken. Gerade diese Menschen formulierten in den Anschreiben ihre Freude und Genugtuung darüber, dass ihre Bücher, von denen sie sich nur ungern trennten, auf diese Weise neue Leser und Nutzer finden werden. So schrieb uns Herr W. aus Rathenow zu Bredels Erzählungen „Auf den Heerstraßen der Zeit“: „Etwas abgegriffen, weil viel und mit Erfolg benutzt von Berufsschülern vor 1980, besonders die äußerst zugespitzte Erzählung ‘Der Auswanderer’. Auch heute noch jungen Menschen sehr zu empfehlen.“

Herr und Frau M. aus Berlin retteten wertvolle Bredel-Ausgaben, u.a. die Erstausgabe des Hamburg-Buches „Unter Türmen und Masten“, vor der politisch motivierten Entsorgung: „Diese Bücher wurden nach der sog. Wende von der Berliner Stadtbibliothek ausgesondert und zur Disposition gestellt. Da haben wir sie mitgenommen.“ Sie brachten die Bücher zu Bredels Enkelin Brita, die im Westteil der Stadt wohnt. So gelangten die Ausgaben schließlich in unsere Bibliothek. An dieser netten Begebenheit hätte Willi Bredel sicherlich seine Freude gehabt … Frau W. aus Berlin, Tochter deutscher Antifaschisten und in der Emigration aufgewachsen, lud uns nach Berlin ein. Dort stellte sie uns aus dem Nachlass ihrer Eltern zahlreiche Bücher zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung für unsere Bibliothek zur Verfügung. Diese großzügige Schenkung ergänzte Frau W. noch durch einen selbstgenähten Tischwimpel aus dem Klub deutscher Arbeiter in Moskau. Dieser ca. 1935 hergestellte Tischwimpel mit einem ebenfalls handgefertigten Ständer steht jetzt auf Willi Bredels Schreibtisch in unserem Büro. Frau Z. aus Rossendorf schickte uns ein Foto von Viktor Bredel, einem Sohn Willi Bredels aus dessen erster Ehe mit Lisa Bredel. Viktor, der nach seiner Rückkehr aus dem sowjetischen Exil als Physiker am Zentralinstitut für Kernforschung in Rossendorf arbeitete, ist vielen Bredel-Lesern als Viktor Brenten in „Die Söhne“ und „Die Enkel“ begegnet. Nach dem Tode des bekannten Physikers wurde der GST (Gesellschaft für Sport und Technik)-Gruppe an dieser Forschungseinrichtung der Name „Viktor Bredel“ von dessen Frau Elena verliehen. Frau Z., die eine Kollegin Viktor Bredels war, rettete das Foto vor der „Entsorgung“.

Zwei Bredel-Leser stellten uns schriftliche Erinnerungen an Begegnungen mit Willi Bredel zur Verfügung, die hier erstmals veröffentlicht werden. Die ehemalige Lehrerin Susanne Zappe schickte uns eine mit Widmung Bredels versehene Ausgabe der Erzählung „Das Vermächtnis“ und den folgenden kurzen Bericht:

„Das Büchlein von Bredel war Ausgangspunkt und inhaltliche Grundlage einer Lesung und Gesprächsrunde, zu der ich mit ihm am damaligen Institut für Lehrerbildung Mühlhausen eingeladen war. Die Studenten beschäftigten sich intensiv mit Lebensschicksalen von Antifaschisten, um Antwort auf die Frage zu erhalten: Warum konnten die Verbrechen der Nazis nicht verhindert werden? Wer trat ihnen entgegen? Welche Charaktereigenschaften waren bei den Menschen ausgeprägt, die als Antifaschisten kämpften, starben, überlebten? Wie können sie unsere Erziehungsziele, die wir als künftige Lehrer anstreben, beispielgebend erfüllen helfen?

Willi Bredel las und antwortete lebendig, mitreißend, überzeugend. Er war den jungen Lehrerstudenten mit seinem eigenen Leben – verschlüsselt in seiner Erzählung ‘Das Vermächtnis’ - bestes Beispiel, das uns an jenem Abend zutiefst rührte und das den jungen Studenten, denke ich, wichtige Impulse für ihren späteren Beruf vermittelt haben wird. Mir ist Willi Bredel in lebendiger Erinnerung geblieben.“ (Susanne Zappe, von Beruf Lehrerin, jetzt 87 Jahre alt. Berlin, am 9.8.1999)

Gerhard Körbel der von 1947 bis 1951 Mitarbeiter im Haus der Kultur der Sowjetunion in Berlin war und später als Kulturattaché an der Botschaft der DDR in Moskau wirkte, erinnert sich:

„Als ich Ihre Anzeige im ND las, war ich sehr erfreut darüber, dass es in Hamburg eine Willi-Bredel-Gesellschaft gibt, da ich Willi Bredel als Schriftsteller, als Politiker und als einen Menschen von hoher Moral sehr geschätzt habe. Ich hatte die Freude, ihn mehrmals persönlich zu treffen. Die erste Begegnung mit ihm hatte ich, wenn ich mich nicht irre, am 10. Juni 1948 bei einem Diskussionsabend im Haus der Kultur der Sowjetunion über die „Optimistische Tragödie“ unter Leitung von Friedrich Wolf. Als wir W. Bredel in einer der hinteren Reihen bemerkten, baten wir ihn, mit im Präsidium neben Wsewolod Wischnewski und Wolfgang Langhoff Platz zu nehmen, aber er winkte ab, weil er an diesem Tag nicht im Besitz seiner Zahnprothese war. Wie aus meinen Unterlagen hervorgeht, hat Bredel am 25. 1. 1948 dort einen Vortrag über Michail Scholochow gehalten und am 2. 2. 1949 einen Bericht gegeben über die große Wende von Stalingrad. Er war als einziger deutscher Antifaschist bei den Kapitulationsverhandlungen zugegen. Später, etwa Mitte 1959, besuchte ich ihn in seiner Wohnung, um ihn für die Mitarbeit an der Zeitschrift ‘Freie Welt’ zu gewinnen, die vom Zentralvorstand der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft herausgegeben wurde…“

Hans-Kai Möller

zum Seitenanfang

Brigitte Nestler, Bibliographie Willi Bredel

Ein unentbehrliches Hilfsmittel für die Bredel-Forschung

Brigitte Nestlers über 700 Seiten umfassende Bredel-Bibliographie, die als Band 27 der renommierten „Hamburger Beiträge zur Germanistik“ erschien, vorzustellen fällt mir nicht leicht, bin ich doch immer wieder versucht, in dem opulenten Werk herumzustöbern und dem Leser die eine oder andere Fundsache zu präsentieren, die mich besonders beeindruckt hat.

In seinem Geleitwort skizziert der Herausgeber Prof. Hans-Harald Müller kurz den schwierigen Weg bis zur Veröffentlichung dieses Buches:

„Auch Bibliographien haben ihre Schicksale. Die vorliegende wäre um ein Haar ein Opfer der ‘Wende’ geworden. Der für die Publikation vorgesehene DDR-Verlag wollte nach der Wende seinen Start in die freie Marktwirtschaft nicht mit einer Bibliographie über einen proletarisch-revolutionären Schriftsteller aus der Weimarer Republik beginnen, der vor dem Nationalsozialismus in die Sowjetunion geflohen war und sich 1946 in der DDR (1945 in der SBZ, H.K.M.) niederließ.“

Hilfesuchend wandte sich die Berliner Akademie der Künste an den Hamburger Senat und bat ihn um finanzielle Unterstützung bei der Herausgabe dieses Werkes. Nachdem ein erster Aufruf ergebnislos verlaufen war, erklärte sich Hamburg beim zweiten Versuch bereit, die Finanzierung des Buches zu übernehmen.

Die Veröffentlichung von Brigitte Nestler, die bereits unter ihrem früheren Namen Brigitte Melzwig ein bibliografisches Standardwerk zur sozialistischen Literatur 1918–1945 verfasste, basiert schwerpunktmäßig auf den Beständen des Willi-Bredel-Archivs der Akademie der Künste Berlin, der Datensammlung der ehemaligen Abteilung Geschichte der sozialistischen Literatur der Akademie der Künste in Leipzig und dem Gemeinschaftsunternehmen „Schriftstellerbiographien“ der Akademie der Künste der DDR und der Deutschen Bücherei. Darüber hinaus wertete die Verfasserin zahlreiche Kataloge und Bestände deutscher und ausländischer Bibliotheken sowie wissenschaftliche Arbeiten aus.

Die Bibliographie gliedert sich in drei große Teile: Literatur von Willi Bredel, Literatur über Willi Bredel und das Register, bestehend aus einem Titel- und einem Personenregister. Brigitte Nestlers große Leistung besteht darin, dass sie erstmals die Erstdrucke aller von Willi Bredel verfassten Texte vollständig verzeichnet sowie eine kritische Auswahl der Nachdrucke zusammengefasst hat. Eine derartige bibliografische Aufarbeitung des Gesamtwerkes fehlte bisher und somit war die Forschung oftmals recht mühselig. Auf eine Edition des Gesamtwerks Bredels, die leider zu DDR-Zeiten nicht auf den Weg gebracht wurde, werden wir sicherlich bei der derzeitigen politischen und literarischen Großwetterlage noch eine ganze Zeit warten müssen.

Die „Literatur von Willi Bredel“ besteht aus einer Bibliographie der Texte, einer Bibliographie der Buchveröffentlichungen und einem Verzeichnis der Übersetzungen. Die Texte sind unabhängig von ihrer Publikationsform chronologisch nach dem Datum der Erstveröffentlichung geordnet. Dieses Ordnungsprinzip ermöglicht es, Bredels schriftstellerische Entwicklung sowie den Einfluss historischer Ereignisse, u.a. Exil, Spanischer Bürgerkrieg und seine Aktivitäten im Nationalkomitee Freies Deutschland, auf sein literarisches Werk genau zu verfolgen. Die Textbibliographie beginnt mit der „Freien Proletarischen Jugend“, die allerdings nicht, wie Brigitte Nestler vermerkt, illegal erschien, sondern die legale Zeitschrift einer gleichnamigen Jugendorganisation war (S. 17). Sie enthält auch die bisher umfangreichste Aufstellung von Willi Bredels zahlreichen Film- und Theaterrezensionen aus der Weimarer Republik (S. 17–31): Sicherlich ein Leckerbissen nicht nur für die Cineasten in der Bredel-Gesellschaft! Bredels zahlreiche Erzählungen und Publikationen in den Jahren 1943 und 1944 machen deutlich, wie unermüdlich er sich darum bemühte, mit seinen Mitteln die faschistische Ideologie in den Köpfen seiner deutschen Landsleute zu bekämpfen und ihnen eine neue geistige Perspektive zu vermitteln (S. 108–126).

Die Buchausgaben von Willi Bredels Texten fasst die Autorin in einer gesonderten Chronologie zusammen, um so dem Forschungsinteresse an verlegerischen, buchgeschichtlichen und bibliothekarischen Aspekten zu dienen. Alle neuen Ausgaben, Auflagen und auch die unveränderten Nachauflagen können jetzt leicht erschlossen werden.

Das Verzeichnis der Übersetzungen hält für den Leser viel Unbekanntes und Überraschendes bereit: So erschien beispielsweise in Japan die „Maschinenfabrik N & K“ bereits 1931, 1952 „Ernst Thälmannâ€� und 1978 „Die Frühlingssonate“ (S. 346).

Das zweite große Kapitel „Literatur über Willi Bredel“ besteht aus den Abschnitten „Bibliografische Veröffentlichungen“, „Über Leben und Werk“, „Briefe an Willi Bredel“ und „Willi Bredel und sein Werk in der Kunst“.

Das dritte Kapitel, Nachträge ab 1989 (S. 605–610), wird überwiegend von Autoren der Bredel-Gesellschaft bestritten und spiegelt somit unser Engagement für die Rezeption von Bredels Werken und die Beschäftigung mit seiner eindrucksvollen Lebensgeschichte wieder.

Wir hoffen, dass Brigitte Nestlers hervorragende Bibliographie insbesondere jungen Geschichts- und Germanistikstudenten Anstöße gibt, sich mit Bredel und seinem Werk zu beschäftigen. Für uns ist dieses Buch bereits jetzt zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel geworden.

Brigitte Nestler: Bibliographie Willi Bredel. Frankfurt/M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1999, 709 S., Hamburger Beiträge der Germanistik. Bd. 27, Verantwortlicher Herausgeber: Hans-Harald Müller, ISBN 3-631-32809-5, brosch., 148 DM

Hans-Kai Möller

zum Seitenanfang

Harry Naujoks

Werkstattaustellung in der Gedenkstätte Sachsenhausen

Am 16. April 1999 wurde in der Gedenkstätte Sachsenhausen eine Ausstellung mit dem Titel „Harry Naujoks (1901–1983) – Lagerältester und Chronist des KZ Sachsenhausen“ mit einführenden Beiträgen von Dr. Winfried Meyer, Prof. Nozicka (Prag), Ursel Hochmuth und Harrys Sohn Rainer eröffnet. Der Harburger Kesselschmied Harry Naujoks wurde als Kommunist 1933 verhaftet, nach Zwischenstationen in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern – u.a. im Kola-Fu – 1936 ins KZ Sachsenhausen überführt.

Hochgeachtet von seinen Mithäftlingen und von der SS wegen seiner unerschütterlichen Ruhe und seines Organisationstalents respektiert, war er seit 1939 Lagerältester. Im November 1942 wurde er mit siebzehn anderen Funktionshäftlingen des illegalen Lagerkomitees zur Vernichtung ins KZ Flossenbürg deportiert. Nur durch die tatkräftige Solidarität der dortigen Häftlinge konnte er alle Schikanen der Wachmannschaften überleben. Bis zu seinem Tode lebte er, weiterhin politisch aktiv, in der Stübeheide in Hamburg-Klein Borstel.

Seine Frau Martha, ein Gründungsmitglied unseres Vereins (vgl. Nachruf WBG-Rundbrief 1999), übergab uns 1989 eine umfangreiche Tonbandsammlung. Auf diesen Bändern hatte Harry über Jahre hinweg seine Gespräche mit überlebenden Sachsenhausen-Häftlingen aufgezeichnet, die dazu dienen sollten, ein möglichst genaues Bild des Lebens und der Widerstandsarbeit im KZ Sachsenhausen zu vermitteln. Die Erinnerungen von Harry Naujoks sind 1987 in Buchform unter dem Titel „Mein Leben im KZ Sachsenhausen 1936–1942“ von Ursel Hochmuth herausgegeben worden und bei der WBG erhältlich.

Die Ausstellungseröffnung nahmen Hans-Kai Möller und Hans Matthaei zum Anlass, die Tonbandsammlung der Gedenkstätte Sachsenhausen zu übergeben. Dort sollen die Bänder wissenschaftlich ausgewertet werden.

HM

zum Seitenanfang

Hilde Benthins Schatz

Zur jüngsten Jahreshauptversammlung wurde die Willi-Bredel-Gesellschaft um einen Schatz bereichert. Unser Mitglied Hilde Benthin übergab dem Verein 31 Bände der Buchreihe „Bibliothek fortschrittlicher deutscher Schriftsteller“.

Diese Edition war nach einer Kulturverordnung der DDR-Regierung vom März 1950 ins Leben gerufen worden, und Willi Bredel war Leiter des Redaktionskollegiums (s. Foto) dieses literarischen Unternehmens, das von 1950 an mindestens fünf Jahre lang einzelne Werke bekannter Autoren herausgab. Klangvolle Namen schmücken die Buchrücken aus Hilde Benthins Schenkung: Becher, Brecht, Bredel („Die Söhne“), E. Claudius, Hauptmann, H. Hesse, Kellermann, Th. und H. Mann, Renn, Seghers, Tucholsky, Uhse, Weinert, Fr. Wolf, A. Zweig u.v.a. Auch Titel ausländischer Autoren fanden Aufnahme in diese Reihe: Babajewski, Dreiser, Fast, Majerová, Nexö und Rybakow.

An Hilde Benthin ein herzliches Dankeschön für ihre großzügige Gabe, die einen würdigen Platz in unserer Vereinsbibliothek gefunden hat.

RS

zum Seitenanfang

Gedenkstätte KZ Fuhlsbüttel:

Großes Interesse am Auschwitz-Gedenktag

Auf Initiative der Bezirksversammlung waren am 27.1., dem Gedenktag an die Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee, im Bezirk Nord die Gedenkstätten ganztägig geöffnet. Besonders erfreulich war die Resonanz auf das Angebot unserer beiden Mitglieder Gundel Grünert und Erna Mayer über ihre Kindheit und Jugend als Töchter von Widerstandskämpfern in Fuhlsbüttel und Langenhorn zu berichten. Über 70 Besucher ließen sich ab 10 Uhr von den Zeitzeuginnen durch die Ausstellung führen und stellten interessante Fragen an die beiden Frauen. Der Höhepunkt des Tages bildete der Besuch einer 9. Klasse der Walddörfer-Gesamtschule: Die von ihrer Referendarin gut vorinformierten Schüler hatten zahlreiche Fragen und diskutierten mit viel Engagement. Das Gespräch soll im März in der Schule fortgesetzt werden.

Das große Besucherinteresse an einem Werktag, an dem sonst nicht geöffnet ist, unterstreicht die Bedeutung dieser Gedenkstätte und ließ erahnen, welche Chancen antifaschistischer Bildungsarbeit eine regelmäßige tägliche Öffnungszeit ermöglichen würde.

E.M./H.K.M

zum Seitenanfang

Die Foto-Archivgruppe bei der Arbeit

„Wir haben wirklich noch ungehobene Schätze in unserem Fotoarchiv!“ Das war die einhellige Meinung von Ute, Gundel und Holger, der Archivgruppe der Willi-Bredel-Gesellschaft, die sich im letzten halben Jahr endlich einmal regelmäßig mit den Beständen an historischen und neueren Fotos beschäftigte.

Hamburgensien-Sammler ließen uns alte Ansichten des Alstertals zukommen. Unterschiedliche Stadtteilfotografen bedachten uns mit Fotos aus dem Fuhlsbüttel der Nachkriegszeit. Außerdem haben wir einen Teil der Fotos aus dem Nachlass des sozialkritischen Fotografen Heinz Hollmann geerbt, der über seine eigene Bildagentur „HO-Bild“ Zeitungen wie z. B. „Blinkfüer“ mit damals aktuellem, heute historischem Bildmaterial, belieferte. Selbstverständlich umfaßt unser Bestand auch Fotos von Mitgliedern, die unsere Aktivitäten der letzten 11 Jahre dokumentierten.

Um dieses Foto-Archiv dem Publikum besser, d.h. auf eine dem Bestand gerechter werdende Weise zu präsentieren, ist noch sehr viel Kleinarbeit notwendig, die noch lange nicht abgeschlossen ist. 1999 waren wir aber in der Lage, in den neuen Räumen unser Selbstverständnis als Geschichtswerkstatt visuell durch Fotos an den Wänden darzustellen. Den vorderen Raum, das Antiquariat, schmücken einige schöne historische Ansichten des Alstertals. Im Sitzungsraum hängen einerseits beeindruckende Luftaufnahmen Fuhlsbüttels vom Anfang der 1930-er Jahre, andererseits aber auch Fotos, die unseren politischen Anspruch darstellen: Hamburger Ostermarschbilder und Fotos von antifaschistischen Gedenkveranstaltungen auf dem Ohlsdorfer Friedhof aus den 50-er und 60-er Jahren, sowie Fotos der Demonstration vom 27.2.1983, die quer durch Fuhlsbüttel zum Torhaus des KOLAFU führte, mit dem Ziel, dort eine KZ-Genkstätte zu errichten. Im „Bredel-Museum im Aufbau“ hängen selbstverständlich Fotos von Willi Bredel aus unseren Beständen.

Die Archivgruppe wird – verstärkt durch 2 neue Mitstreiterinnen – weiterarbeiten und die topographische, beziehungsweise themenorientierte Fotokartei vervollständigen. Hunderte von unbearbeiteten Fotos warten darauf, sorgfältig archiviert zu werden.

Holger Tilicki

zum Seitenanfang

Willis Träume – neue Räume

Einweihungsfest mit Bredel-Revue

Die wachsende Mitgliederzahl, die ständige Zunahme der Aktivitäten und der Umstand, dass unsere Nachbarn im Grünen Grunde umgezogen sind und wir damit 46 Quadratmeter hinzu mieten konnten, waren Anlass genug, den elften Geburtstag der Bredel-Gesellschaft in Verbindung mit einem Einweihungsfest zu feiern.

Die durch unsere Archivgruppe sehr liebevoll und ansprechend mit Fotos dekorierten neuen Räume und die im Laufe der Jahre entworfenen Plakate ließen den Besuch unserer Räumlichkeiten zu einem Erlebnisgang durch die Geschichte der WBG werden. Auch das neu sortierte, erweiterte Antiquariat wurde von unseren Besuchern gut angenommen, was sich auch deutlich im Umsatz niederschlug.

Wie es den Organisatoren gelungen ist, gegen 18:15 Uhr alle Besucher (es waren über 60) aus dem großen Versammlungssaal in die anderen Räume zu dirigieren, aus dem Saal alle Tische heraus und dafür Stühle hineinzuräumen sowie einen Bühnenbereich abzutrennen, war später allen Anwesenden unerklärlich. Aber es funktionierte und alle Gäste saßen plötzlich eng zusammengedrängt auf den Stühlen. Hans-Kai Möller gab einen Überblick über die Entstehungsgeschichte der WBG und kündigte mit einigen einleitenden Worten die Schauspieler Donata Höffer und Peter Franke mit der Bredel-Revue „Vorwärts und nicht(s) vergessen“ an.

Was zwei gute Schauspieler nur mit ihren Stimmen und wenigen Accessoires vermögen, ist immer wieder beeindruckend. Obwohl das sachkundige Publikum die meisten Texte schon einmal gelesen hatte, war es durch die gut gesetzten Pointen wie noch nie gehört. Von Lachsalven bei Bredels Klassiker „Faust auf der Reeperbahn“ bis zum ergriffenem Lauschen bzw. Kopfnicken der älteren Mitglieder bei „Fünf von Thälmanns Genossen“ wurden alle Gefühlsregungen durchlaufen. Die zwischen den Lesungen a capella vorgetragenen spanischen und deutschen Liebes- und Widerstandslieder machten die Vorführung perfekt. Die Begeisterung des Publikums und die bereitwilligen Zugaben ließen dann auch die Revue eine Stunde länger dauern, so dass erst gegen 21:30 Uhr das Käsebuffet eröffnet wurde. Innerhalb kürzester Zeit waren die Käseplatten geplündert. Die Sekt-, Bier- und Weinvorräte jedoch konnten auch die letzten Gäste, die dann gegen 1:00 Uhr noch mit aufräumen durften, nicht gänzlich leeren.

Klaus Struck

zum Seitenanfang

Die letzten Tage des Kettenwerks

Unser Autor, der Künstler Harald Meyer, hat bereits im Rundbrief ‘99 ausführlich über das Kettenwerk in Langenhorn berichtet. Die nun folgende Nachlese ist aufgrund der schon damals befürchteten Entsorgung dieses Stücks Hamburger Zeitgeschichte zu einem Nachruf geworden.

In der Zeit vom Januar bis Dezember 1999 hat die IVG Hamburg in Langenhorn auf dem Gelände der ehem. Hanseatischen Kettenwerke (HAK) zum historischen Verdrängungskahlschlag ausgeholt. Unliebsame Zeitgeschichte wurde innerhalb weniger Monate mit Unterstützung der Behörden beseitigt. Bei der Erteilung der Abrissgenehmigungen standen wirtschaftliche Interessen Im Vordergrund.

Was kümmert die Vergangenheit. Früher mussten hier auf dem Gelände der HAK Zwangsarbeiter aus dem Osten für die Nazis arbeiten. Heute bedient man sich billiger Arbeitskräfte aus Polen, welche für Niedriglohn die Arbeiten erledigen. Welch eine Ironie.

Von 1995 bis zum Abriss der Gebäude war der Kunstverein Kettenwerk e.V. im ehem. Direktions- und Verwaltungsgebäude der HAK ansässig. Als sich gegen die Abrisspläne Widerstand regte (Presse und Rundfunk im März 1999), lockte die IVG die Mitglieder des Vereins mit dem Angebot, Ateliers auf einem Ausweichgelände, im ehem. Kantinengebäude der MESSAP, zur Verfügung zu stellen. Dies war für die meisten Vereinsmitglieder angenehmer, als sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Gleichgültigkeit innerhalb der Vereinsgruppe und das Ausloten persönlicher Vorteile standen gegenüber der Erinnerungsarbeit und dem Erhalt der historischen Substanz im Vordergrund.

Der Abriss dokumentiert somit einen gesellschaftspolitischen Prozess. Er zeigte, dass wirtschaftliche und persönliche Interessen sich über die notwendige Erinnerungsarbeit hinweggesetzt haben, ermöglicht durch die Abrissgenehmigung der verantwortlichen Behörden: Denkmalschutzamt, Planungsamt und Bezirksamt Nord.

Mit der Beseitigung des ehem. Verwaltungsgebäudes der Hanseatischen Kettenwerke drängte sich mir die Frage auf: Welche Funktion erfüllt der Original-Ort und wie wichtig ist er bei der Aufarbeitung von Geschichte?

Viele Menschen haben auf diesem Gelände unter dem damaligen Terror-Regime leiden müssen. In dem ehem. Verwaltungsgebäude der HAK ging die Rüstungsspitze, ob braun/schwarz gekleidet oder in Zivil mit Parteiabzeichen, ein und aus. Hier wurden Entscheidungen zur Steigerung der Rüstungsproduktion getroffen, hier wurde über menschliche Schicksale entschieden.

Der Ort und die Räume waren Unikate und auch die Geschehnisse, die sich an dieser Stelle abspielten waren einzigartig. Geschichte lässt sich nicht beliebig von einem Ort zum andern verpflanzen. Noch vorhandene Spuren und Originalräume machen mit dem vermittelten Hintergrundwissen solche Tatorte und damit die Geschehnisse begreifbarer. Sind diese Zeitzeugnisse erst einmal beseitigt, bleibt nur noch ein Nachruf mittels Fotodokumentation oder das Gedenktäfelchen. Das persönliche Erleben solcher Orte, die Spurensuche, geht verloren.

Unsere Gesellschaft braucht keine neugeschaffenen Kranzniederlegungsstätten. Wir sollten viel mehr versuchen, solche Tatorte als Zeitzeugnisse zu bewahren, um auch künftigen Generationen die Möglichkeit zu geben, sich zu informieren und diese authentischen Tatorte zu erleben. Eine der Voraussetzungen für Erinnerungsarbeit.

Harald Meyer

zum Seitenanfang

Gerhard Dengler

Erlebte Zeitgeschichte: Ein Wehrmachtsoffizier gegen den Hitlerkrieg - Rückblick auf eine Veranstaltung mit Gerhard Dengler, Hauptmann im Stalingrader Kessel.

Die Resonanz auf unsere Veranstaltung am 29. Juni 1999, die im Rahmen des Begleitprogramms zur Wehrmachtsausstellung stattfand, übertraf unsere positivsten Erwartungen: Schon gegen 20 Uhr waren alle Stühle im Veranstaltungssaal besetzt. Um 20:15 Uhr mussten wir den Saal aus Sicherheitsgründen schließen: Über 90 Menschen saßen bzw. standen dichtgedrängt in dem für maximal 60 Besucher konzipierten Raum. Der Film „Man nannte sie Verräter. Das Nationalkomitee Freies Deutschland“ mit seltenen Originalaufnahmen von der Gründungsversammlung des NKFD und den Ereignissen in Stalingrad veranschaulichte die damalige historische Situation. Prof. Dengler begann seine Einführung mit einer Frage, die ihm ein Schüler bei einer ähnlichen Veranstaltung in einem Eberswalder Gymnasium gestellt hatte: „Welchen moralischen Handlungsspielraum hatte ein deutscher Offizier in der Hitlerwehrmacht?“ Eindrucksvoll zeigte er an Hand von Beispielen aus seiner eigenen Lebensgeschichte auf, dass dieser Spielraum wesentlich größer war als allgemein angenommen wird. So gewährte Dengler einem Untergebenen unter vorgeschobenem Grund Fronturlaub, damit er seine jüdische Frau über die Grenze nach Holland in Sicherheit bringen konnte. Auch Denglers mutiges Verhalten im Kessel von Stalingrad beweist, zu welchem Handeln ein Offizier mit Zivilcourage imstande war, der zu diesem Zeitpunkt bei weitem kein erfahrener antifaschistischer Widerstandskämpfer war.

Der junge Hauptmann, Jahrgang 1914, verschafft sich im Kessel von Stalingrad Zutritt zum Quartier des Armeeoberbefehlshabers Paulus und fordert ihn angesichts der aussichtslosen militärischen Lage zur Kapitulation auf. Als Paulus diesen Schritt ablehnt, handelt Dengler auf eigene Faust: Bei Dunkelheit nimmt er Kontakt zur Roten Armee auf und handelt mit einem russischen Offizier einen listigen Plan zur Gefangennahme seiner Batterie aus. Der risikoreiche Plan klappt. Am 28.1.1943 „stürmt“ eine größere Gruppe von Rotarmisten die Stellung von Denglers Soldaten, ohne dass ein Schuss fällt.

Nach der Einführung entwickelte sich sofort eine spannende, kontroverse Diskussion, die leider im Rahmen dieses Beitrages nicht ausführlich dargestellt werden kann. Insbesondere persönliche Erlebnisse während der sowjetischen Kriegsgefangenschaft wurden mit teilweise demagogischen Fragen an den Referenten verbunden. Über zwei Stunden lang beantwortete der 85-jährige Journalist die Fragen und ließ sich auch von Beiträgen aus der antikommunistischen Ecke nicht aus der Ruhe bringen. Auffällig war, dass oftmals ähnliche Erlebnisse von anwesenden ehemaligen Kriegsgefangenen vollkommen kontrovers dargestellt und interpretiert wurden. So wurde die sicherlich nicht immer geschickt betriebene Aufklärung über das Wesen des Faschismus von den einen als wichtige Hilfe für ihren Erkenntnisprozess begriffen, von anderen als „stalinistische Propaganda“ verdammt. Erfreulich war, dass diese und andere antikommunistische „Standardargumente“ gerade von jungen Veranstaltungsteilnehmern kritisch durchleuchtet wurden.

Besonders beeindruckend war eine Szene, die sich unmittelbar nach dem Ende der Veranstaltung ereignete: Der Sohn des ehemaligen Präsidenten des NKFD, General von Seydlitz, bedankte sich bei Prof. Dengler für dessen eindrucksvollen Beitrag und überreichte ihm ein Buch über das NKFD aus der Bibliothek seines Vaters. Diese persönliche Geste ist um so höher zu bewerten, wenn man weiß, dass der aufrechte Hitler-Gegner General von Seydlitz unter falschen Anschuldigungen noch viele Jahre nach dem Krieg in der UdSSR inhaftiert war und nach der Rückkehr in die westlichen Besatzungszonen als „Verräter“ angegriffen wurde.

Hans-Kai Möller

zum Seitenanfang

„Im Grunde meines Herzens war ich zu allen Zeitenerzkonservativ“

Autobiographie eines rechten Theologen: Franz Tügel, Mein Weg

Im Zusammenhang mit der Situation von Pastor Heinrich Zacharias-Langhans an der St. Lukas-Kirche in Fuhlsbüttel während der Nazizeit stieß ich immer wieder auf die Person des NSDAP- und DC (Deutsche Christen)-Mitglieds Landesbischof Franz Tügel. Er war von 1934 bis 1946 im Amt und hat die Hamburger Kirchenpolitik und somit auch die Lage des Fuhlsbütteler Pastors maßgeblich beeinflusst. Er war mindestens einmal zu Gast in Fuhlsbüttel: Als Oberkirchenrat predigte er 1933 zum 40-jährigen Bestehen der Lukaskirche.

Was war das für ein Mann, der innerhalb der Lukasgemeinde noch heute einerseits „schrecklich“, andererseits als Beschützer von Pastor Zach, dem evangelischen Theologen jüdischer Herkunft, bezeichnet wird? Wie wird jemand Nationalsozialist und verbindet damit gleichzeitig christliche Werte? Die Autobiographie bietet sich dazu an, diesen Fragen nachzugehen. Tügel selbst schreibt: „Wo die Worte vom Nationalismus und Sozialismus in idealer Weise zusammenklingen, da musste meine Seele aufhorchen.“

Zuerst einmal stellt sich Franz Tügel, geboren 1888 ganz sympatisch als „Hamburger Jung“, der seine Kindheit in Hamm verlebte, mit viel althamburgischen Details dem Leser vor. Schließlich bekommt man alle prägenden Figuren – Eltern, Freunde, Pastoren, Lehrer, Professoren – aus seiner Sicht als positive Persönlichkeiten vorgestellt, die christlich, fleißig und menschenfreundlich sind.

Nach fünf Jahren als Heranwachsender im Rheinland, wo sein Vater als Generaldirektor einer Bergwerksgesellschaft arbeitet, geht die Familie zurück nach Hamburg, da der Vater überraschend stirbt. Dieser Tod – Franz ist damals 16 Jahre alt – ist ein tiefer Einschnitt in seinem Leben und er scheint eine Menge väterliches Gedankengut als Vermächtnis für sein weiteres Leben zu begreifen. Er beschreibt einen Gang zum Ohlsdorfer Friedhof zum Grab seines Vaters: „Zuweilen überkam mich gerade dort das Bewusstsein, wie natürlich und unangekränkelt in meines Vaters Wesen und Leben die Treue zur Sippe und Heimat, zum Volk und Vaterland, zu Gott und seiner Kirche eine innere Einheit gewesen war, an die einfach nicht gerührt werden durfte.“

Während seiner Studienjahre in Erlangen, Tübingen und Berlin schweift er eine Zeitlang ab in die Welt der liberalen christlichen Vorstellungen, bekennt sich aber bald endgültig zum „positiven“ Christentum, der erzkonservativen Richtung in der evangelischen Kirche. Tügel schreibt: „… der Grundsatz, Religion sei Privatsache, ist ein gefährliches Stück aus der weltanschaulichen Rumpelkammer der Aufklärung und also der Auflösung. (…) Er zersetzt die ewige Grundlage des Volkslebens und bereitet dem kulturzerstörenden Bolschewismus oder dem kulturunfähigen Amerikanismus die Bahn.“

Er beschreibt manche seiner Professoren an den theologischen Fakultäten und sagt uns, welche er schätzt. z.B. Julius Kaftan in Berlin: „Wenn die kleine, aber feste Gestalt mit dem Theologenantlitz, die Stirn wie ein Felsmassiv, der Mund energisch geschlossen, über den Universitätsflur schritt, immer pünktlich auf die Minute, sah jeder auf. (…) Als eines Tages eine Schar von Ausländern mitten in der Stunde in den Hörsaal eintrat (und) miteinander tuschelte (…), wies er die Störenfriede mit scharfer Kommandostimme (…) aus dem Raum: ‘Ich habe keine Lust, Vorstellungen für Ausländer zu geben.’“ Ausländerfeindlichkeit gehörte also für Tügel zu den positiven Tugenden eines lutherischen Theologen.

Nun bricht in ihm auch der Antisemitismus durch, allerdings gleich mit der dieses rassistische Konstrukt lächerlich machenden Beschreibung des Philosophen Adolf Lasson, der „rassisch Jude, aber geistig der stärkste Antipode des Judentums gewesen ist. (…) Mir ist der Mann immer ein Typus der Tatsache geblieben, dass ein wahrhaft bekehrter Vertreter jener anderen Rasse nicht nur ein Christ werden kann, sondern auch gesamtgeistig der gefährlichen Macht des geistig zersetzenden Judentums entnommen ist.“ Entlarvenderes über die Widersprüchlichkeit seines eigenen Rassismus habe ich von einem bekennenden Nazi noch nie gehört.

Seine Abneigung geht so weit, dass Tügel am Abend des 17. März 1914, nach dem Bestehen seines zweiten theologischen Examens sein „hebräisches Altes Testament in den eisernen Ofen (wandern ließ), um dem Flammentode übergeben zu werden. Das dicke Buch (…) hatte vielfach die Besitzer gewechselt, deren Namen vorn verzeichnet waren. Unter ihnen waren auch jüdische Rabbiner. Ich habe nie meinen Namen dazu gesetzt. (…) Der Weg ins Amt war frei.“ Es klingt, als hätte er sich vom Ballast der Erinnerung an eine alte Kultur befreit, auf der seine Religion ursprünglich aufbaut.

Es ist bekannt, dass viele Deutsche 1914 den 1. Weltkrieg in patriotischer Begeisterung begrüßten – viele kamen dann aber ernüchtert zurück und verarbeiteten ihre Erlebnisse in kriegskritischer Literatur und Malerei. Nicht aber Franz Tügel. Seine Kommentare zum Kriegsbeginn – immerhin in den 1940-er Jahren zu Papier gebracht – muss man gelesen haben, um zu erahnen, was in einem unbelehrbaren Militaristen und Nationalisten vor sich geht. Er vergleicht den 1. mit dem 2. Weltkrieg, der Gegenwart des Autobiographen, so: „Dieser neue Krieg trat in unser Dasein als ein Ereignis, jener erste kam über uns als Erlebnis. (…) jener war schon im Anfang seiner sommerdurchglutenden Augusttage geballtes Schicksal von unerhörter Tiefe und blieb solches über die endlosen Trommelfeuernächte der Materialschlachten hinweg bis an das bittere Ende. Darum hatten jene Schicksalsjahre einen ungeahnten metaphysischen Hintergrund, der für das Volksbewusstsein erst allmählich vom politischen Vordergrund verzehrt wurde, wie ich glaube, sehr zum Schaden des Vaterlandes und der Nation; …“ Tügel schwelgt weiter vom Anfang dieses von profitgierigen Großindustriellen angezettelten Krieges: „… Sommersonne und Vaterlandsglut … Schicksalsahnen und Ewigkeitsnähe …“.

Er ergeht sich in einer widerlichen Romantisierung des Krieges und zitiert darin bewundernd aus Heinrich Lerschs „Soldatenabschied“: „Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen!“ (siehe auch die Inschrift am Kriegsklotz am Dammtor!)

Schließlich gesteht er, „… dass (er) schwer darunter gelitten habe, damals nicht Soldat sein zu können, und jedem ausziehenden Aufgebot feldgrauer Männer, (…) mit tiefer Wehmut nachsehen musste.“ Er bemühte sich mehrmals darum, in den Krieg ziehen zu dürfen, musste aber als ordinierter Theologe zu Hause bleiben: „Mir wurde geraten, mich als Feldgeistlicher zu melden. Das tat ich sofort. Kurz danach verlobte ich mich, …“ Merkwürdig, wie jemand sich dort hingezogen fühlen konnte, wo sogar die Religionsausübung zu einer platten Zwangsveranstaltung verkommen war: „Es war noch die urgesunde Zeit, in der ein preußischer Unteroffizier einem Soldaten, der sich als ‘konfessionslos’ bekannte, sagen konnte: ‘Er melde mir bis morgen eine anständige Religion’“

Das Ende des Krieges, den Rosa Luxemburg „ein frivoles imperialistisches Verbrechen“ nannte und der allein 1,8 Millionen deutschen Soldaten das Leben kostete, wurde von Tügel entsprechend negativ bewertet. Seine Rückkehr nach Hamburg im Dezember 1918 beschreibt er wie folgt: „Verwilderte Gestalten trieben sich auf den Straßen herum, zwischen ihnen gingen die heimgekehrten Soldaten wie Fremde einher. Das Chaos der Heimat umfing uns. Armes Deutschland!“

Alle Kämpfe des Volkes um Demokratie, Frieden und Sozialismus in den ersten Nachkriegsmonaten waren für Franz Tügel nicht das Werk von „Arbeitern, sondern arbeitsscheuen Strolchen, nicht (…) Soldaten, sondern feigen Deserteuren“. Auch für die Menschen in seiner Kirche, die sich dieser Bewegung anschlossen, hatte er kein gutes Wort: „Sie nannten sich Christen und Sozialisten und waren weder das eine, noch das andere, vielmehr wurzellose Individualisten, die ihren Lebensbankrott mit dem Mantel einer sozialen Aktion zu verhüllen trachteten.“

Franz Tügel bewarb sich bald um die freie Pfarrstelle der Gemeinde St. Pauli-Nord, für die Gnadenkirche. Am 29. August 1919 wurde er in sein neues Amt eingeführt. Somit gehörte Willi Bredel, der von 1915–1931 in der Glashüttenstraße wohnte, zumindest lokal gesehen zu seiner Gemeinde. Als positiver, also erzkonservativer, Pastor machte er einige soziale und liberale Ansätze seines Vorgängers wieder rückgängig und richtete die Gemeinde ganz auf seine Kanzelverkündigung als Mittelpunkt des kirchlichen Lebens aus. Er kritisierte das liberale kirchliche Leben der Weimarer Republik regelmäßig im „Evangelischen Hamburg“ in den Rubriken „Kirchliche Wochenschau“ und „Auf der Warte“.

Seine Sympathie für die Nationalsozialisten wuchs mit den Jahren. Als Schlüsselerlebnis beschreibt Tügel einen Vortrag des preußischen NSDAP-Landtagsabgeordneten Wilhelm Kube in Bad Oeynhausen 1930: „Wie in der Kirche! – war mein erster Gedanke.“ Zwei Jahre später war Kube Mitbegründer der „Deutschen Christen“ (D.C.). Pastor Tügel trat am 1.6.1931 in die NSDAP ein und erhielt die Mitgliedsnr. 575.329, denn er spürte dort „den Pulsschlag einer aus dem Volk kommenden und auf das Volk gerichteten Bewegung. (…) Man darf ruhig sagen, daß der beste und echteste Teil des Volkes mehr und mehr unter dem Hakenkreuzbanner zusammenströmte.“ Diese Parteiversammlungen im Dunstkreis von Saalschlachten mit politischen Gegnern zählte „zu dem Besten, was man in jener Zeit erleben durfte. Draußen waren die großen Straßenfenster des Lokals gewöhnlich von den Steinwürfen zertrümmert, (…) in der Regel (hielt) die SA Wache (…) und (war) zum Eingreifen bei Überfällen bereit (…)“

Tügel gab des Öfteren im Straßenkampf getöteten Nazi-Schlägern als Pastor das letzte Geleit und hielt seine Trauerpredigten als Reden vor den versammelten Parteigenossen. Tügel spürte schon damals seine Krankheit (chronischer Gelenkrheumatismus) sehr stark, aber „aus Liebe zu den Männern der Bewegung“ nahm er strapaziöse Trauer- und Propaganda-Märsche auf sich.

Kein Wunder also, dass er den 30. Januar 1933 so begrüßte: „Ein unbeschreibliches Hochgefühl, verbunden mit dem tiefsten Dank gegen den allmächtigen Herrn der Geschichte erfüllte mein Herz.“ Ähnlich wie zu Beginn des 1. Weltkriegs stilisierte er profane politische Ereignisse zu mystischen Erlebnissen hoch: „Gott oder Teufel – diese Alternative flammte wiederum in ungeheurer Deutlichkeit über dem ganzen Volke auf.“ Hitler führte in seinen Ansprachen immer wieder Gott im Munde und stellte sich als Kämpfer gegen den gottlosen Bolschewismus dar: „… die Berufung auf den christlichen Glauben innerhalb der politischen Bewegung (des Nationalsozialismus war) ganz klar mit dem Bewusstsein und Willen des Führers der Bewegung eins gewesen…“

Am 5. März 1934 wird Franz Tügel, der inzwischen Vertrauensmann der DC in Hamburg war, von der Hamburger Synode als Nachfolger von Simon Schöffel zum Landesbischof ernannt. Soweit Tügels Werdegang. Eine Beschreibung seiner Amtszeit, wie er sie autobiographisch darlegt, soll hier nicht stattfinden. Das wäre ein Thema für sich.

Den letzten Teil des Buches schrieb Bischof Tügel von Ende 1944 bis Mai 1945 unter dem Eindruck der völligen Niederlage des Dritten Reiches und der Zerstörung großer Teile seiner Heimatstadt. Er sieht die Niederlage als Rache Gottes dafür, dass der Nationalsozialismus sich von Gott entfernt habe und fühlt sich von Hitler getäuscht, der doch erst die christliche Basis seiner Bewegung beschworen habe – und dann der Kirche das Leben schwer machte.

Er nennt jetzt Bismarck den letzten großen Staatsmann und bezichtigt Hitler, „dem Christentum völlig entwurzelt, eine Lüge in sein Programm (geschrieben zu haben), sich der Aufklärung mit seiner Oberflächenschau des Menschen (verschrieben zu haben) und im Massengrab eines ganzen Volkes (geendet zu sein), in das er sogar das Reich mit hinunterriss, eine Strafe für alle Massengräber , die sein verbrecherisches Regime den Völkern zugedacht und weithin auch bereitet (habe).“ Dennoch ist für ihn der Sieg der Alliierten keine Befreiung, denn „die tiefste Tragik dieses Jahrhunderts (ist), dass ein Reich, das zum Bollwerk gegen die Flut organisierter Gottlosigkeit wie geschaffen war, durch eine wahnsinnige Führung sich selbst das Grab graben sollte und dass der Antichrist über diesem Grabe seine Siegestänze feiern durfte.“

Diese Worte dürfen nicht vergessen machen, dass Franz Tügel diese verbrecherische Politik mitgetragen hat. Er war nicht durch das System korrumpiert, sondern von dessen Richtigkeit überzeugt. Tügels Kritik während seiner Amtszeit richtete sich nur gegen einige Züge dieser Diktatur, mit deren technokratischen Ausprägungen er als Metaphysiker nicht übereinstimmte. Zwar betonte er immer wieder die Unabhängigkeit der Kirche von kurzfristigen politischen Erwägungen, lehnte bald die „Deutsche Christen“ und die Person des Reichsbischofs ab, blieb aber bis zum Schluss überzeugter Nationalsozialist.

Dieses durch die Hamburgische Landeskirche mitfinanzierte Buch wurde 1972 (!) angeblich „nicht (herausgegeben), um dem Verfasser eine späte Rechtfertigung, vielleicht aber mehr Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen“, sondern als „Quelle besonderer Art für das bessere Verstehen der jüngsten Geschichte“, wie es in der Einleitung heißt. Zweifelhaft ist dieser Vorsatz schon durch die Pseudo-Differenzierung zwischen „Rechtfertigung“ und „Gerechtigkeit“ und es drängt sich die Frage auf, warum dieses Buch eines fundierten und umfangreichen kritischen historischen Kommentars entbehrt. Auch der Klappentext wirft ein zweifelhaftes Licht auf die wirkliche Absicht der Herausgeber, denn er spricht von einem „Dokument einer Generation, der das Äußerste an Tatkraft und Ehrlichkeit gegen sich selbst abverlangt wurde“ und nennt den Nazi Franz Tügel einen „gewissensempfindlichen Autor“. Ich meine aber, dass diejenigen, die mit diesen Tugenden ausgestattet waren, sich als Antifaschisten im Widerstand gegen Hitlerdeutschland zusammenfanden. Bischof Tügel war durch seinen Antikommunismus, Antisemitismus und nationalen Chauvinismus eine Stütze der Nazidiktatur.

Holger Tilicki

zum Seitenanfang

Emigrantenschicksale in Frankreich: Else und Willy Wahls

Im Dezember 1999 waren unsere Räume kaum noch zu betreten: aus dem Nachlass von Willy Wahls hatten wird auf Initiative von Lise Köster einen in 67 Plastiktüten und einigen Kartons verpackten Bücherschatz erhalten! Zwischen unzähligen Bücher zur Geschichte der Arbeiterbewegung und zu aktuellen politischen Themen befanden sich zum Beispiel Lassalles „Reden und Schriften“ in drei Bänden (Berlin 1892) und Franz Mehrings „Geschichte der Deutschen Sozialdemokratie“ in vier Bänden (Stuttgart 1909). Dem Spender Bertrand Wahls herzlichen Dank für diesen Bibliothekszuwachs.

Am 2. Dezember 1999 starb Willy Wahls 95-jährig. Er war bis zum Schluss am Weltgeschehen interessiert und diskutierfreudig. Ein Besuch bei ihm in der Hufnerstraße 40 war immer ein Gewinn. Auch die Pflegerinnen und Pfleger kamen gern zu ihm. In allen Zimmern ragten Bücherregale bis zur Decke. Die Fächerbreite seiner schöngeistigen Literatur, seiner sachlichen Abhandlungen und Bildbände war außergewöhnlich. Etwa ein Drittel seines Buchbestandes war politischer Natur. Er hielt viel von dem Wort Francis Bacons „Wissen ist Macht“, auch ein Grund, warum er nach seiner Maschinenbaulehre bei Ortmann und Herbst die Arbeiterabiturientenkurse in Altona besuchte. Sein Studium an der Hamburger Universität musste er 1933 abbrechen. Er war, wie sein Bruder Otto, aktives Mitglied der KPD, trat dem „Kampfbund gegen Krieg und Faschismus“ bei und wurde kurz vor der Reichstagswahl am 5. März 1933 für zwei Wochen in Schutzhaft genommen. Da er seine politischen Aktivitäten, insbesondere das Verfassen von Texten, nicht einstellte, sollte er erneut verhaftet werden, konnte aber mit dem Fahrrad entkommen, wurde steckbrieflich gesucht, bleichte seine dunklen Haare mit Wasserstoffsuperoxid, lebte im Hamburger Umland im Zelt und floh im Herbst 1933 über die Schweiz nach Paris, nachdem er sich bei einem Blitzbesuch auf einer Geburtstagsfeier von seinen Verwandten und seiner schwangeren Lebensgefährtin Else Plantener verabschiedet hatte, – in der festen Überzeugung, nach einigen Monaten zurückzukehren.

Die Emigration dauerte zwölf Jahre. Es war eine harte Zeit. Er musste sich als unerwünschte Person, ohne Arbeitserlaubnis und ohne Untersützung in Paris durchschlagen. Er bewohnte ein Zimmer mit Wanzen, ohne Wasser, ohne Heizung und hatte häufig nichts zu essen. Der Kontakt nach Deutschland lief über einen befreundeten Polen. Seine Lage besserte sich, als es Willy Wahls gelang, seine Verfolgung in Deutschland nachzuweisen und zwei Bürgen dafür zu benennen. Er erhielt Asyl und eine Identitätskarte. Das Quäkerkomitee für Flüchtlinge beschäftigte ihn vorübergehend. Er konnte seiner Else die verschlüsselte Botschaft übermitteln, dass er sie mit der Tochter in Paris erwarte. Aber Else hatte ihren Pass einer Freundin für die Flucht überlassen und musste nun versuchen, selbst mit ihrer anderthalbjährigen Tochter illegal das Land zu verlassen. Schwester und Schwager brachten sie im Südschwarzwald zur Eisenbahn, die bei Schaffhausen durchs Rheintal auf Schweizer Gebiet führt. In Schaffhausen stieg sie aus; ein Schweizer Sozialdemokrat empfing sie am Bahnhof mit einer Blume, nahm ihr das Kind ab und führte sie als seine Ehefrau an den Grenzkontrollen vorbei.

In Paris konnten Else und Willy nun endlich heiraten, aber die Lage dort wurde für Else fast noch schwieriger als für ihren Mann. Bei Beginn des Krieges kam Willy in das Internierungslager Villemallard, wurde mehrfach verlegt, u.a. in die Lager St. Nicolas, Antibe und Les Milles. Hier lernte er Lion Feuchtwanger und andere bedeutende Künstler kennen. Die Gespräche waren anregend, aber die hygienischen Verhältnisse katastrophal: Nur 7 Latrinen für fast 3000 Gefangene. Auch das berüchtigte „Todeslager“ Gurs in den Pyrenäen blieb ihm nicht erspart. Der Künstler Max Lingner, ein Leidensgenosse, hat die Verhältnisse dort in Zeichnungen festgehalten. Die Baracken dort waren kalt und zugig, die Latrinen ohne Dach, das Essen knapp; es gab fast nur Topinamburknollen, die in Frankreich für die Schweinemast angebaut werden. Auf den Wegen versackte man im Schlamm. Täglich wurden Tote im Lastwagen weggefahren. Willy Wahls wurde in Gurs zufällig von einer Quäkerorganisation entdeckt, die dafür sorgte, dass er nach Noë in ein Krankenhaus kam. Dort holte ihn ein französischer Freund heraus und besorgte ihm Arbeit in einem Kinderheim.

Else Wahls erlebte zwei furchtbare Jahre in Paris. Als die deutschen Truppen nahten, bemühte sie sich darum, mit der Pariser Bevölkerung evakuieren zu lassen. Inzwischen war sie Mutter von zwei Kindern geworden; Bert, ein Junge, war am 27. Februar 1940 zur Welt gekommen. Doch die französischen Behörden lehnten ihr Gesuch ab, weil sie Deutsche war. Fünf Monate wusste sie nicht, wo ihr Mann verblieben war. Freunde waren fort aus Paris, der Briefwechsel mit der Heimat nicht mehr möglich. Zur Einsamkeit kam die ständige Angst vor Verhaftung und Verhören durch die Deutschen (sie war ja die Frau eines „Hochverräters“), Furcht vor Denunziationen durch französische Nachbarn und vor Bescheiden der französischen Behörden. Mit großen Beklemmungen meldete Else ihre Tochter Else Karin in der französischen Schule an und ermahnte sie, ja kein Wort deutsch zu sprechen. Der Hass auf die Deutschen war groß. Else wagte nicht, einen französischen Arzt aufzusuchen. Der kleine Bert wäre fast an Unterernährung gestorben. Da Else keine Lebensmittelkarten bekam, war die Muttermilch zu wenig gehaltvoll. Die gab es für Deutsche nur in der deutschen Kommandantur. Elses Dachkammer war im Sommer heiß, im Winter kalt. Das obere Ende der Bettdecken war zuweilen vom feuchten Atem steif gefroren. Mit Einbruch der Dunkelheit ging sie mit den Kindern ins Bett. Wo sollte auch das Geld für die Stromrechnung herkommen; sie konnte nicht einmal die Miete bezahlen.

1942 kam dann die erlösende Nachricht von Willy, sie könne die beiden Kinder zu ihm ins Kinderheim Château Grammont im unbesetzten Südfrankreich schicken. Gilbert Le Sage würde ihr behilflich sein. Der holte tatsächlich zusammen mit seiner Sekretärin die Kinder in Paris ab, lud sie in sein Auto mit Regierungsstander und wies an der Demarkationslinie seinen Chauffeur an, einfach weiterzufahren. Else gelang dann später beim Blumen pflücken der Schritt über die Demarkationslinie – im Sommerkleid und ohne Gepäck.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Südfrankreich musste Familie Wahls abermals in die Illegalität. Die Petain-Regierung hatte sich verpflichtet, „auf Verlangen alle Deutschen, die von der deutschen Regierung gewünscht würden, auszuliefern.“ Familie Wahls zog unter falschem Name umher, bis sie schließlich in einem aufgegebenen Bauernhaus in den Bergen der Ardèche nahe Alboussière eine Bleibe fanden. Der Bäcker des Ortes gehörte der Résistance an und warnte Willy Wahls immer dann, wenn die Deutschen im Ort herumschnüffelten.

Willy Wahls kehrte 1945 allein nach Hamburg zurück um festzustellen, wer von den Freunden und Verwandten noch lebte und wo er mit seiner Familie in der zerbombten Stadt unterkommen könnte. Sein Vater, der in der Nazizeit zweimal verhaftet worden war, weil die Gestapo seiner Söhne nicht habhaft werden konnte, war 1942 gestorben. Mutter und Schwester lebten schon lange nicht mehr. Sein Bruder war nach Mexiko emigriert. Doch von Schwager und Schwägerin wurde Willy herzlich aufgenommen. Im Sommer 1946 holte er seine Familie nach Hamburg, nachdem seine Tochter in Alboussière ein französisches Schulabschlusszeugnis erhalten hatte.

Die Ängste und die schwierigen Lebensverhältnisse in der französischen Emigration hatten Else und Willy Wahls arg zugesetzt. Else war häufig matt und entschlusslos. In Gesellschaft aber blühte sie auf. Sie hatte immer ein mitfühlendes Herz. Sie starb 1986.

Willy kam mit krankem Herzen aus Frankreich zurück. Um so erstaunlicher ist es, dass er ein so hohes Alter erreichte. Sein Lebenstraum galt einem wahrhaft brüderlichen Kommunismus. Er war ein strikter Gegner Stalins und auch Ulbrichts. Ereignisse, wie der Prager Frühling und Gorbatschows Umwälzungen erfüllten ihn mit Hoffnung. Er starb, nachdem seine Träume zerronnen waren. Seine Tochter saß in seiner Todesstunde an seinem Krankenhausbett und sang ihm Lieder vor. Als sie die Marseillaise anstimmte, leuchteten seine Augen.

Lise Köster

zum Seitenanfang

Hamburger Jugendliche restaurieren jüdische Gräber in Wien

Im Sommer letzten Jahres bekam die Willi-Bredel-Gesellschaft einen Brief von Gerhard Rumrich, der als Sozialpädagoge in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde „Zu den zwölf Aposteln“ in Lurup Jugendsozialarbeit betreibt. Er stellte uns mittels einiger Reiseberichte einen wichtigen Teil seiner Arbeit vor: Seit 4 Jahren, immer in den Herbstferien, fährt er mit seiner Jugendgruppe nach Wien, um dort zusammen mit dem Verein „Schalom“ verfallene Grabstätten auf dem jüdischen Teil des Zentralfriedhofs zu restaurieren. Mit diesem grenzüberschreitenden, humanitären Einsatz soll Vergangenheit aufgearbeitet und eine friedliche Zukunft im Zusammenleben der Religionen und Menschen unterstützt werden. Wir fanden diese Aktion so beeindruckend, dass wir seiner Bitte, die Reise im Herbst 1999 mit einer Spende zu unterstützen, trotz unserer vielfältigen finanziellen Belastungen, sofort nachkamen. Hier nun - etwas gekürzt - sein Bericht von der Reise, die vom 18.10.–30.10.1999 stattfand:

Zwölf Jugendliche unterschiedlichster Nationalitäten aus Lurup – Iraner, Polen, Türken und Deutsche – taten sich zusammen, um auf dem jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs, Grabsteine zu restaurieren. Jeder der Jugendlichen ist mit seinen ganz persönlichen Vorstellungen und Wünschen am 18.10.1999 in den Zug gestiegen. Die Aufregung vor der Fahrt war sehr groß. Die Erzählungen von den letzten Wienaufenthalten hatten ihre Wirkung gezeigt.

Am nächsten Tag fuhren wir auf den Friedhof, wo uns Magister Pagler schon erwartete. Er begrüßte uns und wir ließen uns das Gräberfeld zeigen, das wir dieses Jahr bearbeiten sollten. Wir machten uns motiviert an die Arbeit. Die Jugendlichen begannen die Schriftzüge zu säubern und dann mit Farbe auszumalen. Da es sehr kalt war, brachten uns Arbeiter warmes Wasser. Mit einem Bimsstein und dem warmen Wasser haben wir die Schriftzüge, nachdem die Farbe getrocknet war, abgeschliffen. Die mit Farbe ausgefüllten Vertiefungen der eingravierten Schrift wurden so wieder erkennbar. Trotz der großen Kälte bearbeiteten wir am ersten Tag bereits 17 Grabsteine. Inspiriert durch unsere Tätigkeit sind wir zu den Grabstellen gegangen, die wir in den letzten Jahren restauriert hatten und haben uns diese angesehen.

Unterbrochen von Stadtbesichtigungen und Freizeit wurde die nächsten Tage weitergearbeitet. Ein Journalist vom Wiener „Kurier“ fotografierte uns bei der Arbeit und befragte uns nach dem Grund dieser Aktion. Die Freude bei meinen Kindern war groß, als nach einigen Tagen ein Artikel und ein Bild in der Zeitung erschienen.

Am Wochenende haben wir auf Einladung des Vereins „Schalom“ das Jüdische Museum besucht. Dort war eine Ausstellung über Karl Kraus zu sehen.

Im Hotel gab es eine Begegnung mit Gymnasiasten aus Regensburg. Als meine Jugendlichen von unserer Arbeit auf dem Friedhof berichteten, stießen sie auf großes Unverständnis und die ganze Situation bekam eine leicht aggressive Atmosphäre.

Für mich war es nicht nur wichtig auf dieser Reise über Toleranz, Völkerverständigung, Rassismus und Geschichte zu sprechen, sondern die Situationen, die während des Aufenthalts entstanden sind, aufzugreifen und über die persönlichen Interessen und Probleme der Jugendlichen zu sprechen. Mein Anliegen ist es, an Hand von entstandenen Situationen, Sozialverhalten und Zwischenmenschlichkeit zu vermitteln.

Ich würde mich freuen, wenn wir die Möglichkeit hätten, im nächsten Jahr wieder eine Aktion auf dem Friedhof zu realisieren.

Gerhard Rumrich

zum Seitenanfang