Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Hier wird Geschichte bewahrt

Dauerausstellung in der letzten Baracke für Zwangsarbeiter beleuchtet Hamburgs dunkles Kapitel

Von Christian Hanke
aus Hamburger Wochenblatt
Wochenendausgabe für Hamburg Nordosten – Nr.16 23.4.2016

FUHLSBÜTTEL In einer ganz stillen Ecke von Fuhlsbüttel, einer Sackgasse, dem Wilhelm-Raabe-Weg, mit hübschen Einzelhäusern, aber ganz dicht am Flughafen, steht die letzte Original-Zwangsarbeiterbaracke Hamburgs. Die Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt e.V., die sich im Raum Fuhlsbüttel, Langenhorn Ohlsdorf, Groß Borstel um Historisches kümmert, hat sie 1998 erworben und dort drei Dauerausstellungen eingerichtet, die über Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg informieren.

In einem der vier Segmente, in das die Baracke unterteilt ist, veranschaulichen zwei Doppelbetten, ein alter Ofen, Original-Gebrauchsgegenstände und Fotos sowie das nachgebaute Büro der Lagerleitung den Alltag in der Zwangsarbeiterunterkunft, die vom September 1943 bis April 1945 bestand. In zwei weiteren Segmenten gibt die Ausstellung „Zwangsarbeit in Hamburg”, eine Dauerleihgabe der Gedenkstätte KZ Neuengamme, einen überblick über dieses dunkle Kapitel Hamburger Geschichte.

Die in dunklem Rot gehaltene Holzbaracke macht heute einen sauberen, adretten Eindruck. Der Verein zur Förderung der Selbsthilfe „Mook Wat” hat die Baracke 1998 bis 2000 saniert, nachdem die Willi-Bredel-Gesellschaft sie 1997 vor dem Abbruch gerettet hatte.

Die Nähe des Flughafens stand Pate beim Bau der Baracke im September 1943. Sie und zwei identische Gebäude, die 1957 abgerissen wurden, sowie eine Sanitär- und Abortbaracke, von der noch ein kleiner Teil erhalten geblieben ist, waren gebaut worden, um eine in der Nähe an der Ecke Alsterkrugchaussee/Weg beim Jäger gelegene Unterkunft für Zwangsarbeiter zu ersetzen, die bei den schweren Bombenangriffen im Sommer 1943 zerstört worden war. 144 Zwangsarbeiter aus den Niederlanden, Frankreich, Italien und einzelne aus anderen Ländern zogen ein. Sie arbeiteten bei der ebenfalls in der Nähe gelegenen Firma Röntgenmüller, zwischen Röntgen- und Sengeimannstra ße, auf dem Gelände der heutigen Philips Research, die damals auch Rüstungsgüter herstellte. Weil Röntgenmüller damals schon zu Philips gehörte, waren vermutlich besonders viele Holländer am Wilhelm-Raabe-Weg untergebracht. Sie bildeten mit 60 Zwangsarbeitern die grö ßte Gruppe der neuen Unterkunft.

Hunger und Ungeziefer

Betrieben wurde die Unterkunft von der Firma Kowahl & Bruns, die eigentlich mit Garten- und Landschaftsbau ihr Geld verdiente, aber im Krieg Tarnnetze baute, um Flughäfen und andere Einrichtungen zu verstecken.

Im Vergleich mit ihren Leidensgenossen aus Osteuropa hatten es die 144 Bewohner der Baracken am Wilhelm-Raabe-Weg gut. Sie wurden nicht bewacht und konnten sich am Wochenende frei in Hamburg bewegen. Doch auch sie hungerten, froren und mussten sich an Ungeziefer gewöhnen. Die Aufseher gingen mit den Arbeitern, die in ihren Ländern zwangsrekrutiert worden waren, nicht zimperlich um. Als einer der holländischen Arbeiter sich krank meldete, wurde er als Simulant bezeichnet und trotzdem zur Arbeit geschickt. Einige Wochen später war er tot. Das einzige Todesopfer der Fuhlsbüttler Zwangsarbeiterunterkunft, für das auch ein Stolperstein vor der Baracke verlegt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg dienten die Baracken als Behelfsunterkünfte. Bis 1997 wurde das einzige vollständig erhalten gebliebene Gebäude noch von vier Partien bewohnt. Unter anderem von einem Sohn des letzten Lagerleiters Fritz Kowahl.

Die Dauerausstellungen sind jeweils am ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr zu sehen.